Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Stefan Hell hat Überzeugungsarbeit geleistet

„Da bricht eine neue Zeit an“ Stefan Hell hat Überzeugungsarbeit geleistet

„Es war wichtig, ein Sturkopf zu bleiben“, sagt Stefan Hell über die Zeit, als er von seiner  Theorie  noch überzeugen musste.  Denn von seiner Idee, mit der STED-Mikroskopie den Blick in lebende Zellen zu ermöglichen, war er überzeugt, aber das Verfahren hatte anfangs zahlreiche Kritiker.

Voriger Artikel
Nobelpreisträger Hell will auch weiterhin normal leben
Nächster Artikel
Das Stockholm der Nobelpreisträger

Auf dem Dach von Turm 2 des Max-Planck-Instituts: Stefan Hell mit seinem Team der Abteilung Nano-Biophotonik, deren Direktor Hell seit 2002 ist.

Quelle: Hinzmann

„Mehr als zehn Jahre waren wir die einzigen, die sich damit beschäftigt haben“, erinnert sich Hell. Er musste immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, denn der wissenschaftliche Mainstream war zu der Zeit nicht auf seiner Seite.

Es war eine sehr spezielle Sache, sich mit der  (Fluoreszenz)-Lichtmikroskopie-Methode zu befassen und Wege zu suchen, um die Beugungsgrenze des Lichts („Abbe-Limit“) und damit die Unschärfe in Präparatansichten zu überwinden.  „Es ist wichtig, hochqualifizierte Mitarbeiter zu haben, die auch an die Sache glauben oder sich überzeugen lassen“, urteilt der 51-Jährige, dessen MPI-Team aus etwa 60 Personen besteht.

1993 hatte Hell die Idee, ein Jahr später beschrieb er die physikalische Theorie in einer wissenschaftlichen Publikation, im Jahr 1999 baute er das erste STED-Mikroskop. Dessen Folgemodelle haben sich enorm verbessert. Sogar die Beobachtung von schnellen dynamischen Prozessen in Zellen, wie die Bewegungen von Botenstoff-Bläschen in einer Nervenzelle in Echtzeit zu „filmen“ – mit 33 Bildern pro Sekunde und einer Auflösung von rund 70 Nanometern, ist  gelungen.

„Hier auf dem Campus gelang experimentell der Durchbruch“

Und so machte es die ultrahochauflösende Fluoreszenzmikroskopie möglich, die  bisherige Auflösungsgrenze optischer Mikroskope radikal zu unterlaufen – ein Durchbruch, der neue wegweisende Erkenntnisse in der biologischen und medizinischen Forschung ermöglicht: 

Strukturen in einer Zelle können mit einer heute bis zu zehnmal besseren Detailschärfe im Nanometerbereich im Vergleich zu herkömmlichen Fluoreszenzmikroskopen beobachtet werden. Dafür erhält Hell den Nobelpreis für Chemie 2014.

Bis zum Jahr 2003 dauerte es, bis sein Verfahren für Aufsehen sorgte und unumstritten als Fortschritt für die biomedizinische Forschung galt. „Hier auf dem Campus, im Turm nebenan, gelang experimentell der Durchbruch.“ Und anfangs, als es nur eingeschränkt funktionierte, da habe er sich schon gefragt, „ob das was Richtiges wird“?

„Ich wusste, dass viel zu gewinnen ist. Das hat der Nobelpreis bestätigt“

Dann kam die erste Anwendung mit den Göttinger Kollegen Reinhard Jahn und Silvio Rizzoli und die Veröffentlichung im Fachjournal „Nature“ von Hell mit Katrin Willig als Erstautorin: „Das war die erste Arbeit, die gezeigt hat, da bricht eine neue Zeit an für die Lebenswissenschaften.“ Das war noch bevor das Team von Eric Betzig, der mit Hell und William E. Moerner den Chemie-Nobelpreis erhalten wird, 2006 in den USA soweit war.

Hell weiß, „es ist schon wichtig, ein phantastisches, kompetentes Team zu haben“. Aber es muss auch einen geben, der das Unmögliche fordert: „Kolumbus sagte, wir segeln westwärts. Aber ohne ein Team wäre er nicht nach Westen gekommen.“ Hell ist am Freitag mit seiner Familie nach Norden geflogen. In Stockholm erhält er den Nobelpreis: „Ich wusste, dass viel zu gewinnen ist. Das hat der Nobelpreis bestätigt“.

Spannende Anfangszeit
Dr. Volker Westphal

Dr. Volker Westphal

Quelle:

Andere haben noch nicht daran geglaubt, aber Dr. Volker Westphal „schon, ich fand das spannend“. Im Jahr 2000 lernte er Stefan Hell bei einem Vortrag in den USA kennen und erfuhr von dessen Arbeiten an neuartigen Mikroskopie-Techniken. Seit 2002 ist Westphal in der Abteilung Bio-Nanophotonik tätig und ist vor allem für Versuchsaufbauten zuständig: „Inzwischen bin ich die technische rechte Hand von Herrn Hell. Ich betreue die meisten Setups.“

Westphal kam dazu, als die ersten wichtigen Versuche liefen und noch unklar war, ob die Anwendung für die Lebenswissenschaften geeignet war.  Die spannende Anfangszeit, die „kann einem keiner nehmen“, sagt der 46-Jährige. Für Westphal ist immer wieder und motivierend, die Reaktionen von Menschen zu beobachten, die nach ihrem ersten Blick mit der STED-Mikroskopie in lebende Zellen „so ein Leuchten in den Augen haben“.

Das Team der Abteilung Bio-Nanophotonik ist international besetzt: etwa 40 wissenschaftliche Mitarbeiter und weitere für Technik und Verwaltung. Westphal erinnert sich an die ersten Jahre, als das Team auch in der Freizeit viel gemeinsam unternommen hat:

„Er kann mitziehen und überzeugen“

Es gibt ein Eishockey-Team, Klettergruppen; zeitweise waren auch ein Tischtennis-Team, eine Koch- und Strickgruppe dabei.  Und heute sei es so, beschreibt Westphal, „wenn man abends nicht allein ins Konzert oder Kino gehen will, dann reicht eine Rundmail, um Gesellschaft zu bekommen“.

Für das Team sei momentan natürlich auch der Nobelpreis ein Thema. Dabei werde auch diskutiert, ob der Preis dazu führe, dass Hell künftig weniger Zeit fürs Labor bleibe. Aber Westphal ist überzeugt, dass er sich an der eigentlichen  wissenschaftlichen Arbeit weiterhin beteiligt.

Inzwischen wisse der Direktor zwar „nicht mehr bei jedem Versuchsaufbau, an welcher Schraube er drehen muss“, aber das wissenschaftliche Arbeiten im Labor werde ihn bestimmt weiter antreiben. Seinen Chef beschreibt Westphal als „zielorientiert, so  stellt er Forderungen oder gibt Ziele vor für ein Experiment. Und wenn es gut läuft, dann lässt er die Leute machen“. Dabei sei Hells Ideenreichtum bemerkenswert und seine Motivationskraft: „Er kann mitziehen und überzeugen.“

Zur Person

Stefan W. Hell, Physiker am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, wird am 10. Dezember in Stockholm mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Der 1962 in Rumänien geborene Hell studierte in Heidelberg Physik. Nach seiner Promotion im Jahr 1990 in Heidelberg verfolgte er seine Ideen zunächst als „freier Erfinder“.

Nach seiner Zeit als Postdoktorand am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg ging er 1993 als Gruppenleiter nach Turku (Finnland). Dort entwickelte er das Prinzip der STED-Mikroskopie. Von Turku wechselte Hell Ende 1996 als Leiter einer Nachwuchsgruppe an das MPI für biophysikalische Chemie, wo er seit 2002 die Abteilung Nano-Biophotonik leitet.

Er ist Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Honorarprofessor für Experimentalphysik an der Universität Göttingen. Darüber hinaus leitet er die Abteilung Optische Nanoskopie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Für seine Leistungen erhielt Hell unter anderem den Carl-Zeiss-Forschungspreis, den 10. Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Niedersächsischen Staatspreis, den Otto-Hahn-Preis für Physik, den Ernst-Hellmut-Vits-Preis, den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft, den Göteborger Lise-Meitner-Preis, den Meyenburg-Preis, die Paul Karrer Medaille, die Carus-Medaille der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und den Kavli-Preis für Nanowissenschaften.

Hell hält Ehrendoktorwürden der Universitäten Turku und Vasile Goldis (Rumänien) sowie der Polytechnischen Universität Bukarest (Rumänien).

Hell ist verheiratet mit Prof. Anna Hell, Fachärztin für Orthopädie an der Universitätsmedizin Göttingen. Das Ehepaar hat drei Kinder.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Uni Göttingen begrüßt zum #unistartgoe Studienanfänger