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Erwin Neher wurde 1991 für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet

Der Messplatz steht im Museum Erwin Neher wurde 1991 für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet

Die Tageblatt Nobel-Woche: Tageblatt-Redakteurin Angela Brünjes berichtet täglich über die Nobel-Woche, die Nobel-Lecture und die Preisverleihung aus Stockholm.  

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Beeindruckend: Erwin Neher über die Nobelpreis-Feierlichkeiten.

Quelle: Theodoro da Silva

Die Erfindung der Patch-Clamp-Technik war so unumstritten wie preiswürdig. Erwin Neher und Bert Sakmann  stellten die Methode 1976 erstmals vor: Sie ermöglicht es,  den Strom in einzelnen Ionenkanälen in der Zellmembran einer Zelle darzustellen.

Dafür bekamen sie 1991 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. In dem Jahr hatte Neher, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, den bedeutendsten Preis für Wissenschaftler „schon fast vergessen. Aber 1990 hatte ich die Verkündung der Preisträger gespannt erwartet.“

Denn 1989 war der Biophysiker, der seit 1972 am MPI forschte, häufig zu wissenschaftlichen Vorträgen nach Schweden eingeladen worden. Das sei schon ein Indiz, für den Nobelpreis vorgeschlagen zu werden, wusste Neher.

Management der Öffentlichkeitsarbeit

Aber am 7. Oktober 1991 war er nicht auf den Preis vorbereitet und auch nicht auf den „Medienrummel. Mein Kollege Walter Stühmer hat dann kurzerhand das Management der Öffentlichkeitsarbeit übernommen“, erinnert sich Neher (70).

Mit diesem Tag war der Rummel aber nicht vorbei: Hunderte von Glückwünschen waren zu beantworten, die Vorbereitung auf die Nobel-Rede vor der Preisverleihung, auf Empfänge, Interviews, Pressekonferenzen und die Festveranstaltung mit dem schwedischen Königspaar waren für den Physiker eine Herausforderung ungewohnter Art.

Neher überraschte auch, „dass man eine ganze Woche beschäftigt ist“ in Stockholm. Mit dem Preisträger reiste seine Familie in die schwedische Hauptstadt: Ehefrau Eva-Maria Neher und die fünf Kinder. Die jüngste Tochter war damals vier Jahre alt. An der mehrstündigen Preisverleihung durfte sie nicht teilnehmen.

„Die Feierlichkeiten sind beeindruckend und es ist eine großartige Erfahrung und Ehre. Wenn auch die Strenge des Protokolls belastend werden kann“, erinnert sich Neher, „aber manches ist man als Forscher nicht gewohnt“: Dazu zählte für ihn auch die unterhaltende Rede, die er beim Nobel-Dinner zu halten hatte. Dagegen sei die Nobel-Lecture, in der die Preisträger ihre ausgezeichneten wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Erfindungen darstellen, „kein Problem“ gewesen.

Nobelpreis hat vieles verändert

Der Nobelpreis hat für Neher vieles verändert. „Er holt einen ans Licht der Öffentlichkeit, bringt viel mehr Einladungen zu offiziellen Veranstaltungen mit sich. Das alles knabbert an der Zeit für die Forschung“, erklärt er. Für die Arbeiten auf dem Gebiet der Elektrophysiologie seien Experimentiervorgänge mit einer Dauer von bis zu drei Monaten üblich. Das sei für ihn immer seltener machbar gewesen.

Als er sich in den Jahren 2000 bis 2005 für die Etablierung einer  europäischen Forschungsförderung nach wissenschaftlichen Kriterien in Brüssel einsetzte, gab er es auf, selbst zu experimentieren: „Seitdem begleite ich die Arbeiten theoretisch.“ Sein Schreibtisch im Institut beweist das: wissenschaftliche Veröffentlichungen mit langen Berechnungen  und kurzen Texten liegen zur Durchsicht bereit.

Inzwischen leitet Neher seine Gruppe Membranbiophysik als Emeritus. Sein Kollege Sakmann, Jahrgang 1942, den er am  Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München kennenlernte, traf Neher am Göttinger MPI 1974 wieder. Ihre gemeinsame Entwicklung der   Patch-Clamp-Technik  entstand hier.

Mit Nobelpreis von Geldsorgen befreit

Der hier  entwickelte Patch-Clamp-Messplatz, mit dem die Existenz von Ionenkanälen bewiesen wurde, steht heute im Deutschen Museum in Bonn. Diese Versuchsanordnung führte zur Gründung der molekularen Elektrophysiologie als Wissenschaft. 1988 wechselte Sakmann ans MPI für medizinische Forschung in Heidelberg.

Zur Verleihung des Nobelpreises  gratulierte als einer der ersten sein Kollege Manfred Eigen, Chemie-Nobelpreisträger von 1967, im MPI.  Seit der Neher/Sakmann-Erfindung, so Eigen, könne „man die Nervenimpulse mit guter Genauigkeit messen“. Und der 87-jährige Eigen erinnert sich  noch genau an seinen Glückwunsch vor 23 Jahren: „Ich gratuliere dir, dass du ihn nicht schon ein Jahr früher bekommen hast“, sagte er zu Neher.

Erwin Neher wurde 1991 für Physiologie oder Medzin ausgezeichnet.

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Denn kurz zuvor war das Procedere für die Preisverleihung geändert und das Preisgeld erhöht worden. Das war für Neher damals hinsichtlich des Spar- und Schrumpfungsprozesses der Max-Planck-Gesellschaft geradezu wie ein Gewinn: „Mit dem Nobelpreis waren wir von dieser Sorge befreit, nicht genügend Geldmittel zu haben“, sagt er heute.

Aufbau einer Abteilung Optische Mikroskopie

Und auch der Ausbau und die Sanierung des gerade erworbenen großen und alten Familienhauses waren mit dem Preisgeld zu bewerkstelligen. Und Neher konnte so auch die Gestaltung des ENI (European Neuroscience Institute), das er auf Initiative seines Kollegen Diethelm Richter von der Universität Göttingen mit diesem und Walter Stühmer vom MPI für experimentelle Medizin gründete, sicher auf den Weg bringen.

Das Experimentallabor für junge Leute, Xlab, das vor 14 Jahren seine Ehefrau Prof. Eva-Maria Neher gründete, hat er „mehr ideell unterstützt“. Und das tat er mit Forschergespür auch Ende der 90er-Jahre am MPI auf dem Faßberg bei der  Etablierung einer neuen Nachwuchsgruppe. Nehers Fürsprache war entscheidend für den Aufbau einer Abteilung Optische Mikroskopie.

Dafür wurde Stefan Hell berufen, der seine bis dahin theoretische Erfindung der STED-Mikroskopie (Stimulated Emission Depletion) in den nächsten Jahren erfolgreich in die Praxis umsetzte. Physiker Hell wird am 10. Dezember für die Entwicklung superauflösender Fluoreszenzmikroskopie den Nobelpreis für Chemie erhalten.

Zur Person

Erwin Neher, 1991 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichneter Göttinger Nobelpreisträger, wurde 1944 in Landsberg/Lech geboren.

Erwin Neher

Erwin Neher

Quelle:

Er studierte Physik an der TU München und in den USA. 1970 folgte die Promotion in Physik an der TU München. 1972 wechselte Neher als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen.

Hier entwickelte er mit dem Mediziner Bert Sakmann die Patch-Clamb-Technik, die elektrische Ströme in Ionenkanälen messbar macht. Defekte Ionenkanäle können Erkrankungen der Muskeln oder des Nervensystems auslösen.
Neher habilitierte sich 1981 an der Fakultät für Physik der Universität Göttingen, die ihn später auf eine Honorarprofessur berief.

1983 wurde er Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktor am MPI für biophysikalische Chemie. Der Biophysiker ist Mitglied der National Academy of Sciences USA, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften und der Royal Society London.

Er ist mit 15 Ehrendoktorwürden auf vier Kontinenten ausgezeichnet worden und hat zahlreiche Preise erhalten: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Louisa-Gross-Horwitz-Preis, Gairdner Foundation International Award, Ralph-W.-Gerard-Preis, Niedersächsischer Staatspreis für Wissenschaft. Und der Nobelpreisträger ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt Buchloe im Allgäu.

Verheiratet ist Neher mit der Biochemikerin Eva-Maria Neher. Sie ist Gründerin und Leiterin des Experimentallabors für junge Leute, Xlab. Das Ehepaar hat fünf erwachsene Kinder.

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