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Universität Göttingen: Abschlussvortrag der Ringvorlesung „Ostasien und die Macht heiliger Klänge“

Schädeltrommeln und Knochentrompeten Universität Göttingen: Abschlussvortrag der Ringvorlesung „Ostasien und die Macht heiliger Klänge“

Die Ringvorlesung "Ostasien und die Macht heiliger Klänge" ist mit einem Vortrag über tibetische Kunst und Musik am Dienstag beendet worden. Die Marburger Wissenschaftlerin Adelheid Hermann-Pfandt sprach über Kunst und Musik in Tibet als religiöse Hilfsmittel bei der Vortragsreihe von Universität und Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

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Quelle: EF

Göttingen. Fremdanmutende Gottheiten mit drei Augen tummeln sich in bunten Farben und das Auge wird von mehr Details geblendet als es zunächst verarbeiten kann. Und doch will tibetische Kunst nicht ästhetisch, nicht schön sein. Im Gegenteil, sagt Professor Adelheid Herrmann-Pfandt beim Abschlussvortrag der Göttinger Ringvorlesung „Ostasien und die Macht heiliger Klänge“. In jungen Jahren habe sie diese Lektion von ihrem Tibetischlehrer gelernt, als sie eine unbedachte Äusserung über die Schönheit tibetischer Kunst fallen ließ.

Tibetische Kunst sowie auch tibetische Musik sind religiöse Hilfsmittel. Der Buddhismus, so Herrmann-Pfandt, ziele auf die Erkenntnis der Wirklichkeit. Weisheit und Mitgefühl seien hier zentrale Elemente, die dieser Erkenntnis dienten. Es gehe darum, was hinter dem Vordergründigen stecke, also darum, welche Wirklichkeit hinter den sakralen Bilder und der Musik liege.

Für ungeübte Ohren klingt die Musik, die aus tibetischen Oboen, Trompeten, Becken und Trommeln kommt, chaotisch und unmelodisch. Die gesungenen metrischen Verse sind in einer ungeraden Anzahl verfasst, so dass beim europäischen Ohr ein Eindruck der Unvollständigkeit und des Fallens entsteht. Einzelne Töne werden über schier unendlich lange Zeit gehalten, was nur mittels einer speziellen Atemtechnik möglich ist, bei der man gleichzeitig blasen und einatmen kann. Darüber hinaus sei es nicht ungewöhnlich, dass ein solches Ritual den ganzen Tag anhalte, manche dauerten sogar vier Wochen, berichtet Herrmann-Pfandt.

Besonders fremd wirken Instrumente, die aus menschlichen Knochen hergestellt werden, wie beispielsweise die Schenkeltrompete. Dabei ist der religiöse Gedanke hinter diesem scheinbar morbiden Instrument kulturell weniger weit entfernt als sich zunächst vermuten lässt. Am ehesten kann man die Philosophie dahinter mit dem lateinischen Ausdruck „Memento Mori“ vergleichen, also der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Auch beim Spielen der tibetischen Schädeltrommeln und Knochentrompeten geht es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, bis hin zu einer völligen Identifikation, wodurch der Gedanke an die Vergänglichkeit allmählich seinen Schrecken verliert.

Neben der Musik spielt auch der Tanz eine Rolle beim sakralen Ritual der tibetischen Nonnen und Mönche. Dabei hat jeder Tempel seine eigene Choreographie, denn die Schrittfolgen und Formen begründen sich auf Visionen der verschiedenen Lamas, die sie während der Meditation erhalten haben.

Auch das Epos des „Ge Sar“, einer Geschichte über einen Gott, der sowohl Kriegsheld als auch Erlöser ist, ist durch die Vision eines Lamas entstanden. Dieses Epos wird auch außerhalb der Tempel aufgeführt, von Mönchen und Nonnen ebenso wie von Laien. Herrmann-Pfandt vermutet hinter den „Ge Sar“- Texten auch eine politische Dimension, da die Geschichte große Parallelen zum Tibet-China-Konflikt aufweist. Die Vision des Lamas indes ist vergleichsweise jung, denn diese lässt sich auf das 20. Jahrhundert datieren und beweist damit, dass die tibetischen Rituale durchaus noch  lebendig sind.

Von Serafia Johansson

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