Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° Regen

Navigation:
Vor der chinesischen Kulturrevolution gerettet

Campus Göttingen / Sinkiang-Sammlung Vor der chinesischen Kulturrevolution gerettet

Politisch instabil ist die zentralasiatische Provinz Sinkiang. Die einheimischen Uiguren begehren gegen die Chinesen auf, die 1757 den Norden und 1878 den Süden des Landes eroberten. Über eine der größten Sammlungen Europas von Schriften aus Sinkiang verfügt die Göttinger Universitätsbibliothek.

Voriger Artikel
Temperaturmessung im Urzeit-Ozean
Nächster Artikel
Zum Mars und zur Sonne

Fachreferent Johannes Reckel

Quelle: Wenzel

Göttingen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen wir mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), das Sondersammelgebiet Altaistische und Paläoasiatische Sprachen, Literaturen und Kulturen aufzubauen“, berichtet Fachreferent Johannes Reckel. Der habilitierte Koreanist leitet die Abteilung, die mehr als 70 verschiedene Sprachen, darunter das Uigurische und das Koreanische, betreut.

„Jahrzehntelang übernahm die DFG drei Viertel der Kosten für die Beschaffung“, erzählt er. Die Bibliothek sei für den Rest aufgekommen. Sie stelle zudem die Infrastruktur und das Personal. Drei Mitarbeiter würden mit ihren Kenntnissen asiatischer Sprachen bei der Katalogisierung helfen.

In der Volksrepublik China Literatur in Minderheitensprachen zu beschaffen sei nicht leicht. In den Buchhandlungen gebe es fast nur chinesische Bücher. Er müsse Kontakt zu Verlagen halten, die aber viele Bücher ebenfalls nicht vorrätig haben. Antiquariate seien regelmäßig zu besuchen.

„Uigurische Zeitungen gibt es nicht am Kiosk, sondern nur vor Ort im Abonnement“, weiß der Bibliothekar. Ohne Helfer in Sinkiang und viele persönliche Kontakte gehe es nicht. Die Ausfuhr uigurischer Literatur in arabischer Schrift über die Post sei schwierig, genaue Kontrollen die Regel.

Um Bücher und Zeitungen, auch in anderen Sprachen des Sammelgebiets, zu beschaffen, reist der Fachreferent regelmäßig nach Asien. 2016 war er drei Wochen in Sinkiang, wo neben den Uiguren und den zahlreich zugewanderten Chinesen noch mehr als ein Dutzend anderer Völker leben. Vier Wochen hielt er sich in der Mongolei, eine Woche in Südkorea und eine Woche in Kalmückien auf.

„Wir sichern die Versorgung der Geisteswissenschaftler mit Literatur und schaffen so die Grundlage für die Forschung“, betont Reckel. In China selbst seien ältere Bücher und Zeitungen in Minderheitensprachen fast nicht zu finden. Die Roten Garden hätten während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 sehr viel zerstört. Die verbliebenen, lückenhaften Bestände in Bibliotheken seien für westliche Forscher oft nur mit guten Beziehungen zugänglich.

„Um so bitterer ist es, dass die DFG 2014 die Förderung für Sondersammelgebiete stoppte“, sagt Reckel. Hunderte Abonnements von Zeitungen in vielen Sprachen hätten sie damals kündigen müssen. Auf niedrigem Niveau gehe es seither weiter. Ein Antrag auf ein DFG-Nachfolgeprogramm zu einem Fachinformationsdienst Zentralasien sei gestellt. Die starke Betonung von digitalen Medien in den aktuellen DFG-Programmen nutze bei zentralasiatischer Literatur kaum.

 

Groschenromane und Avantgarde-Dichtung
Die Göttinger Universitätsbibliothek verfügt über 7000 bis 8000 uigurische Bücher, größtenteils aus der Zeit nach 1949. Es handelt sich um Literatur vom Groschenroman bis zur Avantgarde-Dichtung, um Schul- und Kinderbücher. Technische und naturwissenschaftliche Werke sammelt die Bibliothek nur vereinzelt. Hinzu kommen 500 Bände mit Zeitungen aus Sinkiang. Die meisten stammen aus den 1950er- bis 1980er-Jahren.

Im schwedischen Lund gibt es eine Sammlung, die Gunnar Jarring (1907-2002) seit der Vorkriegszeit anlegte. An diese Bestände schließt die Göttinger Sammlung zeitlich an. Die Göttinger planen mit der amerikanischen Universität Harvard eine Digitalisierung der Zeitungsbestände aus Sinkiang.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Amnesty-Protest auf dem Campus