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Göttingen Nicole Zornhagen setzt Museumsobjekte in Szene
Campus Göttingen Nicole Zornhagen setzt Museumsobjekte in Szene
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00:19 23.09.2017
Bereitet die nächste Ausstellung vor: Nicole Zornhagen. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

„Meine Tätigkeit verlangt Kreativität, Umsicht beim Umgang mit den zum Teil fragilen Objekten sowie detaillierte Materialkenntnisse“, erklärt die gelernte Tischlerin und studierte Ethnologin. Die zum Teil Jahrhunderte alten Ausstellungsstücke aus Materialien wie Leder, Seide oder Bast, die Wissenschaftler aus aller Welt zusammengetragen hätten, nähmen nur zu leicht Schaden. Sie müssten so präsentiert werden, dass sie keinem Zug oder Druck ausgesetzt seien. Gleichzeitig gelte es sie so auszurichten, dass sie schön zur Geltung kämen.

„Aufpassen muss ich mit Ausdünstungen von Lacken und Farben, aber auch von Kunststoffen“, führt Zornhagen aus. Sie können die Objekte schädigen. Das nötige Wissen schöpft sie nicht zuletzt aus der Fachliteratur. Fraunhofer-Institute und Restauratoren publizieren über das Thema.

„Die letzte Ausstellung, für die ich zusammen mit Studierenden Ständer angefertigt habe, befasst sich mit Tanzkultur und Klimawandel auf den Südseeinseln von Kiribati. Die Inseln des Atollstaates ragen gerade einmal zwei Meter über den Meeresspiegel heraus. Seit 1870 stiegt das Wasser um 20 Zentimeter. „Nach Berechnungen von Klimaforschern wird die Situation für die Inseln immer bedrohlicher“, sagt der Kustos der Sammlung, Michael Kraus.

Die Musik-Performance, mit der Schüler auf Kiribati das Problem des Klimawandels aufgriffen, haben zwei Göttinger Ethnologen, Elfriede Hermann und Wolfgang Kempf, während eines Forschungsaufenthalts dokumentiert. Sie sprachen zudem mit Künstlern einer traditionellen Tanzgruppe, die auf Tourneen den Klimawandel zum Thema macht. „Die Tänze haben auch eine religiöse Dimension“, erläutert der Kustos. Die Tänzer verbänden sich mit den hilfreichen Geistern der Ahnen und fielen zum Teil in Trance.

Die Studierenden wählten für ihre Ausstellung, die es im Treppenhaus des Museums zu sehen gibt, einige historische Objekte aus dem Magazin der Sammlung aus. „Wir verfügen über 18 000 Ausstellungsstücke, von denen wir nur einen Bruchteil zeigen“, sagt Kustos Kraus. In den Kellerräumen gibt es Regale voller Wurfspieße, Lanzen und Keulen aus aller Welt. „Wir könnten damit die Göttinger zur Verteidigung der Stadtmauer ausrüsten“, scherzt der Kustos. Die Bedingungen in den Magazinräumen seien nicht optimal, beklagt er. Das Wissenschaftsministerium in Hannover habe aber bereits Geld für die Sanierung des Hauses bereitgestellt. Die Arbeiten sollen 2018 beginnen.

Die Studierenden wählten einen stacheligen Helm aus, der aus einem Kugelfisch angefertigt wurde. Aus Kokosfasern ist eine Rüstung, die den Rücken und den Hinterkopf der Krieger gegen fliegende Steine schützt. Zu sehen gibt es ein großes Schwert, dessen Klinge aus Haifischzähnen besteht. Eine zweite Vitrine zeigt moderne Tanzkostüme, darunter eine Bastmatte für Männer, die mit einem Gürtel aus Frauenhaar getragen wird. Die Frauen tragen einen BH aus Bast, der innen mit Baumwollstoff gepolstert ist. „Das ist ein Zugeständnis an die christlichen Missionare, die das barbusige Tanzen im 19. Jahrhundert unterbanden“, berichtet Zornhagen. Zur Präsentation des Büstenhalters schuf Student Lüder Nordmann, ein gelernter Landschaftsgärtner, ein Gestell aus Blumendraht.

Großformatige Bilder der Tänzer, die die Studierenden von einer Firma auf Stoffbahnen drucken ließen, illustrieren die Ausstellung. „Unsere Hausmeister schafften es, sie an einer Leiste in fünf Meter Höhe aufzuhängen“, berichtet Zornhagen. Die Vermittlung der praktischen Kenntnisse für die Erstellung einer Ausstellung seien ein wichtiger Teil des Studiums. Sie selbst sei über ein studentisches Projekt an ihre Stelle gekommen. Seit 2005 bringe sie ihre Tischlerfertigkeiten in der Sammlung ein. Im vergangenen Jahr habe die Universität sie fest als wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt.

Von Michael Caspar

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