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„Wir setzen auf Qualität und nicht auf Quantität“

Universitätspräsidentin im Interview „Wir setzen auf Qualität und nicht auf Quantität“

Qualität statt Quantität - das ist das Motto der neuen Präsidentin der Universität Göttingen, Professor Ulrike Beisiegel. Die 58-jährige Biochemikerin ist seit dem 1. Januar im Amt. Vorher war sie Direktorin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Interview mit Heidi Niemann erläutert sie ihre Schwerpunkte und Ziele.

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Exzellenzinitiative: Ulrike Beisiegel will erneut Erfolg für die Universität Göttingen.

Quelle: pid

Was hat Sie daran gereizt, Universitätspräsidentin zu werden?

Ich bin immer mit Leib und Seele Wissenschaftlerin gewesen und habe mich dann nach und nach auch in der Wissenschaftspolitik engagiert. Offenbar schien mir dies zu liegen, weil ich immer wieder vorgeschlagen wurde und schnell Vorsitzende war in den entsprechenden Gremien. Mir macht beides viel Freude, aber man kann den Spagat zwischen Forschung und Hochschulpolitik nicht ewig aushalten. Irgendwann muss man sich entscheiden. Vor genau dieser Frage stand ich, als das Angebot aus Göttingen kam. Es hätte nicht zu einem besseren Zeitpunkt kommen können. Jetzt bin ich „Fulltime-Präsidentin“, und es macht mir großen Spaß.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Universität Göttingen. Ist Frauenförderung für Sie ein wichtiges Thema?

Ganz klar. Ich habe mich immer dafür engagiert und werde dies auch weiter tun. Der Bereich Gleichstellung war bislang beim Vizepräsidenten der Universität angesiedelt. Ich habe darum gebeten, das übernehmen zu dürfen, denn für mich ist das Thema Gleichstellung Chef- oder in diesem Fall Chefinnensache.

Was wollen Sie konkret tun?

Ich möchte als Vorbild wirken und jungen Frauen zeigen, dass es Spaß macht, erfolgreich zu sein. Außerdem möchte ich ein- oder zweimal im Jahr junge Professorinnen zu einer Art Stammtisch einladen. Solche Treffen habe ich schon früher mit den Frauen aus dem Wissenschaftsrat veranstaltet. Dabei zeigte sich, dass alle Wissenschaftlerinnen über ähnliche Probleme und Erfahrungen berichteten. Es war ein reger Austausch, den alle sehr genossen haben.

Sie selbst haben keine Familie. Können Wissenschaftlerinnen nur Karriere machen, wenn sie auf Kinder verzichten?

Es ist in der Tat so, dass viele erfolgreiche Frauen keine Familie haben. In unserer Generation haben es Frauen in der Wissenschaft wirklich schwer gehabt. Es gibt aber Beispiele von erfolgreichen Wissenschaftlerinnen mit Kindern, und ich habe größte Hochachtung vor ihnen. Ich finde es sehr wichtig, dass Universitäten familienfreundlich aufgestellt sind. Sowohl Wissenschaftler als auch Wissenschaftlerinnen müssen die Möglichkeit haben, eine Familie zu gründen.

Sie kennen viele Hochschulen. Was sind die Stärken der Universität Göttingen?

Das Zukunftskonzept, mit dem sich die Universität Göttingen in der Exzellenzinitiative durchgesetzt hat, trägt den Titel „Tradition – Innovation – Autonomie“. Dies ist eine sehr gute Beschreibung. Es gibt hier eine sehr innovative Forschung, zum Beispiel in den Neurowissenschaften. International ist Göttingen vor allem als traditionell gute Universität bekannt. Diese Tradition ist ein ganz großes Pfund.

Wie wollen Sie dieses Pfund stärker zur Geltung bringen?

Die Universität hat viele wissenschaftliche Sammlungen. Ich habe inzwischen fast alle gesehen, sie sind einfach sensationell. Ich möchte die Sammlungen stärker für Forschung und Lehre nutzen und auch der Öffentlichkeit besser zugänglich machen. Inzwischen habe ich erfahren, dass meine Idee gar nicht so neu ist, sondern es hierzu bereits konkrete Pläne gibt. Das ist sehr gut. Die Universität hat die Aufgabe, dieses kulturelle Erbe zu verwalten und zu erhalten.

Für die große Tradition der Universität Göttingen steht auch die Mathematik. Deren 1929 erbautes Institutsgebäude ist in der Fachwelt eine weltberühmte Adresse. Wie stehen Sie zu den kontrovers diskutierten Plänen, dass die Mathematik in einen Neubau auf den Nordcampus umziehen soll?

Ich habe noch nicht genügend Sachinformationen, um mir eine objektive Meinung bilden zu können. Meine subjektive Meinung ist, dass wir dieses tolle Gebäude erhalten sollten. Aber wir müssen jetzt erstmal sehen, wie sich das rechnet. Ich würde dies sehr ernsthaft prüfen.

Sie plädieren seit längerem für eine Entschleunigung der Wissenschaft. Wie wollen sie den Wissenschaftlern mehr Freiraum verschaffen?

Ich glaube, dass man die administrativen Prozesse verschlanken und Formalitäten abbauen kann. Außerdem sollten wir uns einfach auch manchmal zurücklehnen und fragen: Ist der Druck notwendig, den wir uns hier machen? Ich bin dafür, Entscheidungsprozesse reifen zu lassen. Wir müssen auch nicht auf jede Ausschreibung von Fördermitteln aufspringen und einen Antrag stellen. Derzeit sehe ich eine solche Tendenz an den Universitäten. Ich habe schon in Hamburg in meiner Gruppe öfter gesagt: Wir haben ausreichend Drittmittel, und wir haben genug zu tun, deshalb stellen wir im Moment keinen Antrag. Aber das Problem ist, dass es häufig heißt: Sie haben jetzt 500     000 Euro, aber ein anderer hat eine Million – wollen Sie nicht noch mal einen Antrag stellen? Man wird also nur an der Höhe der eingeworbenen Mittel und an der Anzahl der Publikationen gemessen und weniger an den Inhalten. Diese Diskussion werde ich hier auch führen, und viele Kolleginnen und Kollegen haben dafür ein sehr offenes Ohr, manche fühlen sogar Erleichterung.

Die Universität Göttingen wäre aber fast in der Exzellenzinitiative gescheitert, weil sie nicht sehr viele Drittmittel vorzuweisen hatte.

In der Tat gab es nicht sehr viele große Projekte, in den vergangenen drei, vier Jahren wurden jedoch mehrere bewilligt. Die Grundlage an Drittmitteln, Verbundprojekten und Sonderforschungsbereichen, die wir für die zweite Runde vorweisen können, ist sehr gut. Die Kolleginnen und Kollegen haben sich extrem angestrengt. Jetzt wäre meine Devise: Dort, wo es bereits viele Anträge gibt, nicht noch mehr stellen, sondern erstmal arbeiten. Die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind nicht selten in bis zu vier Initiativen engagiert. Sie würden sich zerreißen und könnten keine gute Arbeit mehr leisten, wenn sie noch mehr Projekte hätten. Das ist ein Punkt, den ich auch in das Zukunftskonzept einbringen werde: Wir setzen auf Qualität und nicht auf Quantität.

Was wollen Sie als Erstes angehen?

Im nächsten halben Jahr werde ich mich intensiv um den Antrag für die nächste Runde der Exzellenzinitiative kümmern. Wir werden alles daran setzen, dass die Universität Göttingen erneut erfolgreich ist. Ganz wichtig ist mir aber auch, die Studienbedingungen weiter zu verbessern.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich segele sehr gerne. Das kann ich hier leider nicht mehr machen – das Einzige, was mir in Göttingen fehlt, ist das Meer. Dafür gibt es wunderschöne Waldgebiete. Ich werde also die Segelschuhe gegen Wanderschuhe austauschen. Außerdem lese ich gerne und fahre sehr gerne Fahrrad.

Den nächsten Vortrag der Ringvorlesung „Vom Nutzen des Nutzlosen. Vom Spiel zum Produkt“ hält Prof. Ulrike Beisiegel. „Wissenschaftlicher Fortschritt: Kreativität braucht Raum und Zeit“ lautet ihr Thema am Dienstag, 1. Februar, um 18.15 Uhr in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1. Dem Vortrag folgt eine Diskussion mit Dr. Wilhelm Krull, Stiftungsratsvorsitzender der Universität Göttingen und Generalsekretär der VW-Stiftung, Prof. Joachim Klein, Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft, und Prof. Gerd Litfin, Göttingen.

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