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Über Ärger und Maßlosigkeit

Philosophin Nussbaum in der Paulinerkirche Über Ärger und Maßlosigkeit

Ärger rüttelt Menschen auf, lässt sie gegen Unrecht aufbegehren, treibt sie an, Übeltäter zu bestrafen. „Nur zu leicht kann diese positive Kraft jedoch selbst Unrecht verursachen und bei anderen Ärger auslösen“, hat Philosophin Martha C. Nussbaum am Mittwochabend beim Göttinger Philosophischen Kolloquium gewarnt.

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Martha C. Nussbaum.    

Quelle: CH

Göttingen . „Menschen, denen Unrecht angetan wurde, neigen in ihrem Ärger zu Maßlosigkeit“, führte die US-amerikanische Wissenschaftlerin, die an der Universität Chicago lehrt. Sie sprach vor mehr als 200 Menschen in der Paulinerkirche. Dutzende mussten wieder gehen, weil sie keinen Platz bekamen.

„Die Opfer von Unrecht wollen den Täter oft leiden sehen. Er soll büßen“, erläuterte Nussbaum. Der Grund: Opfer fühlten sich durch die Tat gedemütigt und wollten den Täter nun ihrerseits demütigen. „Solche Gefühle sind insbesondere bei traumatisierten Menschen verständlich“, betonte die Professorin mit Blick etwa auf ehemalige Häftlinge von Konzentrationslagern.

„Täter müssen bestraft werden, allein schon wegen der Abschreckung“, stellte die Philosophin auf Nachfrage klar. Das sei aber Aufgabe von unparteiischen Richtern und müsse nach klaren Regeln erfolgen. Es helfe einem Opfer und dessen Angehörigen nichts, sich ihrerseits an Tätern zu vergehen. Das mache erlittene Verluste nicht wett und stelle den früheren Zustand nicht wieder her. Gewalt führe nur zu neuem Ärger und damit in der Regel zu neuer Gewalt.

Nussbaum warb dafür, sich über die eigenen Gefühle klar zu werden und Vernunft walten zu lassen. Dazu sei Selbstreflektion nötig. Nelson Mandela, der den Kampf der Schwarzen gegen das südafrikanische Apartheidsregime anführte, habe dafür 27 Jahre im Gefängnis Zeit gehabt. Nach seiner Befreiung habe er versucht, die Weißen für einen gemeinsamen Neuanfang zu gewinnen.

„Den eigenen Ärger zu zügeln, ist schwer“, räumte Nussbaum ein. Von anderen werde das zudem oft als Schwäche missverstanden. Mahatma Gandhi, der die indische Unabhängigkeitsbewegung leitete, sei von einem Hindu-Nationalisten ermordet worden. Die Rechten in Indien empfänden Gandhis Kurs der Gewaltlosigkeit bis heute als „unmännlich“. Sie unterschätzten, wie viel Mut und innere Stärke er verlange.

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