Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Unterkiefer aus dem Drucker

Studierende testen neues Verfahren Unterkiefer aus dem Drucker

Die Tageblatt-Serie „Campus-Ansichten“ bietet Einblicke und Ausblicke, die die Universität und Forschungsinstitute in Göttingen von Seiten zeigen, die nur wenigen Menschen bekannt sind. Folge 44: die 3D-Drucker der Bibliothek der Universitätsmedizin Göttingen.

Voriger Artikel
Suche mit Geomagnetik nach Mauerresten
Nächster Artikel
Streitlust der Philosophen

Bibliothekssekretär Gerhard Güttlich hat mit dem 3D-Drucker ein Skelett vervollständigt.  

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die ersten Zahnärzte in Göttingen stellen Kronen mit 3D-Druckern her. Chirurgen drucken sich Körperteile von Patienten aus, um Operationen vorzubereiten. Damit Studierende in diesem Bereich Erfahrungen sammeln können, hat die Bibliothek der Universitätsmedizin Göttingen zwei 3D-Drucker beschafft.

Linie für Linie saust die Heißklebepistole hin und her. Aus der Düse spritzt mehr als 200 Grad heißer Kunststoff auf die Bauplatte. Dort bilden sich langsam Strukturen. Schicht für Schicht wächst eine Star-Wars-Figur in die Höhe. „39 Stunden wird der Druck dauern“, sagt Dagmar Härter, die die Bereichsbibliothek an der Robert-Koch-Straße 40 leitet. Bis zu 29 Zentimeter breite, 15 Zentimeter tiefe und 17 Zentimeter hohe Objekte können Sudierende, aber auch Mitarbeiter der Universitätsmedizin mit dem Gerät anfertigen. Weil die Nachfrage so groß ist, hat die Bibliothek bereits einen zweiten, der mehr als 2300 Euro teuren Drucker beschafft.

„Die Studierenden sollen spielerisch lernen, mit der neuen Technik umzugehen“, betont Härter. Bibliothekssekretär Gerhard Güttlich unterstützt sie. Er hat sich Videos auf Youtube angeschaut und stundenlang herumprobiert. „Die neue Technik wird in den Lebenswissenschaften immer wichtiger“, meint Härter. Entsprechende Kenntnisse verschafften auf dem Arbeitsmarkt Vorteile.

„Die Studierenden drucken sich Eulen, Handyhalter fürs Auto und Ausstechformen fürs Plätzchenbacken aus“, berichtet Güttlich. Ein Universitätsmitarbeiter habe seinen Kopf mit dem 3500 Euro teuren 3D-Scanner, auch das eine neue Anschaffung der Bibliothek, vermessen. Mit einem CAD-Programm, wie es auch Maschinenbauer verwendeten, habe er seinen eingescannten Kopf am Rechner auf einen Sockel montiert. Entstanden sei so eine kleine Büste. Güttlich selbst druckte für das Skelett der Bibliothek einen Unterkiefer aus. Der alte war defekt.

„Wir verlangen für die Nutzung den Materialpreis des verbrauchten Kunststoffs“, erklärt Härter, zehn Cent pro Gramm. Der Drucker arbeitet mit biologisch abbaubaren Polylactiden (PLA), die geruchsneutral und nicht gesundheitsschädlich sind. Nutzer können zwischen verschiedenen Farben wechseln. Ein mehrfarbiger Druck ist jedoch nicht möglich.

Das Angebot ist Teil des Makerspaces der Bibliothek, einer offenen Werkstatt. Dort steht zudem ein Drucker, mit dem sich die A0-große Poster für wissenschaftliche Präsentationen anfertigen lassen. Es gibt Geräte zum Laminieren und zum Binden von Examensarbeiten. Zahlreiche Körpermodelle, auf denen jeder Muskel beschriftet ist, hat Härter in den vergangenen Jahren beschafft. „Sie werden von den Studierenden intensiv genutzt“, berichtet sie.

Bibliothek im Wandel

Die Bibliothek der Universitätsmedizin hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. „Von Lehrbüchern abgesehen beschaffen wir kaum noch Gedrucktes“, berichtet Leiterin Dagmar Härter. Die 1100 abonnierten Zeitschriften lägen seit der Umstellungsphase 2005 bis 2009 fast ausschließlich in elektronischer Form vor. Nur ganz wenige Reihen beziehe die Bibliothek noch in gedruckter Form. Damit seien viele Arbeiten, wie das Katalogisieren und das Binden, fortgefallen. Es gebe kaum noch Fernleihen, da Bücher online zugänglich seien. Studierte Bibliothekare, von denen die Bibliothek früher drei beschäftigt habe, würden nicht mehr gebraucht. Sie selbst habe nach ihrem Germanistik- und Slawistik-Studium Bibliotheksassistentin gelernt. Heute gebe es dreieinhalb feste Stellen. Der Rest der 22 Mitarbeiter seien studentische Hilfskräfte in Teilzeit.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Amnesty-Protest auf dem Campus