Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Vortrag von Physiker Ulbrich in der Ringvorlesung „Umbrüche“ in Göttingen

Schrift, Druck, Netz Vortrag von Physiker Ulbrich in der Ringvorlesung „Umbrüche“ in Göttingen

„Was genau ist Schreiben“? Ist es dasselbe wie Denken? Der Abschluss von Denken? Oder nur fixierte Sprache?“ Physiker  Rainer Ulbrich fordert seine Zuhörer philosophisch. Zu seinem Vortrag „Die Schrift, der Druck und das Netz: Von Technik zu Kultur?“

Voriger Artikel
Göttinger Torsten Hoffmann über Grönemeyers „Mensch“
Nächster Artikel
Rosetta-Mission: Forscher des MPS Göttingen stellen neue Erkenntnisse über Komet 67P vor

Altes Buch wird digitalisiert in der Univer­sitätsbibliothek.

Quelle: SUB

Göttingen. In der Vorlesungsreihe „Umbrüche: Auslöser für Evolution und Fortschritt“ in der Aula am Wilhelmsplatz zeichnet der emeritierte Professor von IV.

Physikalischen Institut der Universität Göttingen die Entwicklung der Informationsvermittlung der letzten 4000 Jahre nach.

Chronologisch stellt Ulbrich in seinem Vortrag Erfindungen vor, die der Verbreitung von Informationen zu Gute kamen. Die Erfindung der Schrift und des Buchdrucks seien dabei zweifelsohne nur Etappenziele auf dem Weg zur digitalen Moderne gewesen.

Einen der Meilensteine des Umbruchs markiere die Entwicklung des Fernschreibers von Gauß und Weber im Jahr 1830. Die Grundlage der Telegrafie habe erstmals Informationen von Zeit entkoppelt. Über große Entfernungen konnten sie schnell und vollständig übermittelt werden.

Die Idee eines „gelinkten Geists im Internet“ wurde 1990 durch weltumspannend angelegte Glasfasern zum Leiten von elektrischen Impulsen verwirklicht. Das Zeitalter von Suchmaschinen, Chats und Informationsflut begann.

Ulbrich stellt fest: „,Links‘ sind nicht das Problem bei Google, Yahoo und co. Die Frage ist, wo der ‚Geist‘ bleibt“. Und so  beschreibt der Referent nicht bloß die Etappenziele auf dem Weg zum World Wide Web. Er würzt seinen Vortrag mit bildhafter, sprachlich so eloquenter Kritik an der von ihm nachgezeichneten Entwicklung, dass man meint, einen Literaten anstelle eines Physikers sprechen zu hören.   

Es gebe einige Fragen, die man sich heute stellen müsse, beispielsweise ob Latein und Griechisch konkurrenzlos seien oder man jungen Schülern stattdessen nicht die „korrekte Wischbewegung auf dem iPad“ beibringen sollte. Den zweiten Teil seines Vortrages widmet Ulbrich also ganz der „Kulturfrage im Netz“.

So stelle die nicht enden wollende Folge von Updates und Informationen eine schiere Überforderung für unser Gehirn da, welches erwiesener Maßen Zeit für das Generieren von nachhaltigen Erinnerungen brauche. Diese Überforderung zeige sich unter anderem in „trivialer digitaler Schludrigkeit“, besonders zu spüren im „Copy and paste-Online-Journalismus“.

Außerdem sterben Fähigkeiten wie das Auswendiglernen aus. Denn warum solle man sich etwas einprägen, wenn doch alles via Google zu finden sei.

Ulbrich bringt die Sorge an, dass man „im Stakkato der konsumierten Welt das Essentielle aus dem Augen verliert“. Die „Destillation aufs geistige Konzentrat“ werde immer schwerer, „massenhaft flutende Infokanäle führen nicht zur Durchdringung unserer Kultur“, sondern aktivierten allenfalls Urinstinkte des Jagens und Sammelns in uns, meint Ulbrich. Das Netz kenne keine Vergangenheit, kaum Zukunft. Es sei ätherisch, flüchtig, instabil.

Bücher hielten sich Jahrhunderte, eine Webseite existiere etwa 100 Tage. Schon Theodor W. Adorno habe 1968 die bequeme Haltung, Information nicht zu hinterfragen, beklagt. Ulbrich gibt seinen Zuhörern zum Abschluss ein nicht unoptimistisches Zitat des Soziologen auf den Weg: „Die fast unlösbare Aufgabe ist es, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“.

Die Ringvorlesung „Umbrüche – Auslöser für Evolution und Fortschritt“ wird am Dienstag, 27. Januar, fortgesetzt mit dem Vortrag „Der globale Wandel und die Zukunft der Klimapolitik“ von Prof. Mojib Latif, Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel, um 18.15 Uhr in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Uni Göttingen begrüßt zum #unistartgoe Studienanfänger