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Studium & Beruf Angehende Kunststudenten müssen hartnäckig sein
Campus Studium & Beruf Angehende Kunststudenten müssen hartnäckig sein
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15:01 11.02.2011
Nur wenige Kunststudenten schaffen es, später von ihren Werken leben zu können. Quelle: Endig/dpa/tmn
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Vom Studium der Kunst geht eine magische Anziehung aus. Jedes Jahr reichen Tausende von Bewerbern ihre Mappen ein. Aufgenommen werden nur wenige. Noch weniger können später von ihrer Kunst leben. „Malerei? Das ist doch brotlose Kunst!“ – solche Sprüche müssen sich Schulabgänger mit einer künstlerischen Ader nicht selten anhören. Und manche Eltern dürften besorgt fragen, ob ihre Kinder nicht lieber „etwas Anständiges“ machen wollen. Das ist nur eine von vielen Hürden, die Kunststudenten meistern müssen.

In Erklärungsnot geraten viele schließlich schon bei der Frage, worum es in diesem Fach überhaupt geht. Denn was Kunst ist, darüber gehen die Ansichten auseinander. „Künstler geben persönliche Antworten auf gesellschaftliche Fragen“, sagt Ivica Maksimovic, der Sprecher der Rektorenkonferenz der deutschen Kunsthochschulen ist. Das verlangt von Studenten Offenheit und Leidenschaft. „Es geht um die Bereitschaft, sich infrage zu stellen. Das Scheitern gehört dazu“, erklärt der Rektor der Kunsthochschule in Saarbrücken.

Kunst zu studieren heißt dabei nicht, sich in einen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Der Künstler lebe nicht wirklichkeitsfern, sondern sei auf Gesellschaftsbezug angewiesen, ergänzt Christian Sery, Rektor der Hochschule für Bildende Kunst Dresden. „Bildende Kunst definiert sich aus ihrer Zeit immer wieder neu. Sie setzt sich mit Ideen auseinander und sucht ihre Darstellungsformen neu zu justieren.“ Das heißt auch, dass kritisches Reflexionsvermögen von Studenten erwartet wird. Kunst sei „mentaler Hochleistungssport“, sagt Sery.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, postulierte Aktionskünstler Joseph Beuys. Doch ganz ohne gestalterische Fähigkeiten kommt man in der Regel nicht an eine Kunsthochschule – auch wenn es dort nicht darum geht, hübsch zeichnen zu lernen. Bestenfalls zeigt sich ein Talent schon früh. „Manche Kinder können nicht sagen, warum sie malen. Es ist ihre Art zu kommunizieren“, sagt Maksimovic.

Wollen Jugendliche „etwas mit Kunst machen“, heben viele Eltern die Hände und sagen: „Lern was Anständiges. Kunst kannst du auch nebenbei machen.“ Solche Einwände seien für angehende Künstler die erste Prüfung, sagt Maksimovic. Nicht jeder erfährt Empathie wie Loriot. Dessen Vater, ein preußischer Offizier, riet dem Sohn ausdrücklich zum Studium der Malerei und Grafik.

Auch in Abendschulen könnten Jugendliche herausfinden, ob sie der bildenden Kunst gewachsen sind, rät Sery. Die Qualität solcher Kurse hängt aber stark von den Lehrkräften ab. „Die Dozenten sollten die Teilnehmer unbeeinflusst von der eigenen Arbeit betreuen und nicht versuchen, ihnen ihren eigenen Stil überzustülpen“, sagt Maksimovic. Oft würden in den Kursen dauernd alte Schuhe und Gläser gezeichnet. Künstlerisches Talent zeige sich aber eher bei der Beschäftigung mit ausgefallenen Gebieten – „etwa Tortendesign“.

Wer an eine Kunsthochschule will, braucht keine guten Schulnoten: Statt eines Numerus clausus gibt es Aufnahmeverfahren, in denen eine Mappe mit Arbeitsproben vorgelegt werden muss, wie der Bundesverband Bildender Künstler erläutert. Das Studium der bildenden Kunst dauert in der Regel fünf Jahre. Seit Kurzem können Künstler an 14 Hochschulen auch einen Doktor machen.

Bewerber benötigen Durchhaltevermögen. Denn die Schulen vertreten ganz unterschiedliche künstlerische Philosophien. „Wenn man bei einer abgelehnt wurde, heißt das nicht, dass man kein Talent hat, sondern oft, dass man nicht zur Philosophie der jeweiligen Schule passt“, betont Maksimovic.

Nach dem Studium arbeiten Absolventen in der Regel freischaffend. „Ein Künstler muss sein Produkt organisieren und verkaufen“, sagt Maksimovic. Im besten Fall haben sich Hochschüler im Studium Netzwerke aufgebaut und Sammler kennengelernt, die ihnen finanziell und moralisch den Rücken stärken. Nach Einschätzung von Sery gelingt es nur fünf Prozent der Absolventen, sich in den ersten drei Jahren nach der Hochschule einen Namen zu machen. Der Rest schlägt sich oft mehr schlecht als recht durch. Solche Aussichten klingen nicht gerade verlockend – den Ansturm auf die Kunsthochschulen bremsen sie aber keineswegs.

Schulabgänger mit kreativem Talent müssen nicht gleich aufgeben, wenn sie nicht im Fach bildende Kunst angenommen werden. Viele Hochschulen bieten verwandte Studiengänge an, die sich als Alternative eignen. Dazu gehören Fächer wie Kunsttherapie, Kunsterziehung oder Restaurierung. Insgesamt arbeiten in Deutschland nach Schätzungen des Bundesverbandes Bildender Künstler bis zu 25.000 Menschen auf künstlerischem Gebiet.

Katlen Trautmann/dpa/tmn

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