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Zweifel an Bibeltexten

Streitbarer Aufklärer: Lüdemann wird 70 Zweifel an Bibeltexten

Gerd Lüdemann hat sich in den  1990er Jahren in Büchern und Interviews vom christlichen Glauben losgesagt und wurde daraufhin wegen seiner kritischen Sicht auf Religion und Kirche mit einem Sonderstatus in ein neues Fach versetzt. Am Dienstag wird der streitbare Göttinger Professor 70 Jahre alt.

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Gerd Lüdemann bei seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Göttingen im Jahr 2011.

Quelle: CH

Göttingen. Auch bei Fachkollegen stieß der Wissenschaftler mit seinen provozierenden Äußerungen auf Widerspruch. 1998 veröffentlichte Lüdemann, der an der Göttinger Fakultät für Evangelische Theologie den Lehrstuhl für Neues Testament vertrat, das Buch "Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat". Darin versuchte er nachzuweisen, dass nur ein kleiner Teil der Jesus zugeschriebenen Worte von ihm selbst stammte. Schon das Urchristentum habe begonnen, Jesu Worte "zu verfälschen und zu übermalen". Die Kirche habe sich "Jesus so zurechtgelegt, wie er ihren Wünschen und Interessen entsprach" und wie er ihr im Kampf gegen Abweichler und Andersgläubige am nützlichsten zu sein schien, argumentierte der Professor.

"Du hast das zukünftige Reich Gottes verkündigt, gekommen aber ist die Kirche", schrieb Lüdemann. "Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden. Deine Lehre war ein Irrtum, denn das messianische Reich ist ausgeblieben."

Wegen seiner öffentlichen Abkehr vom christlichen Glauben gliederte die Universität Lüdemanns Lehrstuhl im Einvernehmen mit der evangelischen Kirche aus der Fakultät aus und wandelte ihn in einen Lehrstuhl für "Geschichte und Literatur des frühen Christentums" um. Dieses Fach ist nicht konfessionsgebunden und für die Ausbildung der Nachwuchstheologen nicht verbindlich. Außerdem strich die Universität die Stelle eines für Lüdemann tätigen wissenschaftlichen Assistenten. Es folgte ein Rechtsstreit durch sämtliche Instanzen.

Erst 2008 stand nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes fest: Die Umwandlung des Lehrstuhls war rechtens. Das Selbstbestimmungsrecht der Religionen sei höher zu bewerten als die Wissenschaftsfreiheit des Beschwerdeführers, so die Karlsruher Richter. Das Amt des Hochschullehrers an einer theologischen Fakultät dürfe bekenntnisgebunden ausgestaltet werden. In den seither erschienenen rund anderthalb Dutzend Büchern konzentrierte sich Lüdemann auf eine kritische Betrachtung des Auferstehungsglaubens ("Das Grab war voll.") und äußerte starke Zweifel an der Echtheit vieler überlieferter Bibeltexte einschließlich der Evangelien. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Lehrmeinung seiner Kollegen ließ ihn schließlich von ihr abrücken. Auch die biblischen Darstellungen von der Geburt Jesu bezeichnet Lüdemann als "reine Erfindungen".

Die Weihnachtsberichte seien "heilige Lügen" und hätten mit dem wirklichen Hergang nichts zu tun. Der Stern von Bethlehem sei ein "Wunderstern" ohne geschichtliche Realität. Jesus sei zudem nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren worden. Mit seinen Ansichten eckte Lüdemann nicht nur in der Kirche an, auch in wissenschaftlichen Kreisen riefen sie äußerst kontroverse Reaktionen hervor. Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann etwa hält Lüdemanns Kritik für methodisch unlauter - er messe die Texte der Urchristen mit modernen Maßstäben, die es damals gar nicht gegeben habe. Lüdemanns Verleger Dietrich zu Klampen, bei dem der Wissenschaftler seit mehr als 20 Jahren publiziert, sagt hingegen: "Es gibt sonst niemanden, der so konsequent, kompromisslos und hingebungsvoll Aufklärung betreibt."

Von Reimar Paul (epd)

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