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Interview mit Nobelpreisträger Stefan Hell als Audiofile

„Im Visier der schwedischen Akademie“ Interview mit Nobelpreisträger Stefan Hell als Audiofile

Den Nobelpreis für Chemie erhält in diesem Jahr der Göttinger Physiker Stefan Hell. Am 10. Dezember, dem Todestag von Stifter Alfred Nobel (1833-1896) wird der Preis vom schwedischen König in Stockholm verliehen. In der schwedischen Hauptstadt erwartet die Nobelpreisträger für Medizin, Physik,  Chemie und Literatur alljährlich ein einwöchiges Programm, das mit dem Luciafest am 13. Dezember endet: Die Nobel-Woche mit vielen Veranstaltungen, die die Preisverleihung ergänzen.

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Stefan Hell: „Ich habe ein physikalisches Problem in ein chemisches Forschungsthema umgewandelt“.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das Tageblatt beginnt seine „Nobel-Woche“. In den nächsten Tagen erscheinen Beiträge über die Nobelpreisträger Manfred Eigen, Erwin Neher, Thomas Südhof und Stefan Hell. Tageblatt-Redakteurin Angela Brünjes täglich über die Nobel-Woche, die Nobel-Lecture und die Preisverleihung aus Stockholm berichten. 

An dieser Stelle wird es jeden Tag einen Auszug aus dem kompletten Interview mit Stefan Hell als Audiofile geben.

Teil 1: Start in Göttingen
 

 
Teil 2: Finnland
 

 
Teil 3: Campus Göttingen
 

 
Teil 4: Heimat Göttingen
 

 
Teil 5: Das Max-Planck-Institut
 

 
Teil 6: Im Visier der schwedischen Akademie
 

 
Teil 7: Biopsysikalische Chemie
 

 
Teil 8: Der Preis ist nicht das Ziel
 

Nächste Folge: Das Team

 
 

Interview mit Nobelpreisträger Stefan Hell

Der Göttinger Physiker Stefan Hell wird am 10. Dezember in Stockholm mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Mit Eric Betzig und William E. Moerner aus den USA erhält der 51-jährige Forscher den wichtigsten Wissenschaftspreis für  die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie. Hell forscht seit 1996 am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, hier erfolgte die maßgebliche Entwicklung der STED-Mikroskopie.

Dass Sie den Nobelpreis einmal erhalten könnten, galt als wahrscheinlich. Nun ist es der Nobelpreis für Chemie geworden. War das für Sie eine Überraschung?
Ich war nicht so überrascht, dass es Chemie geworden ist. Es ist nur fair zu sagen: Ich wusste, dass ich im Visier der schwedischen Akademie war, da ich auch mehrfach zu sogenannten Nobel-Symposien eingeladen war. Ich wusste, dass sowohl Physiker als Chemiker das Thema präsent haben.  Der Preis wird uns für das Feld der physikalischen Chemie verliehen.

Was ist Physik, was Chemie?   
Das fundamental Neue der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie ist das Trennen der benachbarten Strukturen nicht mehr über das Licht, sondern über Molekül-Zustände. Dadurch, dass Moleküle eine zentrale Rolle spielen, kommt die Chemie ins Spiel. Und hier in meiner Abteilung Nano-Biophotonik ist gleich als erstes ein chemisches Labor, wo wir Moleküle synthetisieren, die man besonders gut an- und ausschalten kann.

Ich habe ein physikalisches Problem in ein chemisches Forschungsthema umgewandelt. Aber ich bin Physiker, ich fühle mich immer nur als Physiker und ich freue mich natürlich riesig über diesen Preis für Chemie. Wenn man heute dieses Feld voranbringen will, hat man, glaube ich, als Chemiker mehr Chancen als als Physiker.

Was ist die nächste Herausforderung?
Die Grenze, die jetzt da ist, ist die Molekülgröße. Bilder in molekularer Auflösung habe ich nicht. Die Bildschärfe, die man erhält, ist bestimmt durch die Moleküleigenschaften – und da kommt die Chemie rein –, die wir verändern müssen.   Die jetzigen Limitationen sind Schärfe, Sensitivität oder Geschwindigkeit. Sie bestimmen, was wir in den Lebenswissenschaften entdecken können. Wenn wir es jetzt besser machen, bereiten wir auch den Boden für neue Entdeckungen in der Biologie, in der Medizin.

War es Zufall, dass Sie 1996 nach Göttingen gekommen sind und kannten Sie die Stadt?
Natürlich hatte ich eine Vorstellung von Göttingen als Stadt mit Universität und Forschungsinstituten. Es war Zufall, weil ich Thomas Jovin traf. Er hatte als Direktor hier am Max-Planck-Institut meine Arbeit verfolgt und war Mitglied eines Förderprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Da wäre ich gerne reingekommen. Durfte ich aber nicht, weil ich nicht in Deutschland, sondern in Finnland war. Aber ich durfte vortragen und hatte auf dem Gebiet der Mikroskopie auch einiges vorzuweisen. Jovin hat mir etwas in Göttingen in Aussicht gestellt.

Das war mein einziger roter Faden, wieder nach Deutschland zu kommen. Aber das erste Gespräch hat die Hoffnung nicht vergrößert. Erst als Erwin Neher (Anmerkung der Redaktion: ebenfalls Direktor am Institut und Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie von 1991) sich für eine Nachwuchsgruppe für Mikroskopie eingesetzt hat, passierte etwas. Dann gab es eine Ausschreibung. Darauf habe ich mich beworben. Das war meine einzige Hoffnung.  

Sie hatten damals Schwierigkeiten, Ihre Idee von der STED-Mikroskopie zu realisieren?
In Finnland waren die Verhältnisse für mich prekär gewesen. Ich hatte meine Forschung über Stipendien finanziert, hatte etwa 20    000 bis 30   000 Mark im Jahr. Ich habe mich 1996 dann in einem Auswahlverfahren hier am Institut durchgesetzt. Die Nachwuchsgruppe wurde 1997 etabliert. Als deren Leiter hatte ich dann 500   000 Mark, das war unvorstellbar viel, konnte ein Team aufbauen und dazu das gut ausgestattete Institut.

Wie hat sich der Forschungsstandort Göttingen seitdem verändert?
Als ich hierher kam, war es noch nicht so wie heute. Mir wurde auch gesagt, habilitieren Sie sich doch um, weil ich mich 1996 in Heidelberg habilitiert hatte. Von dort kamen meine Studenten. Während meiner Nachwuchsgruppenzeit war die Zusammenarbeit mit der Universität noch nicht so wie heute. 

Ab 2003 war ich Direktor an diesem Institut und wurde 2004  Honorarprofessor für Experimentalphysik an der Uni Göttingen. Das hat mich sehr gefreut. Ab da war man dann konzilianter, ab da waren die nett zu mir. Von Umhabilitieren war keine Rede mehr. Und inzwischen hat sich die Situation insgesamt sehr verändert. Für Göttingen ist das vergangene Woche erschienene Times-Ranking schmeichelnd, unter den ersten 80 zu sein.

Ist Göttingen für Sie inzwischen zur Heimat geworden?
Ja, schon, auch wenn ich Schwierigkeiten habe, mich hier mit dem Wetter anzufreunden. In Heidelberg ist es wärmer. Und ich bin aufgewachsen im Banat im flachen Land der ungarischen Tiefebene. Da ist es im Sommer heiß. Zwischen 15. Juni und 15. September ist Sommer. Als ich als Jugendlicher im April nach Deutschland kam, nach Ludwigshafen, da hatte ich so im August/September das Gefühl, der Sommer muss ja noch kommen.

Aber nun leben Sie gerne hier?
Natürlich – und meine Familie auch. Wir haben hier Freunde, wir wohnen sehr schön mit traumhaften Blick über die Altstadt. Das bietet eine hohe Lebensqualität. Und natürlich ist die Arbeit ein sehr wichtiger Teil meines Lebens: ich arbeite gerne hier. Es ist ein Institut von Weltrang, einer der besten Plätze, um Wissenschaft zu machen mit erstklassigen Arbeitsbedingungen. 

Es gibt jetzt viele, die stolz auf Sie sind. Ihre Ehefrau und die drei Kinder auch?
Ja, absolut. Bisher war das Thema Nobelpreis in der Familie ein Tabuwort. An die Kinder ist das manchmal herangetragen worden,  dass ihr Papa vielleicht mal den Nobelpreis bekommt. Das wollte ich nicht hören. Aber jetzt ist er da. Und die Kids erzählen das auch.

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Göttinger Nobelpreisträger
Foto: Kennen sich seit 50 Jahren: Manfred Eigen und Ruthild Winkler-Oswatitsch.

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