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Vortragsreihe über Shakespeare in der Göttinger Paulinerkirche

Erfolgreiche Wanderbühnen Vortragsreihe über Shakespeare in der Göttinger Paulinerkirche

Selbst Shakespeare ließ seinen Hamlet eine Truppe von Wanderschauspielern zurechtweisen und sie zur Mäßigung anweisen. Denn es ärgerte ihn „in der Seele“, wenn ein Schauspieler „eine Leidenschaft in Fetzen, in rechte Lumpen zerreißt“.

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Von Carl Spitzweg um 1838 gemalt: „Reisende Komödianten“.

Quelle: EF

Göttingen. Im 16. Jahrhundert war die Profession des Berufsschauspielers noch in den Kinderschuhen. Das Theater in Deutschland beschränkte sich auf Fastnachtspiele, die von Handwerkern gezeigt wurden, und auf die Aufführung religiöser Themen. Große deutsche Dramatiker gab es noch nicht. Ein ganzes Stück weiter präsentierte sich die englische Theaterkultur mit der Form der Wanderbühne.

Der Ruf des Wanderschauspiels war lange Zeit in der wissenschaftlichen Diskussion, wie auch im Hamlet nicht besonders ruhmreich. Zu Unrecht, sagt Prof. Ralf Haekel von der Universität Göttingen. Denn die englische Wanderbühne war ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches und führte über die Ländergrenzen hinaus zur Bildung einer gemeinsamen europäischen Theatersprache.

Um überhaupt als Wandertruppe reisen und aufführen zu dürfen, bedurfte es allerdings eines Mäzens. Denn ohne dessen Schirmherrschaft galt man nur als Vagabund, Landstreicher oder Bettler. Gleichzeitig war der Name eines angesehenen Mäzens auch ein Qualitätsmerkmal.

Am Anfang, 1592, ging es in erster Linie um das Spektakel. Die Schauspieler fochten, sangen, tanzten, liefen die Wände hoch und zeigten andere akrobatische Einlagen. Sogar Spezialeffekte mit Feuer und Schweineblut bekamen die Zuschauer zu sehen. Denn die englischen Schauspieler sprachen kein Deutsch und die Deutschen wenig Englisch. Die Handlung erkannten sie trotzdem.

Wenig mehr, als zwei frierende Soldaten

Literarisch gesehen waren Inhalt und Textform keine hohe Kunst. Der Reiz lag in den Requisiten, den Kostümen und im selbstreferentiellen Schauspiel. Und sie waren erfolgreich. Allmählich wurden die aufgeführten Stücke ins Deutsche übersetzt, allerdings nicht auf der Grundlage des Manuskripts, sondern an hand dessen, was der Zuschauer auf der Bühne erkannte. Selbst Shakespeares Werke wurden auf diese Weise tradiert.

So gab es eine inhaltliche Diskrepanz bei Shakespeares „Titus Andronicus“, erzählt Anglist Haekel. Während in der englischen Fassung Schauspieler die Melancholie in Wort und Geste dargestellten und von der Krankheit des Herzens sprachen, blieben von den Emotionen in der deutschen Übersetzung wenig mehr übrig, als zwei frierende Soldaten. Denn übersetzt wurden nur die theatralischen Zeichen, der Kontext des Schauspiels ging verloren.

Zwar könnte man der Wanderbühne eine Reihe von qualitativen Mängeln vorwerfen, Tatsache bleibt jedoch, dass sie entscheidend zur Etablierung einer europäischen Theaterkultur beitrug. Sie brachten nicht nur die Stücke aus England mit, sondern auch die soziale Form und schufen damit die Rahmenbedingungen für eine erblühende Theaterlandschaft.

Von Serafia Johansson

Über „Bardolatry und Shakespeare-Tourismus von 1769 bis heute“ spricht Prof. Barbara Schaff, Seminar für Englische Philologie, am Donnerstag, 8. Januar, um 18.15  Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14.
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