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4000 Mitglieder hat der Verein der Ehemaligen der Georg-August-Universität, 100 000 Alumni leben in aller Welt. Die Tageblatt-Redaktion befragt in Zusammenarbeit mit der Universität 100 frühere Studierende nach ihren Erinnerungen an ihre Studienzeit. Heute: Peter-Matthias Gaede.

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Studium – ein langer, meist ruhiger Fluss: Peter-Matthias Gaede.

Quelle: EF

Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?
Es war eine Kombination aus dreierlei: dem Entschluss, das Studium gemeinsam mit Sandkastenfreunden zu beginnen. Der Entscheidung für eine Vielfalt verheißende Fächerkombination der Sozialwissenschaften. Der Nähe zum Heimatbiotop Kassel.

Denke ich an Göttingen, denke ich sofort an…
…einen erfolglosen Arbeiter-Buchladen, die Publizistik des Wilmont Haacke, die schwer zu überwindenden Schrecken von „Statistik I“ und „II“, ein Babylon der K-Gruppen, Nudelsalate in Babywannen, Debatten um die Moral „klammheimlicher Freude“, Frauen, Patch-work-Beziehungen, Kunstmärkte an der Stadthalle, All-inclusive-Reisen nach Brokdorf, Suche.

Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?
Sämtliche Jahre in der Wohngemeinschaft Bühlstraße 28. Fachwerk, hohe Hecke, Garten. Geborgenheit und Streit. Abenteuer und Wollsocken. Teile und herrsche nicht. Lotta Continua, aber mit European Song Contest. Frauen und Männer, insgesamt acht mit assoziierten Lieben von außerhalb. Erfolglose Frauenversteher und skandalös erfolgreiche Machos. Niederlagen und späte Triumphe. Schimmel und sehr, sehr billige Wurst. Kein Schlüssel im Klo, teils vergesellschaftete Nacktheit. Träume von Griechenland, philosophische Diskurse versus Abwaschdienst. Revolutionäre Kleinbürgerlichkeit. Gitarre und Querflöte, Häkelzeug und Pfefferspray. Das Studium: ein langer, meist ruhiger Fluss.

Was war Ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?
Wochentags am Abend das „Apex“, samstags am späten Vormittag das „Cron & Lanz“.

Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat Sie besonders beeindruckt?
Sch & Sch, also Wilfried Scharf und Otto Schlie, jene zwei Nicht-Professoren, mit denen wir im Interim zwischen den Professoren Haacke und Aufermann den Wechsel von der Stilkunde zur Kommunikationswissenschaft weitgehend in Eigenverantwortung und mit einer gewissen Emphase organisierten.

Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?
Mit, siehe Länge der Studienzeit, ungefähr allem: mit Verliebtheit, mit dem Nachdenken über den – wie sich schon abzeichnete: extrem bescheidenen – Platz in der nicht wirklich anstehenden Weltrevolution, mit Salvador Allende, eine Zeit lang sogar mit Fußball und Göttingen 05, dann mit Olympischen Winterspielen, mit Altstadtfesten, mit der Fotografie, mit Griechenland, mit dem Solling, mit der „Frankfurter Rundschau“, mit dem Frühstück, mit dem Garten, mit reizend toleranten Eltern – und mit dem Gefühl, dass die Schulzeit eine wesentlich innigere Lernperiode gewesen war als das ausufernde und irgendwie als unverbindlich empfundene Studium.

Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal entscheiden könnten?
Vermutlich ähnliche Stoffe (und die Kommunikationswissenschaft notwendigerweise andernorts), aber konzentrierter, präziser, planvoller, schneller.

Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?
(Fast) alles wird gut.

Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wiedersehen?
Natürlich die Bühlstraße, von innen. Und von innen auch alle anderen Wohnorte jener, die mir damals am Herzen und im Glücksfall auch in den Armen lagen. Zudem die alte Aula. Und jenen Schreckensort, an dem meine Diplomarbeit, weil mit 520 Seiten zu schwer, kurz vor Mitternacht am Abgabetag von einem barmherzigen Buch(ent)binder postgerecht zweigeteilt wurde.
Überdies wüsste ich gern, wem ich eigentlich meine gesamte Karriere zu verdanken habe: Es war eine Dame vom Arbeitsamt, die mir jene „Zeit“-Annonce für die Bewerbung an der Hamburger Journalistenschule schickte, an der mein Leben fortan einen deutlich zielstrebigeren Verlauf nehmen sollte. Ich hätte diese Annonce, weil mit meinem Schicksal als vermutlich arbeitsloser Diplom-Sozialwirt in einer griechischen Hängematte hadernd, ohne die Dame verpasst. Meinen Dank hat sie ewig.

Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?
Halten Sie sich, im doppelten Sinne, nicht zu schnell für fertig.

Zur Person

Peter-Matthias Gaede, seit 1994 Chefredakteur der Zeitschrift Geo und Herausgeber weiterer Heftreihen, studierte Sozialwissenschaften (Politik, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kommunikationswissenschaft) an der Georg-August-Universität bis 1978. Anschließend war er Hospitant beim Studio Kassel des hessischen Rundfunks (Fernsehen) und absolvierte 1980 den ersten Lehrgang an der Hamburger Journalistenschule von Gruner und Jahr. Danach war er bis 1983 als Redakteur bei der Frankfurter Rundschau. Es folgte die Tätigkeit in der Geo-Redaktion in Hamburg. Zur Zeit ist Gaede Mitglied im Aufsichtsrat des Druck- und Verlagshauses Gruner und Jahr, Hamburg.
Gaede, 1951 in Selters/Unterwesterwald geboren, ist verheiratet mit der Journalistin und Chefredakteurin Christiane Breustedt. Seine Privatinteressen sind „Privatsache“ bis auf die „unveränderte Hoffnung, der KSV Hessen Kassel möge zu altem Glanze finden“.

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