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Plagiatsfall an der Uni Göttingen Sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Göttingen deckt Plagiatsfall auf
Campus Themen Plagiatsfall an der Uni Göttingen Sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Göttingen deckt Plagiatsfall auf
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13:19 09.01.2018
Socio Oeconomicum der Uni Göttingen Quelle: Heller
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Göttingen

Christian M., ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft, hat in seiner 2012 abgeschlossenen Dissertation, die 2013 veröffentlicht wurde, offenbar massiv plagiiert. In der Einleitung seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Das Gewissen in politischen Kontexten: Politik des Gewissens als politische Ethik“ stammen mehr als 90 Prozent des Textes aus der Habilitationsschrift „Staat und Gewissen im technischen Zeitalter.

Prolegomena einer politologischen Aufklärung“ von Renate Martinsen. Das ergab die Prüfung durch das Tageblatt mit einem Computerprogramm, das Textübernahmen erkennt. Im weiteren Verlauf der Arbeit kopierte der Fakultätsmitarbeiter knapp 250 Seiten aus dieser Habilitationsschrift, außerdem bediente er sich noch an einer weiteren Dissertation. Das Fazit seiner Arbeit übernahm er komplett von Martinsen. Zu diesem Schluss kamen Untersuchungen der Fakultät.

„Am 23. Juni haben Mitarbeiter der Sozialwissenschaftlichen Fakultät einen Plagiatsfall entdeckt“, bestätigt Thomas Richter, Sprecher der Georg-August-Universität, auf Tageblatt-Anfrage. Die Fakultät habe daraufhin eine Untersuchung eingeleitet, die am 15. Juli mit dem Entzug des Doktortitels endete. Bekannt ist inzwischen, dass M. nicht nur in seiner Dissertation plagiierte, auch in mindestens vier weiteren Fällen soll er abgeschrieben haben.

Es handelt sich dabei um wissenschaftliche Artikel und Beiträge in Büchern anderer Göttinger Wissenschaftler. Auch sein Beitrag zu einem gemeinsamen Artikel mit seinem Doktorvater und dem Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Walter Reese-Schäfer, stammt nicht von M.

Die Dissertation und die abgeschriebenen Beiträge waren vermutlich nicht die einzigen Fälschungen. So soll M. nach Tageblatt-Informationen bereits bei seiner Bewerbung in Göttingen ein gefälschtes Magisterzeugnis der Ludwig-Maximilians-Universität München vorgelegt haben.

In der Bewerbung gab er an, dass er an den Universitäten München, Konstanz und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main studiert habe: die Fächer Volkswirtschaftslehre, katholische Theologie und Philosophie. Zumindest an der Frankfurter Hochschule ist nach deren Angaben ein Studienaufenthalt von M. nicht bekannt. Die Universität Göttingen will sich unter Verweis auf noch laufende Untersuchungen zu diesem Sachverhalt derzeit nicht äußern, ebenso wie die Universität München.

Aus Zeit Campus: Aufstieg und Fall des Dr. M.

Während seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Georgia Augusta hat M. auch als Lehrperson fungiert und Studierende bei Abschluss- und Hausarbeiten betreut. Inwiefern der Plagiatsfall jetzt Auswirkungen auf die benoteten und prüfungsrelevanten Arbeiten der Studierenden haben könnte, wird derzeit von der Universitätsleitung geprüft.

Von Benjamin Köster

Für gut befunden, dann gelöscht

Für die Dissertation, die sich als massives Plagiat herausgestellt hat, hat die Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Göttingen einen Preis verliehen. „Für herausragende Promotionen werden in diesem Jahr zwei Promovenden mit dem Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis in Höhe von jeweils 750 Euro geehrt“, teilte die Hochschule zur Absolventenfeier im April 2013 mit. Einer war „Christian M. für die Arbeit „Das Gewissen in politischen Kontexten – Politik des Gewissens als politische Ethik““.

Am Dienstag war M. noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Hildesheim auf deren Webseite ausgewiesen. Auf Tageblatt-Nachfrage zu seinen Tätigkeiten an der Hochschule teilte diese auf Anweisung der Personalabteilung über ihre Pressestelle mit: „Dazu dürfen wir keine Aussagen treffen“. Die Webseite hatte in der Zwischenzeit eine neue Version erhalten.

Auch die Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Göttingen verwies über das Sekretariat des Dekans, Prof. Walter Reese-Schäfer, auf eine „allgemeine Anweisung, dass Informationen nur über das Präsidium zu erhalten sind“. Der Dekan, zugleich 2012 Erstgutachter der von M. vorgelegten Dissertation, sei nicht im Hause, hieß es. Die am Montag beim Dekan angefragte Stellungnahme hat das Tageblatt bisher nicht erhalten; der Politikwissenschaftler ist nach Angaben der Universität derzeit im Ausland.

Zweieinhalb Jahre nach seiner Aufdeckung und der ersten Berichterstattung im Göttinger Tageblatt schlägt der Plagiatsfall an der Georg-August-Universität Göttingen Anfang 2018 erneut Wellen: Doktoranden würden heute sorgsamer ausgewählt, zitiert die Zeitschrift ZEIT CAMPUS einen Uni-Sprecher. Der räumt aber zugleich ein: "Die Effektivität von Plagiatssoftware wird häufig überschätzt."

jes/us

Dieser Artikel wurde aktualisiert am 9.1.18

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