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Göttingen Vortragsreihe mit Gesprächen von Medizinern und Theologen
Campus Göttingen Vortragsreihe mit Gesprächen von Medizinern und Theologen
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19:53 04.11.2009
Medizin und Theologie in der Nikolaikirche im Gespräch: Anselm, Wiesemann und Michelmann (von links). Quelle: Heller

Zuerst der Praktiker: Prof. Hans Wilhelm Michelmann von der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Die Reproduktionsmediziin werde immer wichtiger, erläuterte er. Denn: Das Durchschnittsalter erstgebärender Frauen steige und somit auch die Zahl derer, die auf eine künstliche Befruchtung zurückgreifen, in Deutschland etwa 500   000 zwischen 1994 und 2004. Allerdings liege die Erfolgsquote bei nur 30 Prozent und die Rate der Mehrlingsgeburten sei sehr hoch. Grund dafür sei das deutsche Embryonenschutzgesetz. Das verbiete eine genetische Analyse von Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter, so dass mehrere befruchtete Eizellen zu implantieren seien. Eine Diskussion darüber ist nach Ansicht von Michelmann „ein Schritt in die richtige Richtung“ bei der Debatte um das Gesetz.

Prof. Claudia Wiesemann, UMG-Abteilung für Ethik und Geschichte der Medizin, ging auf den Umgang mit Elternschaft ein und verwies auf die Bedeutung sozialer Beziehungen, die in der Diskussion oft außer Acht gelassen würden. Die Fortpflanzungsmedizin greife in Nahbeziehungen ein, „und trotzdem wird versucht, sich mit einer Ethik des Fremden zu arrangieren“ – einer Ethik, die eine Gemeinschaft von Staatsbürgern regeln könne, nicht aber die von Verantwortung geprägte und „unkündbare“ Eltern-Kind-Beziehung. Wiesemann betonte, es müsse beachtet werden, dass es soziale Beziehungen seien, „die aus einer befruchteten Eizelle einen Embryo und aus einem Embryo einen Menschen machen“.

Krankheit Kinderlosigkeit?

Prof. Reiner Anselm von der Theologischen Fakultät vertrat als dritter Redner die Ansicht, dass die Fortpflanzungsmedizin traditionale Strukturen konserviere: Das Embryonenschutzgesetz sei am Normalfall der natürlich gebärenden Mutter in festen familiären Strukturen orientiert. Auch die Finanzierung müsse diskutiert werden: Durch eine Kostenübernahme durch das Krankenversicherungssystem würde der Zustand der Kinderlosigkeit „als Krankheit definiert“.

Die abschließende Diskussion moderierten Medizinprofessor Lorenz Trümper und Theologieprofessor Florian Wilk. Darin wurden einige der Punkte noch vertieft, am deutlichsten wurde dabei jedoch, dass das komplexe Thema der Reproduktionsmedizin noch weit reichender Diskussion in grundsätzlichen Punkten bedarf: Um die Definition von Leben bezüglich der Selektion von Embryonen zum Beispiel, oder um den Zugang zu einer solchen Behandlung, die in Deutschland lesbischen und allein erziehenden Frauen verwehrt ist. Von einer Einigung waren die drei Redner weit entfernt, was die grundsätzliche Notwendigkeit einer Diskussion aus verschiedenen Blickwinkeln nur noch unterstreicht.

Die Vortragsreihe „Heilung an Leib und Seele – Medizin und Theologie im Gespräch“ wird am Sonntag, 8. November, fortgesetzt. Nach dem Gottesdienst mit der Predigt „Wie ein zerbrochenes Gefäß (Psalm 31,10-21) von Prof. Jan Hermelink um 11.30 Uhr in der Universitätskirche St. Nikolai, Nikolaikirchhof, geht es dort um 17 Uhr weiter mit der Diskussion zum Thema „Demenz“ und den Referenten Prof. Peter Falkai, UMG-Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie, und Prof. Hermelink.

Von Helge Dickau

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