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Vortrag zum Thema „Die Stadt als Lebensraum der Gesellschaft“

Göttinger Akademiewoche Vortrag zum Thema „Die Stadt als Lebensraum der Gesellschaft“

Was unterscheidet Städte in China von denen der westlichen Welt? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Vortrag von Dominic Sachsenmaier bei der 11. Göttinger Akademiewoche, deren Thema „Die Stadt als Lebensraum der Gesellschaft“ ist.

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Bauboom in China: Baustellen im Guomao-Distrikt von Peking. Kleines Bild: Dominic Sachsenmaier

Quelle: afp/CH

Göttingen. Göttingen ein Dorf – jedenfalls hinsichtlich chinesischer Größenordnung. Dort können Dörfer bis zu 200000 Einwohner haben. Es sind allein die Größenverhältnisse, die einen Vergleich Chinas mit westlichen Städten unmöglich erscheinen lassen. Gerade in den vergangenen 30 Jahren habe es eine regelrechte Größenexplosion in den chinesischen Ballungszentren gegeben, berichtete Sachsenmaier, Professor für Sinologie an der Jacobs University in Bremen. Stand 1984 gerade mal ein achtstöckiges Hochhaus in Shanghai, prägen heute doppelt so viele Wolkenkratzer das Stadtbild.

 

Die Entwicklung der Städte Chinas gehe, so Sachsenmaier, untrennbar einher mit der wirtschaftlichen Entwicklung des sozialistischen Landes. Chinas Wirtschaft habe sich in den vergangenen 35 Jahren so schnell entwickelt, wie es kein anderes Land zu keinem anderen Zeitpunkt in der Weltgeschichte getan habe. Selbst Großbritannien, Ausgangspunkt der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert, entwickelte sich langsamer. Das liegt für Sachsenmaier auch an der Tatsache, dass es damals noch keine Investoren gab, zu deren Gunsten sich die Wirtschaft erweitern und die Städte vergrößern hätten können.

 

Sachsenmaier konstatierte, dass die aktuelle Urbanisierungswelle Chinas historisch einzuordnen ist, dann sei sie weniger überraschend. China sei keine „Mauerzivilisation“, die sich schon immer in sich selbst verkrochen habe. Vielmehr seien Städte seit jeher Orte religiösen Pluralismus und internationale Begegnungsstätten gewesen.

 

Die scheinbar westliche Ausrichtung, die Städte sich architektonisch und gesellschaftlich liberaler entwickeln zu lassen, sei aber auch schlicht politischer Pragmatismus. Eine marktwirtschaftliche Öffnung, die sich auf die Städte konzentriert, solle Wachstum und Reichtum generieren. Das sei seit Maos Nachfolger Deng Xiaoping das Credo.

 

Auch unterscheide sich der chinesische Städteboom von westlichen Zentren im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte. Peking hätte einst die größte intakte Altstadt Chinas besessen. Heute sei davon nichts mehr übrig. Historische Stadtkerne weichen Autobahnen, die so stark befahren seien, dass die Regierung die Zulassung der Fahrzeuge durch Lotterien bestimme und beschränke.

 

Chinas vergleichsweise „lockeres“ Verhältnis zu seinen Innenstädten fuße auf zwei Gründen. Zum einen sei die chinesische Bevölkerung die vielen Wandlungen, die mit politischen Umbrüchen einher gingen, gewöhnt, sodass keine Angst vor Veränderung herrsche. Zum Zweiten sei durch die wirtschaftliche Öffnung in der Bevölkerung der Drang nach Wohlstand und Konsum entstanden. Städte fungieren hier als Magneten, die auf die neuen Bedürfnisse der Mittel- und Unterschicht zugeschnitten werden. So wie die Bedürfnisse der Bevölkerung wachsen, wachsen eben auch die Städte.

 

Die hohe Arbeitslosigkeit unter Akademikern, die Umweltverschmutzung und zunehmend revoltierende, weil gebildetere Unterschicht werden, so Sachsenmaier abschließend, sowohl das Funktionieren der Städte als auch das der Regierung zukünftig vor Herausforderungen stellen.

 

Die 11. Göttinger Akademiewoche endet am Donnerstag, 24. September, mit dem Vortrag „Petersburg in der russischen Dichtung: Ein Beispiel für Stadt-Literatur“ von Prof. Reinhard Lauer um 18.15 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9.

 

Von Katharina Kilburger

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