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Vortrag in der Göttinger Paulinerkirche: Geschichte von Abituraufsätzen

Alle eine Drei Vortrag in der Göttinger Paulinerkirche: Geschichte von Abituraufsätzen

Die Arbeit ist abgegeben. Was bleibt ist ein Gefühl. Vielleicht reicht es sogar zu einer Eins, vielleicht eine Zwei, aber schlechter dürfte der Aufsatz nicht benotet werden. Man ist ja ganz gut durchgekommen. Oder?

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Der Schädel raucht. Schüler bei der Abiturprüfung.

Quelle: dpa

Göttingen. Prof. Sabine Reh ist Direktorin der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung und hat sich im Rahmen ihrer Forschung mit Schulaufsätzen im historischen Kontext beschäftigt. Ihre Ergebnisse stellte sie in ihrem Vortrag „Routinen und Entscheidungen. Aufgaben, Korrektur und Beurteilung von Abituraufsätzen zwischen 1812 und 1972“ vor. Die Veranstaltung in der Paulinerkirche gehört in die Vortragsreihe „Was entscheiden wir eigentlich? Praktiken praktisch erforschen“, die vom Institut für Diversitätsforschung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Erziehungswissenschaft organisiert wird.

 
„Prüfungen sind Situationen, in denen Entscheidungen fallen“, erklärte Reh, und meinte damit nicht so sehr den Schüler, sondern den Lehrer. Dieser müsse die Leistungen und Fähigkeiten des Prüflings bewerten. „Aber gibt es nicht einen Ermessungsspielraum für den Prüfer?“

 
Ihre Untersuchungen zielen darauf ab, die historische Entwicklung des Abituraufsatzes im Fach Deutsch sichtbar zu machen. Dabei stellt sie zum Beispiel Veränderungen in der Aufgabenstellung und Tendenzen bei den Bewertungsprinzipien fest. Der untersuchte Aktenkorpus stammt aus einer Schule im Norden Berlins.

 
Seit 1834 war eine bestandene Abiturprüfung Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums. Darauf folgte eine Entwicklung, die Prüfungen zu standardisieren und juristisch abzusichern. „Bei den Beständen aus dem 19. Jahrhundert haben wir oft Fälle, wo alle in der Klasse eine Drei haben“, sagte Reh. Das änderte sich im Laufe der Zeit, und die Bewertungsmaßstäbe wurden differenzierter und auch strenger. So stellte Reh einen Fall aus dem Jahr 1954 vor, bei dem ein Lehrer acht Mal die Note Ungenügend und elf Mal Ausreichend vergab. „Wie würde ich einem skeptischen Fremden klarmachen, dass Berlin gerade jetzt eine anregende Stadt ist?“ oder „Heimat und Elternhaus als Werte in meinem Leben“ lauteten zwei der gestellten Aufgaben.

 

Von Daniela Lottmann

 
Bei diesen Aufgabenstellungen wird deutlich, dass eine Vorbereitung auf die Prüfung nur sehr eingeschränkt möglich war. „Es musste für ihn gar nicht bis wenig gelernt werden“, stellte Reh fest. So wurde mit dem Schulaufsatz weniger das fachliche Wissen, sondern die persönliche Reife geprüft. „Der Aufsatz war vor allem eine Art Bewährungsprobe“, sagte die Wissenschaftlerin.

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