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Zweisprachigkeit für Kinder keine Überforderung

Rosemarie Tracy Zweisprachigkeit für Kinder keine Überforderung

Wie kommen Sprachen in den (Kinder-) Kopf? Und was geschieht, wenn Kinder mit mehr als einer Sprache aufwachsen? Dieser Fragen nahm sich am vergangenen Dienstag Prof. Rosemarie Tracy, Mannheim, in ihrem Auftaktvortrag zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaften an.

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Prof. Rosemarie Tracy: Warnung vor Doppelmoral.

Quelle: Pförtner

Als „Unsinn“ bezeichnete die Sprachwissenschaftlerin gleich zu Beginn ihres Vortrages die Ansicht, dass Mehrsprachigkeit der Ausnahmezustand sei und zu einem Identitätsverlust führen können. Die Mehrheit der auf der Welt lebenden Menschen wachse ohne Probleme mehrsprachig auf.

Ebenso prangerte Tracy eine gewisse Doppelmoral an: Ein Kinderarzt werde Eltern, deren Kinder beispielsweise deutsch- und englischsprachig aufwachsen, vermutlich beglückwünschen. „Derselbe Arzt würde möglicherweise bei einer Kombination aus Deutsch und zum Beispiel Kroatisch oder Arabisch vor einer Überforderung warnen.“Fragwürdig sei auch, dass beispielsweise bei den Tests zur Einschulung bilinguale Kinder nach den gleichen Normen bewertet werden, wie einsprachig aufgewachsene. Dies sei unangemessen, denn Zweisprachigkeit bedeute nicht, dass Wortschatz und stilistisches Repertoire gedoppelt vorhanden seien. Natürlich könne es zu Störungen zwischen den beiden Sprachen kommen. Und bei der Suche nach Wörtern entstehe automatisch ein Verlangsamungs-Effekt. „Dies führt jedoch beispielsweise zu einer besseren Unterdrückung nicht relevanter Informationen und zu einer Reduktion von Platzhaltern und Füllwörtern“, erklärt Tracy.

Gerade Kinder nutzen die Zweisprachigkeit für Rollenwechsel. Beim Spiel mit zwei Puppen sprach eine knapp Dreijährige beispielsweise die eine Rolle auf Deutsch, die andere in Englisch. Grundsätzlich sei es so, dass eine von beiden Sprachen bevorzugt werde. In der einen Sprache noch fehlende Wörter werden im Redefluss aus der anderen entliehen. Dementsprechend gebe es in der sprachlichen Entwicklung auch intensive Mischphasen.

„Sprache ist komplex.“ Sie besteht aus diversen Teilsystemen, wie etwa der Grammatik, Wortschatz, Höflichkeitsregeln und Sprachmelodie. Die Grammatik ermöglicht es uns, unterschiedliche Satzmuster zu erzeugen, auch wenn man die Begriffe im Satz nicht kennt. „Der gloke Baler frohlte die morsigen Tenden.“ In diesem Satz vermutet man im Deutschen, dass „frohlen“ ein Verb ist, während „glok“ und „morsig“ Adjektive zu sein scheinen. Der Baler ist also glok, Tenden sind morsig, während man sich auch fragen könnte, ob Baler nur morsige Tenden frohlen.

Diese grundlegende Grammatik wird von Kindern im Vorschulalter und jünger oft sehr schnell begriffen. Ein dreieinhalb Jahre altes, arabisches Mädchen verwendete nach einem Monat im Kindergarten einzelne deutsche Begriffe. Nach drei Monaten hatte sie die typische Satzstruktur verstanden. Jedoch fehlte es ihr noch an Wortschatz, der korrekten Pluralbildung, den jeweils passenden Präpositionen sowie dem Geschlecht eines Substantives.

Nachdrücklich plädierte Tracy dafür, dass beispielsweise Kindern mit Migrations-Hintergrund bereits im Alter von zwei bis vier Jahren reichlich Gelegenheiten zum Spracherwerb bekommen. „Die Eltern sind hier als Nicht-Muttersprachler in der Regel überfordert.“ Wichtig sei ein verlässliches Angebot etwa im Kindergarten mit varianten- und kontrastreicher sowie komplexer Sprache, die nach Möglichkeit in einem Dialog erprobt werden kann.

In der Augen der Europäischen Kommission lohnt sich dieser Aufwand in jedem Fall: Drei Sprachen soll ein Bürger Europas in der Regel beherrschen. Hierfür seien jedoch nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund qualifizierte Pädagogen notwendig. „Spracherwerb“, so Tracy, „funktioniert nun einmal nicht telepathisch.“

Von Heike Jordan

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