Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Über außereuropäische Sammlungen

Göttinger Ethnologin über "Dinge zweifelhafter Herkunft" Über außereuropäische Sammlungen

Alte Dinge wertzuschätzen und als „Weltkulturerbe“ bewahren zu wollen, ist eine westliche Vorstellung: Darauf hat die Ethnologin Prof. Brigitta Hauser-Schäublin aus Göttingen in ihrer Abschiedsvorlesung hingewiesen.

Voriger Artikel
Nobelpreisträger Michel über Energie und Motoren
Nächster Artikel
Göttinger untersuchen lebende Zäune

Objekt aus Polynesien: Federbildnis kii hulu manu ist Teil der 1782 für die Universität Göttingen erworbenen Cook-Sammlung.

Quelle: dpa

Göttingen. Verschiedene Gesellschaften wehrten sich gegen diese Form „kultureller Missionierung“.

„Auf Papua-Neuguniea schämen sich Menschen über den animistischen Glauben ihrer Vorfahren“, führte die Wissenschaftlerin in ihrem Vortrag über außereuropäische Sammlungen in westlichen Museen aus. Die Dschihadisten des Islamischen Staats zerstörten in Syrien und dem Irak sogar gezielt sakrale Kunstschätze aus vorislamischer Zeit, die sie als heidnisch betrachteten. Damit gehe eine Absage an kulturelle Vielfalt und Dialog einher.

Die Ethnologin, die in der Aula am Wilhelmsplatz sprach, hält den Begriff des Weltkulturerbes aber auch aus einem anderen Grund für problematisch. Er erwecke den Eindruck, als gebe es so etwas wie die „kulturelle Blutlinie“ eines Volkes. Das begünstige nationalistische, auf Abgrenzung zielende Auffassungen. Der gesellschaftliche Wandel, Brüche in der Geschichte oder Austausch mit anderen Kulturen gerieten aus dem Blick.

Ein vermeintliches Kulturerbe, so die Professorin, stifte Identität. Unter Verweis auf ein solches Erbe konstruierten einst kolonisierte Völkern eine „eigenständige Vergangenheit“. Sie könnten zudem die Rückforderung „nationaler Kulturgüter“ von westlichen Museen rechtfertigen. Deren „kulturelle Kostbarkeiten“ wandelten sich zu „Dingen zweifelhafter Herkunft“.

„Museen im Westen distanzieren sich heute oft von ihren ethnoligischen Sammlungen“, hat die Wissenschaftlerin beobachtet. Das treibe zum Teil seltsame Blüten. Die Verantwortlichen ließen die Ausstellungsstücke von Künstlern aus ihrem historischen Kontext lösen und in Installationen darstellen. Sie folgten rein ästhetischen Vorstellungen.

Das Unbehagen mit ethnologischen Sammlungen, so Hauser-Schüblin, habe mit dem Kolonialismus zu tun. Im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hätten Europäer die Eroberung der Welt mit evolutionären Geschichtsmodellen gerechtfertigt. Die entwickelte Welt müsse über „primitive Völker“ herrschen, habe es damals geheißen. Sammlungen hätten das belegen sollen.

Die Wissenschaftlerin erinnerte jedoch daran, dass eine Reihe von Ethnologen solche Vorstellungen zurückgewiesen hätten. Auch sei es falsch, dass die Sammlungen ausschließlich aus Raubgut beständen. Die Professorin empfiehlt, deren Geschichte in den Ausstellungen selbst zu thematisieren.

Die Ethnologin ging auch auf postmoderne Theorien ein, die in den 1970er-Jahren aufkamen. Dort wird unter anderem die Autorität des Ethnologen bei der Auswahl und Deutung von Gegenständen in Frage gestellt. Hauser-Schäublin rät Ausstellungsmachern, mit Menschen aus jenen Kulturen ins Gespräch zu kommen, aus denen die Exponate stammen.

Von Michael Caspar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ausstellung „on/off“ über den Nobelpreis in der Alten Mensa Göttingen