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Verschwiegen und präzise

Poetikvorlesung mit der Journalistin Carolin Emcke Verschwiegen und präzise

Die Poetikvorlesungen des Literarischen Zentrums und der Universität Göttingen hält  in diesem Jahr die vielfach ausgezeichnete Journalistin und Essayistin Carolin Emcke. In der vollbesetzten Aula am Wilhelmsplatz sprach Emcke über ihre Arbeit mit und über Opfer von Gewalt und Krieg.

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In der vollbesetzten Aula am Wilhelmsplatz sprach Emcke über ihre Arbeit mit und über Opfer von Gewalt und Krieg.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Neue Wege beschreiten die Organisatoren in diesem Jahr: Eine Journalistin ist geladen, keine Schriftstellerin. Eine brillante Publizistin, eine facettenreiche Schreiberin: so beschreibt Peer Trilcke vom Deutschen Seminar Carolin. Emcke, die unter anderem für den Spiegel und die Zeit aus zahlreichen Krisen- und Kriegsgebieten berichtete. Sie, gebe den Opfern ihre Sprache wieder.

Wie soll ich ihnen eine Poetikvorlesung halten? so startet Emcke. Sie, die mit 38 Jahren das erste Mal einen unversehrten Leichnam gesehen hat, einen, der nicht verstümmelt war, zerschossen, geschunden, geschändet? Sie, die in den verschiedenen Genres des Dokumentarischen unterwegs ist? Die Einsicht in die Grenzen ihres Schreibens habe sie zögern lassen, diese Vorlesungen zu halten. Sie berichtet von den Grundsätzen und Maßstäben, die sie an ihre Arbeit legt und hofft, „dass sich dabei etwas abspalten, etwas lernen lässt“.

Im Gegensatz zu einem Schriftsteller dürfe ihre eigene Person bei ihrer Arbeit keine Rolle spielen, so Emcke. Ihr werde etwas anvertraut, unvorstellbare Erlebnisse oft. Sie eigne sie sich in ihrer Sprache an, ohne sie sich zu eigen zu machen.  Behutsam müsse sie damit umgehen, verschwiegen und präzise sein.

Im Gespräch mit ihr gehe bei den Opfern von Gewalt  und Folterungen oft die Kontrolle über das Gesagte verloren. „Ist eine Erfahrung einmal angerührt, lässt sie sich oft nicht beherrschen“, so Emcke. Prekäre Passagen gebe es da. Gewissenhaft müsse sie entscheiden,  was verwahrt bleiben muss, was erzählt werden darf. 

Weitere Termine

Am Donnerstagabend spricht Carolin Emcke darüber, wie  eine Ästhetik des Widerstands gegen Gewalt aussehen könnte. Beginn ist um 20 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz.

Emcke erzählt all dies in sehr ruhigem, eindringlichem Duktus. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer in der vollbesetzten Aula ist der beeindruckenden Journalistin sicher.

Reale Erfahrungen anderer zu beschreiben, das entziehe sich dem poetischen Schreiben. All das artifizielle, magische, überbordene einer fiktiven Geschichte habe hier nichts zu suchen. Genau müssen ihre Texte sein. „Sie müssen stimmen!“ Gelesen als Tatsache, als Wirklichkeit, müssen sie stimmen. Die Opfer,  ihre Angehörigen und Freunde können diese Texte lesen. Sie  müssen damit leben können.

In einem fiktiven Text entlarvt der Schreibenden sich selbst, das könne peinlich sein, könne die eigene Dummheit zeigen. Misslingt ein Bericht, entblößt man das Opfer noch einmal, wiederholt im schlimmsten Fall die Erfahrung der Gewalt.

Sie treibe nicht so sehr die Frage um, „ob ein Leser die Beschreibung von Gewalt genießt oder abstoßend findet“, sondern wie es für die Opfer zumutbar ist, schließt Emcke die erste ihrer beiden Vorlesungen.

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