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„Unermüdlicher Aussöhner und Vermittler“

Nachruf auf Rudolf von Thadden „Unermüdlicher Aussöhner und Vermittler“

Zum Tod des Historikers Rudolf von Thadden, der am 18. November im Alter von 83 Jahren gestorben ist, würdigt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dessen Verdienste um die Beziehungen zu Frankreich und Polen sowie das Engagement des Sozialdemokraten für den Deutschen Evangelischen Kirchentag.

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Rudolf von Thadden. Kleines Bild: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD)

Quelle: Archiv, dpa

Ein großer deutscher Intellektueller, ein überzeugter Europäer, ein Ermutiger – ein Freund ist gegangen. Rudolf von Thadden war eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Vieles hat mich in unterschiedlichen Lebensphasen seit unserer ersten Begegnung in den 1990er-Jahren in der niedersächsischen Landespolitik immer wieder mit ihm zusammengebracht.

 
Berührungspunkte für unsere Begegnungen und Gespräche waren Rudolf von Thaddens wissenschaftliches und politisches Engagement, seine historische Expertise, sein reformierter Protestantismus, um nur einige Beispiele zu nennen. Unzählige Male habe ich mich an ihn gewandt, um seinen klugen Rat zu suchen. So breit die Themen unserer Gespräche auch waren – von Calvin bis Willy Brandt, von der französischen Geschichte, über deutsche Verirrungen und über Polen – immer konnte ich mich darauf verlassen, dass das Gespräch mit ihm mir neue Perspektiven, oftmals noch nicht Bedachtes aufzeigen würde. Über die Jahre ist so eine herzliche und vertraute Verbundenheit gewachsen, die seinen Verlust nun umso schmerzlicher macht.

 
Aber nicht nur ich persönlich, auch die ihm ans Herz gewachsene Göttinger Universität, das Land Niedersachsen, ganz Deutschland verdanken von Thadden unendlich viel. Wie wenige andere hat er den Prozess der deutsch-französischen Aussöhnung mitgeprägt und vorangetrieben. Unter hohem persönlichen Einsatz und Dank seiner ihm eigenen Hartnäckigkeit ist es gelungen, dass aus anfangs schwierigsten Beziehungen zu unserem Nachbarn im Westen heute eine so treue Freundschaft geworden ist. Eine Freundschaft, die keine bloße Sache der Amtsstuben ist, nicht nur in Sonntagsreden von Politikern beschworen wird, sondern tief in den Städten und Dörfern in Deutschland und Frankreich verwurzelt, tief in den Beziehungen zwischen den Menschen Wirklichkeit ist. Die Stiftung Genshagen, das deutsch-französische Geschichtsbuch und viele weitere Initiativen von Rudolf von Thadden sind feste Bausteine des unerschütterlichen Fundaments, auf dem die deutsch-französische Aussöhnung heute steht.

 
Von Thadden wird uns auch als unermüdlicher Aussöhner und Vermittler im deutsch-polnischen Verhältnis in Erinnerung bleiben. Für diese wertvolle Arbeit wurde er mit dem Adam-Michiewicz-Preis ausgezeichnet.

 
Uns beide verbindet auch unser Engagement beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Für mich steht dabei außer Frage, ohne von Thadden wäre der Deutsche Evangelische Kirchentag bei weitem nicht das geworden, was er heute ist. Auch hier war er immer die treibende Kraft, dem das Erzielte nie genug war, der keine Selbstzufriedenheit duldete, der immer wieder einforderte, dass wir uns aktuellen Entwicklungen in Deutschland und in der Welt stellen und wo nötig Veränderungen einleiten – so wie zuletzt mit dem Projekt eines Europäischen Kirchentages. Der familiären Tradition treu bleibend, und doch immer unabhängig, ist er über die Jahre zu einer Institution des Kirchentages geworden, zu einem Spiritus rector, der uns sehr fehlen wird. 

 
Der Tod von Rudolf von Thadden hinterlässt mich mit tiefer Trauer. Ich wünsche seiner Familie von ganzem Herzen Kraft und Zuversicht,  die schwere Zeit des Abschiednehmens zu überstehen.

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