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Göttingen Wissenschaftler blicken auf den ländlichen Raum
Campus Göttingen Wissenschaftler blicken auf den ländlichen Raum
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14:00 10.08.2018
Die ehrenamtliche Rentnergruppe „Mobile Einsatztruppe Bühren“ bringt ein Deko-Bäumchen in die DRK-Kindertagesstätte. Mit dabei Bürgermeister Christoph Witzke. Quelle: Niklas Richter
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Bühren / Göttingen

Wenn sich der Staat aus den Dörfern zurückzieht, entstehen Lücken. Mancherorts entwickeln Bürger Initiativen, andere Orte geraten in eine Abwärtsentwicklung. Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) plädiert für einen neuen Umgang mit dem ländlichen Raum. Auch, wenn der Geld kostet.

Alltag in Niedersachsen: Zentralisierung schreitet voran

Nicht jeder Ort kann mehr jede Infrastruktur aufrechterhalten, dann schließt irgendwann die Grundschule oder die Gemeindemitarbeiter werden zentralisiert und vor Ort wird nur noch eine Bürgersprechstunde angeboten. Kleine Orte verlieren zunehmend ihre öffentlichen Einrichtungen. Alltag in südniedersächsischen Gemeinden.

Starke Nachfrage nach Bauplätzen

„Wir merken es überdeutlich bei der Internetversorgung“, sagt etwa Christoph Witzke, Bürgermeister des 539-Einwohner starken Bühren. „Der Staat zieht sich da nicht unbedingt raus, aber er setzt die Prioritäten in den Städten. Wir arbeiten hier noch mit Funk, der sehr instabil ist. Das ist ein absoluter Standortnachteil.“ Auch gebe es die an sich sinnvolle Vorschrift, dass in kleineren Orten keine Neubaugebiete mehr entstehen dürfen. Doch dabei vermisst Witzke eine gewisse Flexibilität und Differenziertheit, denn in Bühren gebe es eine starke Nachfrage nach Bauplätzen.

Differenzierter Blick auf den ländlichen Raum

Der ländliche Raum sei in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Stigma behaftet, dass er von einer Abwärtsentwicklung erfasst sei, während das eigentliche Leben in den Städten stattfindet, so Prof. Berthold Vogel, Geschäftsführender Direktor des SOFI. Mit dem Soziale-Orte-Konzept wollen sie ein „Gegenprogramm zur Absiedlung und Entleerung ländlicher Räume entwickeln“ – einen differenzierten Blick.

Berthold Vogel Quelle: Niklas Richter

„Der ländliche Raum ist sehr vielfältig, man kann ihn nicht über einen Kamm scheren“, erläutert Vogel. „Wir wollen mit unserem Konzept lokale Institutionen stärken und von der Idee wegkommen, dass Gestaltungsvorgaben nur von oben nach unten durchgereicht werden.“ Im Hintergrund stehe die Erhaltung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. „Die Abwicklung bestimmter ländlicher Räume kann nicht die Zukunft sein.“

„Man könnte eine sehr negative Geschichte erzählen“

„Wir haben natürlich einerseits Überalterung, Wegzug, prekäre Beschäftigungsverhältnisse“, sagt Vogel. „Man könnte eine sehr negative Geschichte erzählen. Man kann über den ländlichen Raum aber auch eine sehr positive Geschichte erzählen, weil es viele Initiativen engagierter Bürger gibt und einige sehr erfolgreiche Unternehmen, die händeringend Mitarbeiter suchen.“

Gedanken über die Zukunft des Ortes

Eine dieser positiven Entwicklungen lässt sich in Bühren beobachten. Dort gebe es inzwischen drei ausgebildete Dorfmoderatoren, ein vierter wird derzeit noch geschult, sagt Bürgermeister Witzke. Diese bilden den Kern von weiteren Aktiven, so dass lang angedachte Ideen endlich umgesetzt werden – wie etwa Plattdeutschkurse. Kürzlich gab es zudem eine Veranstaltung unter dem Titel „Bühren kreativ“ – rund 50 Bürger machten sich dabei Gedanken über die Zukunft des Ortes. „Wir haben es bislang sehr gut hinbekommen, dass wir gemeinsam überlegen, wie wir unser Dorf attraktiv halten und aktiv werden“, so Witzke.

50 Teilnehmer und eine Gruppe „rüstiger Rentner“

Die Homepage des Ortes wird ehrenamtlich gepflegt und mit Inhalten gefüllt, die Mitfahrbörse über WhatsApp, vor zwei Jahren gegründet, hat inzwischen um die 50 Teilnehmer und eine Gruppe „rüstiger Rentner“, wie Witzke meint, trifft sich einmal wöchentlich und packt da an, wo es notwendig ist – wie Grünflächen in Ordnung zu halten oder auch mal karitativ Fahrräder für die Tschernobyl-Stiftung herzurichten.

„Wir setzen darauf, diese kreativen Potenziale zu entdecken und zu stärken“, sagt Vogel. Von manchen dieser Ideen könnten selbst Großstädte sich das eine oder andere abschauen. „Aber alles auf das bürgerliche Engagement zu verlagern, wäre falsch. Unsere Erfahrung vor Ort ist, dass bürgerschaftliches Engagement dort am besten funktioniert, wo öffentliche Infrastrukturen noch vorhanden sind.“

Demokratie kostet Geld

In Frankreich ließ sich beobachten, dass gerade dort extreme Parteien gewählt wurden, wo sich der öffentliche Sektor verabschiedet hat. „Die Leute haben den Eindruck, dass sich der Staat nicht mehr für sie interessiert“, erklärt Vogel. „Im Grunde kann man sagen: Demokratie kostet Geld, Institutionen vorzuhalten kostet Geld. Aber es wäre ein Schaden, öffentliche Einrichtungen nur als finanzieller Kostenfaktor zu sehen.“

Von Sven Grünewald

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