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Göttingen Wenn Schwerkranke keinen Ausweg mehr sehen
Campus Göttingen Wenn Schwerkranke keinen Ausweg mehr sehen
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20:40 09.01.2019
Dr. Stefanie Stiel, Psychologin und Leiterin der Arbeitsgruppe Palliativversorgung am Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Das Thema Sterbewunsch wird seit Jahr intensiv erforscht und ist gleichzeitig immer wieder in der gesellschaftlichen Diskussion. So ist die Frage, wie weit die Sterbebegleitung gehen darf, bis heute hoch umstritten. Das Ethikkomitee legte in der Reihe „Bio Psycho Soziale Medizin“ am Mittwochnachmittag den Schwerpunkt auf die Frage, wie das Umfeld auf derartige Wünsche reagieren kann. Die Vorträge standen unter der Überschrift: „Lassen Sie mich in Ruhe. Ich will sterben.“

Die Psychologin Stephanie Stiel, Leiterin der Arbeitsgruppe Palliativversorgung am Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, informierte die Zuhörer im überfüllten Hörsaal der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie über den Stand der Forschung. Aus Untersuchungen mit Patienten, die an unheilbaren Krankheiten litten, wisse man, wie vielschichtig der geäußerte Todeswunsch tatsächlich sein könne, so Stiel.

Lebenwille und Todeswunsch keine Gegensätze

Hinter dem Satz „Ich will nicht mehr“ könnten sich viele verschiedene Aussagen verbergen. Die reichen von der vorsichtigen Andeutung, dass man zwar nicht sterben wolle, aber den Tod akzeptiere, bis zum konkreten Plan eines schnellen Todes. „Es kann durchaus sein, dass ein Mensch, der einen Todeswunsch äußert, damit eigentlich seinen Lebenswillen dokumentiert, so die Psychologin. Ohnehin dürften Lebenswille und Todeswunsch nicht als Gegensatzpaar begriffen werden. Patientenaussagen hätten ergeben, dass beide unabhängig voneinander hoch sein könnten.

Dabei sind die ermittelten Gründe für den Todeswunsch in den Studien durchaus wiederkehrend. Neben hoher Belastung durch Schmerzen oder der Angst davor, spielen auch die Wünsche nach Kontrolle oder Entlastung der Familie eine Rolle. Ein weiterer häufiger Auslöser sei die Depression. Die Erkrankung sei einzentrales Merkmal von Menschen mit großem Sterbewunsch. Der werde laut Untersuchung der auffallend häufig geäußert von „eher jungen Menschen mit psychiatrischer Vorgeschichte“, erklärte Stiel.

„Lebenwille höchst instabil“

Außerdem gebe es Erkenntnisse über die zeitliche Entwicklung des Wunsches, seinem Leben eine vorzeitiges Ende zu bereiten. Patientenbefragungen hätten ergeben, dass es im Laufe der Zeit zu deutlichen Änderungen kommen könne. „Der Lebenswille ist höchst instabil“, beschrieb die Psychologin.

Stiel bilanzierte für die anwesenden Vertreter der medizinischen Berufe: „Wir müssen den Wunsch nach Sterben aushalten.“ Der Gedanke an den Tod ist keinesfalls schlimm und dürfe den Gesprächspartner keinesfalls in wilden Aktionismus verfallen lassen. Ziel müsse sein, dem Patienten Perspektiven aufzuzeigen, das düstere Leidensbild und die Sorge um körperliche Symptome durch die Schilderung von alternativen Abläufen aufzuhellen. Gleichzeitig müsse der behandelnde Mediziner aber auch die Grenzen der eigenen Behandlungsmöglichkeiten akzeptieren und die Belastung für die eigene Person erkennen.

Fallbeispiele mit unterschiedlichem Ausgang

Wie groß diese sein können, schilderte Anahit Mohebbi-Tafrechi, Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der UMG, an zwei anonymisierten Fallbeispielen. Sie stellte Erfolg und Hilflosigkeit einander gegenüber. Auf der einen Seite stand die 64-jährige Frau N. Dialyse-Patientin, Alkoholikerin und seit einer Gebärmutter-Operation mit Hepatitis C infiziert. Ein akuter Fußbruch bringt sie ins Klinikum. Von der Mutter geschlagen, dem Ehemann verlassen und gesellschaftlich isoliert, lehnt sie Therapievorschläge ab. Auf Anraten des Ethikkomitees ziehen sich die Psychologen der UMG trotz des Wissens um mehrere Suizidversuche zurück.

Dem gegenüber der 40-jährige Sportlehrer. Als 11-Jähriger verliert er seine Eltern durch ein Gewaltverbrechen. Er kompensiert das Erlebte mit großer Leistungsbereitschaft – bis sein Körper versagt. Herz und Niere müssen transplantiert werden, der Körper stößt die Organe ab, weil der Patient die Medikamente nicht einnimmt. Während vieler Monate im Klinikum mit Notoperationen, Wiederbelebung und Therapie gewinnt er seinen Lebenswillen zurück.

Der Abend zeigt vor allem eines: Das Überleben liegt nicht allein in der Hand der Medizin.

Von Markus Scharf

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