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Göttingen Wissenschaftler: Flüchtlinge haben oft schlechte Arbeitsbedingungen
Campus Göttingen Wissenschaftler: Flüchtlinge haben oft schlechte Arbeitsbedingungen
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00:22 02.12.2018
Ein Auszubildender aus Syrien bei Siemens – dass Flüchtlinge eine Ausbildung machen, ist derzeit eher selten. Quelle: picture alliance / Monika Skolim
Göttingen

Schwere Arbeit im Niedriglohnsektor trägt kaum zur Integration Geflüchteter bei. Zu diesem Zwischenergebnis sind die Göttinger Wissenschaftler Peter Birke und Felix Bluhm in einer Studie gekommen.

„80 000 bis 90 000 Geflüchtete in Deutschland haben zuletzt Arbeit gefunden“, berichtet Birke. Er und Bluhm gehören zu einem Team des Soziologischen Forschungsinstituts (Sofi). Sie befassen sich in einem vom Land Niedersachsen finanzierten Projekt, das noch bis Ende 2019 läuft, mit der Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt. Den Anstoß für die Arbeit, so der promovierte Historiker, hätten nicht zuletzt skandalöse Verhältnisse bei der Beschäftigung von Bürgern aus der Europäischen Union gegeben.

„Ein Drittel der Geflüchteten ist bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt, zwei Drittel sind im Niedriglohnsektor tätig“, führt Birke aus. Die boomende Fleischwarenindustrie, die in der Vergangenheit viele EU-Ausländer beschäftigt habe, stelle verstärkt Flüchtlinge ein. Es sei schwer, über die Arbeitsbedingungen verlässliche Informationen zu bekommen. Die Unternehmen selbst verhielten sich selten kooperativ. Das habe offenbar mit den schlechten Arbeitsbedingungen zu tun.

Arbeitsunfälle

„Viele Geflüchtete reinigen nachts die Anlagen“, berichtet Bluhm. Sie müssten dabei zum Teil verbotene Reinigungsmittel verwenden. Es gebe kaum Sicherheitseinweisungen. Teilweise säuberten die Beschäftigten unter Zeitdruck laufende Maschinen. Immer wieder komme es dabei zu Arbeitsunfällen bis hin zum Verlust von Körperteilen. Überstunden würden nicht bezahlt. Um einen solchen Job zu bekommen, hätten Geflüchtete zum Teil einige 100 Euro zu zahlen.

„Der Versandhandel in Niedersachsen stellt derzeit Hunderte von Geflüchteten ein“, beobachtet Bluhm. Auf die oft harten, auf Dauer krank machenden Arbeitsbedingungen des Niedriglohnsektors, zu dem unter anderem auch die Gastronomie und die Pflege gehörten, ließen sich die Flüchtlinge ein, da sie so 1200 bis 2000 Euro netto im Monat verdienen könnten – aus ihrer Sicht viel Geld. Ein anderer Grund sei, dass der Gesetzgeber den Aufenthaltsstatus von der Berufstätigkeit abhängig gemacht habe. Manche wollten auch vor einer möglichen Abschiebung so viel Geld wie möglich verdienen.

28.000 Flüchtlinge machen eine Ausbildung

„Langfristiger denken die 28.000 Geflüchteten in Deutschland, die eine Ausbildung begonnen haben“, berichtet Birke. Das bedeute zunächst einmal ein geringeres Einkommen, verspreche aber auf Dauer eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt. Es sei allerdings nicht einfach, eine Lehrstelle zu bekommen. Selbst wer vergleichsweise gut Deutsch spreche, kämpfe anfangs mit der Fachsprache im Betrieb. Auch in der Berufsschule gebe es eine nicht zu unterschätzende Sprachbarriere.

„Die meisten Geflüchteten benötigen eine Einstiegsqualifizierung“, sagt Birke. Deutschlandweit seien derzeit 400.000 Flüchtlinge in Qualifizierungsmaßnahmen. Nur wenige schafften den Sprung in eine Ausbildung. Von diesen hätten viele in ihrer Heimatland studiert oder sogar Studium bereits beendet.

Abgelegene Flüchtlingsunterkünfte erschweren die Aufnahme von Arbeit

„Die oft langen Anfahrtswege von abgelegenen Flüchtlingsunterkünften zu Betrieben erschweren die Arbeitsaufnahme“, sagt Birke. Auch die Unterbringung in Mehrbettzimmern sei nicht zielführend. Wer Nachtschicht habe, komme dort tagsüber nicht zur Ruhe. Außerdem gelte: Je unsicherer der Aufenthaltsstatus sei, um so schwerer sei es, Arbeit zu finden. Schließlich hätten viele Flüchtlinge nur die Grundschule besucht.

„Staatliche Stellen sollten den Niedriglohnsektor verstärkt kontrollieren“, fordert Birke. Die Erkenntnisse basierten auf 100 Interviews.

Von Michael Caspar

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