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Vor 70 Jahren: Uni Göttingen öffnet als eine der ersten Hochschulen wieder

Eigene Schweinemast für hungrige Studenten Vor 70 Jahren: Uni Göttingen öffnet als eine der ersten Hochschulen wieder

Mit knapp 3000 Studierenden gehörte Göttingen vor dem Zweiten Weltkrieg eher zu den mittelgroßen Hochschulen in Deutschland. Umso überraschter war die Leitung um den frisch gewählten Rektor Rudolf Smend vom großen Andrang im Sommer 1945. Schon bevor die Georgia Augusta Anfang September offiziell wieder eröffnet wurde, strömten die Studenten zu Tausenden in die Stadt.

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Die Universität Göttingen erinnert am 14. September in der Aula am Wilhemsplatz mit einem Festakt an den Herbst 1945.

Quelle: Archiv

Göttingen. Es war „eine seltsame Mischung von jungen Abiturienten und alten Kriegern“, die im Sommer 1945 in Göttingen eintraf, schrieb der frühere Präsident der Hochschule, Prof. Norbert Kamp. Nach dem „Verlust von Heimat und Haus, Familie und menschlichen Bindungen“ wollten sie alle einen Studienplatz ergattern, der ihnen einen „ersten Halt gab und den Weg in eine neue Zukunft eben konnte“.

 
Bis zum Vorlesungsbeginn am 17. September schrieben sich 4300 Männer und Frauen für ein Studium ein, fast 30 Prozent davon für das Fach Medizin. Göttingen war voller Studenten.  Die Lokalzeitung schrieb am 21. September 1945: „Es ist wieder das gewohnte Bild, dass zu bestimmten Tageszeiten die Studenten aus den Instituten und Hörsälen herausströmen, um zu neuen Vorlesungen zu eilen.“ Der Zustand der meisten Studierenden war allerdings bedauernswert. Viele waren mit Verwundungen aus dem Krieg zurückgekehrt und besaßen – wenn überhaupt - nur ein paar Pfennige, berichtet das Akademische Hilfswerk, der Vorläufer des heutigen Studentenwerks.

 
„Wer nicht jene ersten Studenten gesehen hat, wird schwerlich die Größe der Aufgabe ermessen“, können, heißt es im ersten Rechenschaftsbericht der Einrichtung. „Heimatlos, abgerissen und hungrig kamen sie in der Hoffnung, durch das Studium sich ein neues Leben aufzubauen.“ Um die größte Not zu lindern, richtete das Hilfswerk eigene Schuhmacher- und Schneiderwerkstätten ein, wo die Lumpen geflickt wurden.

 
Für die Versorgung der Studenten mit Fleisch und Wurst wurden eigene Schweine gehalten. Und bekannte Professoren, darunter der greise Max Planck, reisten durch die Lande, um durch Vorträge Geld in die Kasse des Hilfswerks zu bekommen, das damit Wolldecken, Strohsäcke, Tische und Stühle beschaffte.

 
Zu den Studenten der ersten Stunde gehörte auch der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er studierte von 1945 bis 1949 in Göttingen Rechtswissenschaft mit Nebenfach Geschichte. Seine Aufnahme an der Georgia Augusta bezeichnete er rückblickend trotz der schwierigen Umstände „als einen wahren Lebensglücksfall“. Während der Nazi-Zeit hatte die Universität viele Professoren vertrieben –  auch deshalb blieb im Sommer 1945 mancher Lehrstuhl zunächst unbesetzt. Doch schon bald fanden sich viele hochkarätige Wissenschaftler wieder in Göttingen ein, darunter Otto Hahn, Werner Heisenberg oder Carl-Friedrich von Weizsäcker.

 
„Das Kollegium war sehr heterogen“, sagt Unisprecher Romas Bielke. „Neben Remigranten waren auch viele Dozenten dabei, die während des Nationalsozialismus in Göttingen tätig gewesen waren und von denen einige diesen auch gefördert hatten.“ Erster AStA-Vorsitzender wurde Axel von dem Bussche, der zur Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944 gehört hatte. Es sei Aufgabe der Hochschule, an die Wiedereröffnung nach dem Ende des Nationalsozialismus zu erinnern, sagt Hochschulpräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel.

 
Offiziell soll dies während eines Festaktes am 14. September geschehen. Anders als beim 40. Jubiläum, an dem rund 1000 Ehemalige teilnahmen, wird der Festakt diesmal ohne Studierende der ersten Stunde nach dem Krieg stattfinden. „Wir haben zwar noch einige wenige ausmachen können“, sagt Unisprecher Bielke. „Sie fühlen sich aber zu alt, um an der Feier teilzunehmen.

 

Von Matthias Brunnert, dpa

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