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Über die Last der Vernunft

Vortragsreihe "Aufklärung 2.0" Über die Last der Vernunft

Aufklärung über die Aufklärung – das soll die Vortragsreihe „Aufklärung 2.0“ leisten, die von der Akademie der Wissenschaften veranstaltet wird. Zum Auftakt hat Bernd Ludwig, Professor für Philosophie an der Universität Göttingen, in der Aula am Wilhelmsplatz über „Die Wurzeln der Aufklärung“ gesprochen.

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Immanuel Kant und seine Tischgenossen, Gemälde von Emil Doerstling (1892/93).

Quelle: R

Göttingen. Aufklärung bezeichnet einerseits die Epoche, die im 18. Jahrhundert in Europa begann, und von Philosophen wie Kant, Hobbes und Newton geprägt wurde. Andererseits ist Aufklärung ein Prozess, der immer andauert. Kant postulierte die Unmündigkeit des Menschen, aus der er durch Aufklärung heraustreten muss. Denn jeder Mensch sei frei und verantwortlich für seine Handlungen. „Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Ende der Aufklärung noch nicht erreicht ist“, beginnt Ludwig seinen Vortrag und spielt damit auf die Aufklärung, verstanden als Prozess, an.

Doch zunächst geht es um die Wurzeln der Aufklärung, die Ludwig an zwei Orten aufspürt. Der eine Ort ist bildlich gesprochen das Paradies. Der Baum der Erkenntnis wurzelt im Garten Eden. Die Menschen waren in Eden nicht frei von Grundbedürfnissen und Empfindungen wie Hunger und Schmerz, aber sie hatten keine Sorgen. Erst durch die Vernunft fingen die Probleme an: Auf einmal gab es mehrere Handlungsoptionen, wo die Auswahl nicht mehr durch die Instinkte beschränkt wurde. „Die Vernunft treibt den Menschen in immer neue Abhängigkeiten“, bringt Ludwig es auf den Punkt.

Eine Wurzel der Aufklärung findet Ludwig also in der christlich-jüdisch geprägten Kultur. Ohne die Vernunft hätte der Mensch sich im 18. Jahrhundert nicht aufklären können und müssen. Doch auch der historische Kontext der Epoche hat eine große Rolle für die Entstehung der Aufklärung gespielt, erklärt Ludwig: „Der Aufklärung voran geht das Scheitern eines Projektes: Die religiösen Bekenntniskriege gehen einher mit einer neuen Pluralität der Kirchen. Der Monotheismus hat nicht mehr dieselbe Kraft wie früher.“ Der Glaube hatte ausgedient als Grundlage des menschlichen Handelns, er kann die Gesellschaft nicht mehr einen, weil er sich zu sehr aufsplittert in verschiedene Kirchen, die aber alle für sich die Wahrheit beanspruchen. Bei der Suche nach einer neuen Grundlage griffen die Gelehrten auf die griechische Antike, deren Philosophen, wie Epikur, noch frei von christlicher Vereinnahmung waren.

Ludwig fasst seine Suche nach den Ursprüngen der Aufklärung zusammen: „Die Vernunft sollte sich als eigenständige sittliche Orientierung verstehen.“ Mit einer historischen Anekdote schließt er seine Ausführungen und rezitiert das Klagegedicht eines Preußen, das 1794 verfasst wurde. Darin wird die Beschwerde laut, man wolle sich doch mit der Bibel zurückziehen, um nicht mit dem anstrengenden Nachdenken über seine Handlungen gequält zu werden. „Aus dem 20. Jahrhundert wollen wir ihm zurufen: Du bist nicht alleine“, scherzt Ludwig mit ernster Miene.

Über die „Jüdische Aufklärung“ spricht am Dienstag, 1. November, Prof. Gerhard Lauer im Adam-von-Trott-Saal der Alten Mensa, Wilhelmsplatz 3. Die Veranstaltung beginnt um 18.15 Uhr.

Von Jorid Engler

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