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Nobelpreisträger Hell will auch weiterhin normal leben

Nobelpreisträger Hell will auch weiterhin normal leben

Mehr Termine, mehr Einladungen, vermehrt Abwerbeversuche – ein Nobelpreis kann für den Geehrten anstrengende Folgen haben. Stefan Hell möchte aber am liebsten, dass das Leben bleibt, wie es ist.

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Stefan W. Hell am 8. Oktober 2014 im Max Planck Institut in Göttingen während eines Fototermins zu seinem Gewinn des Nobelpreises für Chemie. Hell möchte aber am liebsten, dass das Leben bleibt, wie es ist.

Quelle: Pförtner/dpa

Göttingen. Wirklich aufgeregt sei er nicht, sagt Stefan Hell. "Aber ich freue mich sehr." Frack und Lackschuhe, wie das Protokoll es vorschreibt, sind angefertigt und liegen bereit. Und wenn der Göttinger Physiker am kommenden Mittwoch in Stockholm den Nobelpreis für Chemie entgegennimmt, wird er einen großen Tross mit sich führen. Seine Ehefrau und die drei Kinder, Freunde, langjährige Mitarbeiter und Kollegen der Max-Planck-Gesellschaft werden den 51-Jährigen nach Schweden begleiten.

Er sei sehr gespannt auf die Nobelpreis-Woche mit ihren vielen Vorträgen, Empfängen, Banketten, Konzerten und Feiern, sagt Hell. Höhepunkt ist am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, die Verleihung der Preise. Der Göttinger Max-Planck-Forscher und die beiden US-Wissenschaftler Eric Betzig und William Moerner erhalten gemeinsam den mit umgerechnet insgesamt rund 860 000 Euro dotierten Chemie-Preis für die Erfindung superauflösender Mikroskope, mit denen man in lebende Zellen sehen kann. Die Erfindung, so lobte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften, ermögliche es, die "innersten Geheimnisse des Lebens abzubilden".

In Hells Leben hat sich manches verändert, seit ihm Anfang Oktober der Nobelpreis für seine wissenschaftliche Leistung zuerkannt wurde. Die Zahl der Termine zum Beispiel ist rapide angestiegen. "Ich hatte ja vorher schon viele Einladungen", sagt der Forscher. "Aber das hat seither noch einmal drastisch zugenommen." Hell hat seine Art, damit umzugehen. "Vieles sage ich einfach ab. Ich muss ja weiter meine Arbeit machen." Und die Wissenschaft habe schließlich Vorrang.

Zugenommen haben auch die Anfragen von Wissenschaftlern, die gemeinsam mit dem Nobelpreisträger forschen wollen. "Es gibt Leute, die denken, wenn ich bei einem Preisträger arbeite, erhöht das die eigenen Karriere-Chancen, also bewerbe ich mich da", sagt Hell. Manches echte Talent werde sich aber wohl leider auch nicht mehr trauen, sich zu bewerben. "Ich wünsche mir, dass das nicht passiert."

"In Göttingen fühle ich mich leider nicht mehr unerkannt"

Gehäuft haben sich bei Hell in jüngster Zeit auch Anfragen, ob er sich denn nicht auch einen anderen Arbeitsplatz vorstellen könne. Die Max-Planck-Gesellschaft, sagt Hell, biete allerdings nach wie vor beste Möglichkeiten. Man könne dort hervorragend arbeiten.

Und die ohnehin gute Stimmung im Göttinger Institut für biophysikalische Chemie sei in den vergangenen Wochen noch besser geworden. Viele Mitarbeiter, die an seinen Entwicklungen beteiligt waren, hätten durch den Nobelpreis zusätzlichen Aufwind bekommen.

Seine gewachsene Popularität ist Hell, der von Kollegen als bescheiden und bodenständig charakterisiert wird, dagegen nicht ganz geheuer. "In Göttingen fühle ich mich leider nicht mehr unerkannt", sagt der Preisträger. Er spüre, dass er angeguckt wird und höre, dass über ihn gesprochen werde.

Auch an seiner Familie gehe der ganze Wirbel nicht spurlos vorbei. "Ich hoffe, dass es für die Kinder letztlich keine Rolle spielt", sagt Hell. "Ich will ihnen helfen, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, wie ich das auch tue." Der Nobelpreis sei "eine tolle Sache und eine große Auszeichnung". Aber er dürfe nicht das Leben verändern. "Und ich wünsche mir, mein Leben normal weiterführen zu können."

Von Matthias Brunnert, dpa

Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr auch an den Göttinger Forscher Stefan Hell (51), der dort im Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie arbeitet.

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Interview

Als junger Forscher war Stefan Hell mit seinen Ideen eher ein Außenseiter. Seitdem er am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen superauflösende Lichtmikroskope entwickelt hat, ist der Physiker ein heiß begehrter Wissenschaftler. Mit der Zuerkennung des Chemie-Nobelpreises hat die Aufmerksamkeit weiter zugenommen.

Gibt es vermehrt Abwerbeversuche?
Es gibt den einen oder anderen, der mich schon gefragt hat, ob ich mir vorstellen könne wegzugehen.

Und können Sie das?
Ich habe schon mehrfach betont, dass man bei der Max-Planck-Gesellschaft hervorragend arbeiten kann. Daran hat sich nichts geändert. Die Max-Planck-Gesellschaft ist - wenn man einen Fußballvergleich wählt – ein Club, der in der Champions League spielt.

Und das bedeutet?
Man könnte zum Beispiel Harvard (eine der weltweit renommiertesten Hochschulen) mit Real Madrid vergleichen. Aber die Max-Planck-Gesellschaft ist so etwas wie Bayern München. Man kann mit beiden Clubs die Champions League gewinnen. Es ist zum Teil eine Frage der Einstellung, wo man lieber spielt.

 
Stefan Hell
wurde am 23. Dezember 1962 in Rumänien geboren. Er arbeitet am Max-Planck-Instituts (MPI) für biophysikalische Chemie in Göttingen. Zudem sucht er am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg nach Wegen, seine Technik auch in der Krebsforschung einzusetzen.
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