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"Ein bisschen wie im Profifußball"

Rüdiger Strehl im Tageblatt-Interview "Ein bisschen wie im Profifußball"

Rüdiger Strehl, Vorsitzender des Stiftungsausschusses der Universitätsmedizin Göttingen, spricht über die Zukunft der Universitätsklinika, den Wettkampf um Führungskräfte und die Bedeutung von moderner Infrastruktur.

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Rüdiger Strehl

Quelle: r

Sie haben in der Vergangenheit wiederholt auf die unzureichende Finanzausstattung deutscher Universitätskliniken hingewiesen. Die Sonderstellung dieser Häuser würden nicht ausreichend berücksichtigt. Gestern verkündete das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Rekordetat für 2018 von rund 17,6 Mrd Euro. Wird jetzt alles gut?

Zunächst einmal muss man anerkennen, dass Frau Wanka in den Verhandlungen um den Bundeshaushalt sehr erfolgreich gewesen ist. Diese zirka 18 Milliarden Euro sind ein Spitzenwert, der so in der Vergangenheit noch nie dagewesen ist. Man muss allerdings berücksichtigen, dass davon vielleicht ein Sechstel in die Medizinforschung geht. Also etwa drei Milliarden Euro. Wenn man würdigen will, ob das ein massiver Beitrag zur Verbesserung der Finanzsituation der Universitätsklinika ist, muss man sich deren Finanzierungsstruktur vergegenwärtigen. Die Krankenversorgung macht den überwiegenden Teil der Kosten und Erträge aus. Dann folgen Landesmittel für Forschung und Lehre als der zweitgrößte Posten. Das Dritte sind Landeszuschüsse für Bauten und Investitionen in Infrastruktur. Und dann kommt erst als viertes Segment die Förderung von wissenschaftlichen Projekten durch das Ministerium.

Meine Aussage, dass wir es mit einer Finanzkrise der Universitätsklinika zu tun haben, bezieht sich einerseits auf die schwierigen Rahmenbedingungen in der Krankenversorgung. Hochleistungskliniken wie die UMG bekommen durch das DRG-System (Diagnosis Related Groups) und die Budgetierung nicht alle Leistungen bezahlt. Außerdem hat das Land Niedersachsen in den vergangenen 20 Jahren so gut wie gar nichts in die Bauten und in die medizinische Infrastruktur der UMG investiert. Das Wunder war jetzt, dass unsere Überlegungen, die marode bauliche Situation durch Schaffung eines Sondervermögens zu verbessern, bei Teilen der Landespolitik auf offene Ohren gestoßen sind. Hier wurde in einem parlamentarischen Akt, den ich in meinen 40 Berufsjahren so nicht erlebt habe, ein Konzept für die bauliche Sanierung in den nächsten 15 bis 20 Jahren für die Häuser in Hannover und Göttingen inklusive einer ersten Finanztranche aufgelegt. Das ist in der politischen Geschichte der Bundesrepublik einmalig.

Mit der "Strategie 2020" will sich die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) fit machen für den sich verschärfenden Wettbewerb um Finanzen und qualifizierte Köpfe. Was ist in Ihren Augen dabei das wichtigste Handlungsfeld?

Die absolute Priorität haben Bau und Infrastruktur. Da muss etwas passieren, sonst geht es hier nicht weiter. Die zweite Priorität liegt aus meiner Sicht auf dem Personal. Bei der Gewinnung von Wissenschaftlern und Pflegepersonal zeichnet sich ein zunehmender Engpass ab. Das dritte Handlungsfeld, was ich auf das Treppchen stellen würde, ist die IT-Struktur. Wenn man sich die Situation hier im alten Gebäude ansieht, ist das überfällig.

Anlässlich der Vertragsverlängerung der UMG-Vorstandsmitglieder Prof. Heyo K. Kroemer und Dr. Sebastian Freytag wiesen Sie im April auf den überschaubaren Markt für Führungskräfte in Wissenschaftseinrichtungen hin. Wie sieht dieser Wettbewerb aus?

Ich bekomme aufgrund meiner früheren Tätigkeiten auch heute noch mit, wenn Stellen zu besetzen sind und welche Personen dabei hoch gehandelt werden. In diesem Bereich geht man traditionell relativ ungeniert vor. Man fragt nicht, sondern bringt Namen ins Gespräch. Irgendwann erfährt auch der Betroffene davon. Das ist schon ein bisschen wie im Profifußball, mit einem Unterschied: Es gibt bei uns noch nicht diese Berater.

Der UMG-Vorstand hat seine Verträge für weitere sechs Jahre verlängert. War es schwer, die Herren in Göttingen zu halten?

Wir wissen von unseren Vorständen, welche Standorte sich um sie bemüht haben, wo sie auf den Kandidatenlisten standen. Wir hatten uns im Rahmen der Vertragsverlängerungen aber darauf verständigt, dass auf absehbare Zeit das Berufsgeschehen für die Vorstände und mein nebenamtliches Wirken auf Göttingen bezogen sein sollen. Wenn man so eine Resonanz vom Land bekommt, wie jetzt Göttingen in den letzten sechs Monaten, dann gehört sich das einfach, dass man diese Chance auch nutzt. Dazu zählt auch die Attraktivität des Gesamtpakets am Standort UMG, das so vergleichbar woanders kaum vorzufinden ist: das Stiftungsmodell, die Bau- und Modernisierungsperspektive im Hinblick auf modernste Medizin, der wissenschaftlich breit und exzellent aufgestellte „Göttingen Campus“.

Herr Kroemer hob kürzlich die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit in einer "exquisit guten Truppe" hervor. Welche Rolle spielt diese interdisziplinäre Kooperation?

Bei der Berufung von Spitzenkräften spielt die Frage des interdisziplinären Verbundes tatsächlich eine große Rolle. Wenn man weiß, wo die eigenen Stärken liegen und sich darum kümmert, was die Schwächen andernorts sind, dann kann man in Berufungsverhandlungen Erfolg haben. So konnten wir in der Vergangenheit auch einige Rufe an die Berliner Charité abwehren. Der Vorstand hat zudem in den letzten Jahren alle Erstplatzierten auf den Berufungslisten der Fakultät auch bekommen. Das spricht für die Universitätsmedizin in Göttingen und das spricht auch für den Vorstand.

Das Leipziger Uni-Klinikum hat vor einigen Tagen eine positive Bilanz für das Jahr 2016 mit einem Plus von 3,1 Millionen Euro vorgelegt. Und das bei steigenden Mitarbeiterzahlen und Tarifsteigerungen. Ein Vorbild für Göttingen?

Zunächst einmal hat Leipzig im Unterschied zu Göttingen nach der Wende 700 Millionen Euro in das Klinikum investieren können. Wir haben in Göttingen eine schwarze Null. Wenn sie hier mal die fünf bis sieben Millionen Euro abziehen würden, die jedes Jahr in unnützigen Bauunterhaltung gesteckt werden, dann stünden wir wirtschaftlich noch besser da. Wenn wir die bauliche Situation in den Griff bekommen, dann schaut Leipzig eher nach Göttingen und nicht umgekehrt.

Wie wichtig ist das wissenschaftliche Umfeld in Göttingen für die UMG und ihre Zukunftsstrategie?

Die Bedeutung dieses Zusammenspiels ist überragend wichtig. Wenn Universität und Klinikum für sich allein stünden, hätten sie lange nicht dieses Standing in Deutschland. Der Verbund mit Max-Planck-Instituten, Deutsches Primatenzentrum - angedacht wird zudem eine Zusammenarbeit mit Fraunhofer - hat bei größeren Investitionen oder auch personell unschlagbare Vorteile. Ich denke, alle Partner sind sich dessen bewusst und gehen entsprechend pfleglich miteinander um.

Welche Rolle spielt bei der Verpflichtung von neuem Personal die bauliche Infrastruktur?

Derzeit haben wir fix 300 Millionen Euro aus dem Sondervermögen, 150 Millionen Euro bewilligt das Land für den Bauabschnitt 1a und 30 Millionen mit Bundesfinanzierung für das Heart and Brain Center. Das ist etwas, was hohe Attraktivität ausstrahlt. Und wenn das jetzt zügig realisiert wird und wir nicht in die bürokratischen Zeiten öffentlichen Bauens zurückfallen, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass Göttingen sich gut positionieren wird.

Muss sich an der Finanzierung der Universitätskliniken etwas ändern?

Unsere Forderung nach einem Systemzuschlag für die Universitätsmedizin, wie es sie beispielsweise in den Niederlanden gibt, wurde bisher nicht aufgenommen. Der Systemzuschlag müsste zu 80 Prozent aus dem Gesundheitsfond und zu 20 Prozent aus dem Etat von Frau Wanka kommen. Für diese Idee, für die sie als niedersächsische Landesministerin noch eingetreten ist, hat sie derzeit aber kein offenes Ohr. Da kann man mal sehen, was Rollenwechsel bedeuten kann in der sachlichen Positionierung.

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