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Göttinger unter den Nobelpreisträgern: Zellforscher Thomas Südhof

Werte vermitteln Göttinger unter den Nobelpreisträgern: Zellforscher Thomas Südhof

Forschung und Kultur leben von der Nähe, lautet eine Überzeugung von Thomas Südhof. In Göttingen hat sich seit 1998 in dieser Hinsicht für Wissenschaft viel getan. Die Zusammenarbeit von Universität und außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit dem Goettingen Research Campus sei dafür ein Beispiel.

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Thomas Südhof in seinem Labor an der Stanford Universität in Kalifornien, wo er nach vielen Jahren in Dallas seit 2008 forscht.

Quelle: afp

Göttingen. 1998 hat Südhof seine Tätigkeit nach nur drei Jahren als Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin beendet: Der in der Zwischenzeit neu gewählte Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) habe ihm die Rückkehr in die USA nahegelegt, weil das Institut in Göttingen eine andere wissenschaftliche Ausrichtung erhalten sollte. Südhof kehrte an die Universität Texas Southwestern in  Dallas (USA)  zurück.

In Göttingen hinterließ er ein extra für seine Forschungszwecke gebautes Tierhaus, über das wenig später der Rechnungshof Beschwerde führte: Einen Wissenschaftler, für den ein solches Gebäude finanziert worden sei, hätte die MPG nicht ziehen lassen dürfen. Aber heute, so erzählte Südhof Ende November beim Stiftungsdinner in der Universität, sei die Anlage kein Problem mehr für den Rechnungshof, weil diese Investition sich für das Institut mittlerweile sehr gut rechne.  

Göttinger unter den Nobelpreisträgern: Zellforscher Thomas Südhof

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Die Orte, die er in Göttingen besonders mag – die Jacobikirche und den Wall – sieht Südhof nur noch sehr selten. Er erinnert sich auch gerne an seine Mitgliedschaft in der Akademischen Orchestervereinigung (AOV). Als Student und Nachwuchswissenschaftler hatte er noch genügend Zeit, Fagott zu spielen. Als Student sei er als Musiker auch Manfred Eigen, Göttinger Nobelpreisträger für Chemie von 1967, begegnet: „Manchmal durfte ich im Orchester spielen, wenn er als Pianist dabei war.“

„Ich bin Wissenschaftler und kann nur ein Labor leiten“

In Deutschland ist Südhof seit diesem Jahr wieder regelmäßig. Mit den von der Berliner Stiftung Charité verwalteten Mitteln aus der „Privaten Exzellenzinitiative Johanna Quandt“ ist Südhof in diesem Jahr als wissenschaftlicher Berater verpflichtet worden für neue wissenschaftliche Projekte. Aber nicht, um dort ein Labor zu leiten, stellt er klar: „Ich bin Wissenschaftler und ich kann nur ein Labor leiten“. Das macht der Professor für Zellphysiologie seit 2008 an der Universität Stanford in Kalifornien (USA).

Der 1955 in Göttingen geborene Biochemiker ist auf die Erforschung der Synapsen im Gehirn  und deren Signalübertragung im Gehirn spezialisiert. Bereits am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, wo er bei Victor Whittaker 1982 promovierte, interessierte ihn das Thema.

Ende der achtziger Jahre wurde das der Schwerpunkt seiner Forschung: Festzustellen, wie die Neurotransmitter genannten Botenstoffe, die von einer Nervenzelle zur anderen übertragen werden, dafür  sorgen, dass Informationen durch das Gehirn fließen. Die Moleküle stecken auf ihrem Weg in kleinen Päckchen, den sogenannten Vesikeln.  Wie sie dabei zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, hat Südhof erforscht.

Dafür hat er – als erster gebürtiger Göttinger unter den 46, die eine Verbindung zur Stadt haben oder hier geforscht haben – 2013 den Nobelpreis für Physiologie erhalten.

Auszeichnung sei kein Grund zu jammern

Die Fragestellung ist heute noch wichtig  für seine Arbeit an der Universität Stanford, wo er im „Sudhof Lab“ mit 30 wissenschaftlichen Mitarbeitern forscht.  Er will aber auch herausfinden, „wie die Identität von Synapsen bestimmt wird und sich dieser Prozess zu neuropsychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Autismus verhält.“

Seit er im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhalten hat, muss Südhof seine Zeit noch besser einteilen. Zum einen, weil er sich mit seiner Ehefrau Lu Chen, Professorin für Neurochirurgie, um die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren zu kümmern hat; zum anderen, weil der Nobelpreis „die Zeit, die man zum Forschen hat, reduziert“. Aber die Auszeichnung sei kein Grund zu jammern, weil der Preis auch Gelegenheit gebe, etwas durchzusetzen.

So hat er bei seiner Festrede zum Stiftungsdinner mehr Unterstützung  für den wissenschaftlichen Nachwuchs gefordert. „Heute gehen die absolut besten Leute in die Wirtschaft und nicht mehr in die Wissenschaft“, sagt Südhof. Und diese „Konsequenz der Logik des Kapitalismus“ sehe er weltweit, nicht zuletzt auch bei seinen vier Kindern aus erster Ehe: Die drei Söhne arbeiten in der Wirtschaft, die Tochter ist Ärztin.

Seit dem Jahr 2003 ist die Georg-August-Universität in Göttingen eine Stiftungsuniversität. Fünf Jahre später wurde die Institution des Stiftungsdinners eingerichtet, eines gemeinsamen Abends für Menschen, die die Universität unterstützen. Für eine Spende von 1000 Euro erhalten sie erlesene Speisen und edle Weine sowie Festvorträge ausgesuchter Redner.

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Es ist Südhof ein großes Anliegen, das Ansehen von Wissenschaftlern und Forschung bei jungen Menschen zu steigern und nicht weiter hinzunehmen, dass diese wissenschaftliche Berufe  zunehmend ablehnen. „Wenn wir als Gesellschaft dem entgegenwirken wollen, müssen wir Werte jenseits von Reichtum vermitteln“, sagt Südhof. 

Ende November hat er im Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin die vom DFG-Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns (CMPB) veranstaltete Nobel-Lecture gehalten: Es ging nur um seine Forschung, die Erkenntnisse von ihm und Teamkollegen. Im Saal waren 150 Zuhörer, nebenan verfolgten nochmals so viele die Übertragung – die meisten von ihren waren Studenten und Nachwuchswissenschaftler.

Zur Person

Thomas Südhof, Biochemiker und 1955 in Göttingen geborener Nobelpreisträger für Physiologie, studierte nach dem Abitur in Hannover Medizin in Aachen, Harvard und Göttingen.

Am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie entdeckte er sein Interesse an der Zellphysiologie. Nach der Promotion im Jahr 1982 wechselte Südhof an die Southwestern Universität in Dallas (USA), kehrte von 1995 bis 1998 nach Göttingen zurück als Direktor an das Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin.

Danach forschte er wieder in Dallas und wechselte 2008 als Professor für Molekulare und Zelluläre Physiologie, Psychiatrie und Neurologie an die Stanford Universität.

2013 erhielt Südhof gemeinsam mit James Rothman und Randy Schekman den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Entdeckungen des Steuerungssystems für den Transport und die Zustellung von zellulärer Fracht. Der Forscher ist Mitglied im U.S. Institute of Medicine.

Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wie den Sir Bernard Katz Award (gemeinsam mit dem Göttinger Zellforscher Reinhard Jahn), den Passano Award, den Kavli-Preis und den Albert Lasker Award für medizinische Grundlagenforschung. Der Vater von fünf Kindern ist in zweiter Ehe mit der Neurochirurgie-Professorin Lu Chen verheiratet.

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