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Ulrike Beisiegel im Tageblatt-Interview: "Exzellent auch ohne Exzellenz-Initiative"

Präsidentin der Göttinger Universität über zweite Amtszeit, Doktorgrade und Innovationen Ulrike Beisiegel im Tageblatt-Interview: "Exzellent auch ohne Exzellenz-Initiative"

 Ulrike Beisiegel, seit 2011 Präsidentin der Universität Göttingen, will eine zweite Amtszeit übernehmen. Über ihre Pläne als Universitätspräsidentin, über die Vorbereitung auf die Exzellenz-Initiative, die Aberkennung von Doktorgraden und die Notwendigkeit von Innovationen an der Georgia Augusta sprach die 62-jährige Hochschulmanagerin im Tageblatt-Interview.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Universität Göttingen konnte im Jahr 2012 in der Exzellenz-Initiative nicht auf allen Ebenen punkten. Der nächste Wettbewerb steht an, wie sind die Chancen der Georgia Augusta?

Das können wir noch nicht wissen, weil es noch keine konkrete Ausschreibung gibt. Aber, wir, die Mitarbeiter, die Mitarbeiterinnen und die Professorenschaft, haben uns gut vom Tief im Jahr 2012 erholt. Die Universität steht gut da: Sie ist immer noch im THE-Ranking auf Platz zwei in Deutschland und unter den besten 100 Universitäten der Welt. Wir haben die Höhe der Drittmittel halten können, auch ohne die Fördermittel durch die Exzellenz-Initiative. Das zeigt, wir sind exzellent auch ohne Exzellenz-Initiative. Der Göttingen Campus, das sind die Universität und die außeruniversitären Forschungsinstitute, bereitet sich seit einem halbem Jahr auf die Fortsetzung der Initiative vor. Wir setzen darauf, dass wir durch den Göttingen Campus die besten Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre schaffen werden. Und wenn wir die haben, sind wir auf jede Art von Ausschreibung vorbereitet. Die aktuell zu verbessernden Rahmenbedingungen sind zum einen die Infrastruktur zum anderen das soziale Umfeld, um die besten Köpfe der Wissenschaft hierher zu holen und hier zu halten. Infrastruktur fängt an mit den Gebäuden und hört auf mit der Informationstechnologie. Unsere Forscher arbeiten wunderbar zusammen, aber wir müssen gemeinsam die Forschungsinfrastruktur verbessern: Beispielsweise die Nutzung der Forschungswerkstätten, deren Benutzung oder Einsatz für unsere Partner aufgrund von bürokratischen Vorgaben gar nicht so einfach ist. Solche administrativen Hürden zu überwinden ist sehr wichtig für das Funktionieren der Campus-Idee.

Es geht aber auch um die Forschenden. Das Holen und Halten der besten Köpfe ist wichtig. Deshalb engagiere ich mich auch in der Stadt. Wenn ich Menschen aus der ganzen Welt holen will, dann müssen ihnen auch attraktive Rahmenbedingungen und ein gutes soziales Umfeld geboten werden. Wichtig ist aber noch ein Aspekt, den ich schon zu Beginn meiner Amtszeit mit dem Wort "Entschleunigung" ins Spiel gebracht habe. Ich will den Forschenden mitteilen: hier habt ihr Zeit zum Denken, zum Arbeiten - hier versuchen wir nicht so viel Druck aufzubauen.

Die angekündigte „Entschleunigung“ hat bei Ihrem Amtsantritt im Januar 2011 viele überrascht; wie ist das heute?

Die Reaktion anfangs war, das wär ja schön, aber das schaffen wir nie! Inzwischen ist es aber in einigen Bereichen gelungen: Im Präsidium wurde eine zusätzliche Position eines Vizepräsidenten geschaffen und damit die Bereiche Internationales und Forschung getrennt. Damit wird den Forschenden ein besserer Service in beiden Bereichen geboten. Auch haben wir aufgehört zu sagen, dass die Drittmittel weiter erhöht werden müssen. Unser Standpunkt ist, dass die Drittmittel-Einwerbung mit neun Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine gute Basis ist. Diese zu halten ist wichtig, weniger der Ausbau.

Im nächsten Jahr ist das letzte Jahr Ihrer ersten Amtszeit. Was haben Sie in dieser Zeit von dem erreicht, was Sie sich vorgenommen hatten? Können Sie das prozentual angeben?

Fragen Sie, ob es um eine Amtszeit geht oder um den Weg, den man braucht, um Dinge umzusetzen? Im Moment würde ich sagen, ich habe 50 Prozent erreicht. Es macht Spaß, diese Universität zu leiten. Deshalb würde ich es auch gerne noch eine Amtszeit übernehmen. Ich habe ein hervorragendes Team und noch einiges vor.

Sie stehen also für eine zweite Amtszeit bereit. Sind an der Universität auch alle maßgeblichen Personen auf Ihrer Seite?

Wenn Sie in einer Führungsposition nur Freunde haben, haben Sie etwas falsch gemacht. Auch in meinem Fall gibt es sicher Stimmen, die sind dagegen, und andere wollen, dass ich eine weitere Amtszeit übernehme.

Rechnen Sie mit einem Gegenkandidaten?

Das Wahlprozedere ist gesetzlich geregelt. Im Herbst wird entschieden, ob es eine Wiederwahl mit Ausschreibung und möglichen Gegenkandidaten geben wird.

Wenn es einen Gegenkandidaten gibt, gibt es dann auch einen Wahlkampf?

Einen „Wahlkampf“ gibt es im Hochschulbereich eher nicht, aber die Kandidaten stellen sich vor und erklären ihre Ziele. Für meine zweite Amtszeit ist für mich klar, dass die Exzellenz-Initiative im Mittelpunkt steht. Im nächsten Jahr müssen wir die Weichen für eine erfolgreiche Bewerbung stellen. 2016 ist entscheidend für die Antragstellung. Das ist für die Zukunft der Universität mehr als wichtig. Das ist mein ganz primäres Ziel und ich würde es gerne machen – und zwar nicht ich alleine, sondern mit der gesamten Universität. Ich bin davon überzeugt, dass ich jetzt ausreichend Erfahrung habe, um so in dem Prozess auf Erfolgskurs zu gehen.

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Noch einmal zu den Vorhaben, die Sie realisieren konnten. Was ist konkret erreicht worden?

Die Universität für die Stadt zu öffnen. Eine Stadt, die Wissen schafft, benötigt eine Universität, die zeigt, wie sie Wissen schafft. Ich wollte gleich zu Beginn meiner Amtszeit die Universität öffnen für die Stadt und die Region, um sie den Bürgern zu zeigen. Die Nacht des Wissens, Tage der offenen Tür an Orten wie Aula und Sternwarte, aber auch in Fakultäten. Das habe ich erreicht. Dagegen arbeiten wir noch daran, die Ausgründungen von Firmen und das Fundraising zu stärken. Aber auch das läuft und beginnt, Spaß zu machen. Und nicht zuletzt ist ein großes und spannendes Projekt das Forum Wissen...

Wie geht es den Molchen?
Ich hoffe, dass es ihnen gut geht. Wir werden sie nicht vertreiben. Mit der Integration von Wildtieren hat die Universität auf dem Nordcampus schon Erfahrungen. So wird es kein Problem, für die Molche den Teich, wenn auch in gepflegterer Form, zu erhalten.

Der Teich ist sicher nur ein kleines Problem im Vergleich zu dem Vorhaben, in dem Gebäude der Zoologie am Bahnhof das Forum Wissen unterzubringen?
Wir sind jetzt gut dabei, weil wir fünf Millionen Euro vom Bund als Förderung bekommen. Das ist für den Anfang prima. Dazu kommt die Situation mit dem Grundstück. Wir waren erleichtert, dass nebenan der Gebäudekomplex mit Hotel und Sparkasse entsteht, der dafür sorgt, dass das Haus des Wissens ein ansprechendes Umfeld erhält. Das ist für solche Angebote, die attraktiv für die Öffentlichkeit sein sollen und Besucherverkehr benötigen, enorm wichtig. Die eigentlichen Arbeiten zum Umbau werden wohl im Frühjahr 2016 starten, weil dann die Abteilungen ausziehen, die das Gebäude jetzt noch nutzen.

Warum begeistert Sie das Projekt Forum Wissen so?

Es verbindet drei Bereiche, die zugleich für unser Campuskonzept stehen: Forschung, Lehre und Öffentlichkeit. Dazu kommt der Kernauftrag, die wissenschaftlichen Sammlungen als Kulturgut zu erhalten. Die Sammlungen sind für Lehre einsetzbar und wertvoll, weil sie wirklich einmalige Artefakte haben. Und diese sind auch immer wieder für die Forschung zu nutzen. Dazu kommt, dass das Forum Wissen mit seinen Ausstellungen die Öffentlichkeit darüber informieren wird, wie die Universität Wissen schafft.

Werden für das Forum Wissen Mittel abgezogen, die andernorts dringend benötigt werden?

Das Forum Wissen ist ein Fundraising-Projekt. Für andere, bestehende Einrichtungen können wir dagegen nur schwer Sponsoren finden. Wenn wir derzeit 12 Millionen Euro in die Sanierung von Gebäuden der Fakultäten stecken, dann decken wir damit wichtige Bedarfe ab. Wichtig ist doch in der Diskussion um Neues und Altes, dass wir nicht nur in die Sanierung und damit die alten Dinge investieren, sondern auch in Neues. Wir müssen das richtige Maß finden, dass wir die Erhaltung der vollen und guten Funktion haben und gleichzeitig auch Innovation fördern. Dafür benötigen wir Fundraising.

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Es gibt im Moment in dieser Stadt das Problem des starken Konflikts bei einigen der Verbindungen. Was kann die Universität dazu beitragen, um diesen Konflikt zu lösen?

Am besten lassen sich Konflikte lösen, indem man miteinander spricht; das gilt für alle Beteiligten. Was da passiert ist, darf nicht passieren. Auch Verbindungen müssen sich von Gewalt in jeglicher Form distanzieren. Im Sinne der Vielfalt können wir jedoch nicht Verbindungen als Gruppen prinzipiell ausschließen. Aber, und das gilt für alle, ungesetzliches Handeln können wir nicht akzeptieren.

Wer wird mit den Burschenschaften kommunizieren?
Das ist sicher eine Aufgabe des Präsidiums. Wer es konkret macht, klären wir demnächst. Vom Ressort her gehört es zum Bereich Studium und Lehre, da es sich bei den Mitgliedern der Burschenschaften um Studierende unserer Universität handelt. Es ist aber sicherlich vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wichtig, dass ich auch selbst mit Vertretern der Verbindungen rede.

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In der letzten Juli-Woche ist ein massiver Plagiatsfall an der Universität Göttingen bekannt geworden. Wie bewerten Sie diesen Betrug?

Der Fall, der von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät aufgedeckt werden konnte, ist hinsichtlich des gefälschten Anteils der Doktorarbeit an der oberen Grenze. Dazu kommt noch der außergewöhnliche Fall, dass der Mann schon als Bewerber um das Promotionsstudium mit gefälschten Abschlusszeugnissen getäuscht hat.

Welche Probleme sind in der Sache von der Universität zu lösen?

Die Dinge, die aktuell den Doktoranden betreffen, haben wir schnell erledigt. Jetzt geht es um die Prüfung der wissenschaftlichen Arbeiten. Damit ist das Ombudsgremium der Universität derzeit beschäftigt. Zu der Frage der Anerkennung der von dem Plagiator abgehaltenen Prüfungen ist unsere Rechtsabteilung mit dem Wissenschaftsministerium in Kontakt. Ich gehe im Moment davon aus, dass wir den betroffenen Studierenden freistellen, die Prüfung zu wiederholen. Ich persönlich glaube nicht, dass viele Studierende davon Gebrauch machen werden.(Anmerkung der Redaktion: Nach dem Tageblatt-Gespräch mit Frau Beisiegel stimmte das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur am 7. August dem von der Universität vorgeschlagenen Vorgehen zu)

  Als Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben Sie jahrelang einen Überblick über Plagiate in der Wissenschaft erhalten. Ist das ein gravierendes Problem?

Das Problem Plagiat gibt es in allen Fachkulturen, an allen Fakultäten. Die Studierenden der Georg-August-Universität wissen genau, dass ihre Arbeiten stichprobenartig mit Plagiatssoftware gecheckt werden können. Dabei geht es nicht nur um Doktorarbeiten, sondern auch um Bachelor- und Masterabschlüsse. Die meisten Plagiatsfälle allerdings, so meine Erfahrung, werden durch Lesende aufgedeckt.
Noch gehen die Fakultäten nicht einheitlich mit Plagiatsprüfungen um. Das ist etwas, was wir jetzt nach der Sommerpause angehen werden, um zu einem abgestimmten Vorgehen zu kommen.

Für Sie und für die Hochschulen ist das Thema also nicht außergewöhnlich?

Ich habe so viele Jahre national und international als Ombudsman in der Deutschen Forschungsgemeinschaft solche Fälle aufgearbeitet, da ist  das für mich nicht so außergewöhnlich. Aber als Präsidentin der Universität ärgert es mich schon, dass so etwas bei uns passiert ist. An den Hochschulen ist das keine Sache, die außergewöhnlich ist. Es passiert. Darüber berichten die Ombudsgremien der Universitäten alljährlich. Ein Kollege aus England hat mal gesagt, "Die Universität, die keine Fälle hat, macht was falsch, weil sie die Fälle nicht aufdeckt." Natürlich gibt das keiner aktiv der Presse, wenn es um Prüfungsarbeiten geht und gut aufgearbeitet ist. Dazu kommt, dass wir gegenüber den jungen Menschen auch eine Fürsorgepflicht haben und sie schützen. Verbessern müssen die Hochschulen in der Lehre die Aufklärung darüber, nach welchen Regeln wissenschaftliches Arbeiten zu erfolgen hat. Bei der Aberkennung von Promotionen ist das was anderes, weil öffentliches Interesse besteht, da der Doktortitel ja auch ein Namensbestandteil ist.

Interview: Angela Brünjes, Uwe Graells, Christoph Oppermann

Zur Person

Ulrike Beisiegel , Jahrgang 1952, wurde im März 2010 zur Nachfolgerin von Universitätspräsident Kurt von Figura gewählt. Sie trat ihre sechsjährige Amtszeit im Januar 2011 an. Die Wissenschaftlerin, die von Hamburg nach Göttingen wechselte, ist die erste Frau im höchsten Amt der Georg-August-Universität und ebenso war sie die erste extern berufene Kandidatin. Ihre Wiederwahl steht im nächsten Jahr an für eine zweite Amtszeit ab dem Jahr 2017.

Beisiegel studierte Biologie in Münster und Humanbiologie in Marburg. 1979 wurde sie am Fachbereich Medizin in Marburg promoviert. Ein Postdoc-Aufenthalt führte sie an das Department of Molecular Genetics der University of Texas (USA), wo sie bei den späteren Nobelpreisträgern Josef L. Goldstein und Michael S. Brown ar beitete. 1990 habilitierte sie sich an der Universität Hamburg. 2001 wurde sie dort Direktorin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie. Außerdem war die Wissenschaftlerin Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates, Senatorin der Leibniz-Gemeinschaft und in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gremien tätig. Neben weiteren wissenschaftlichen Auszeichnungen ist Beisiegel Inhaberin der Ehrendoktorwürde der schwedischen Universität Umeå und der schottischen Universität. jes/pug

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