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Staatsanwälte ermitteln in Göttinger Plagiatsfall

Drei Straftatbestände möglich Staatsanwälte ermitteln in Göttinger Plagiatsfall

Die Plagiatsäffäre an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen hat seit heute auch eine strafrechtliche Komponente: Wie der Göttinger Staatsanwalt Frank-Michael Laue erklärt, werde dort die Einleitung eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen den wissenschaftlichen Mitarbeiter geprüft.

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Im Plagiatsfall an der Uni Göttingen ermitteln jetzt Staatsanwälte.

Quelle: dpa

Göttingen. Aus dem Tageblatt sei die Behörde am Mittwochmorgen über den Vorgang informiert worden. Und zwar prüft die Göttinger Staatsanwaltschaft jetzt drei möglich Tatbestände. Zum Einen: „Wer für eine Magisterarbeit oder eine Dissertation abschreibt, verstößt möglicherweise gegen das Urheberrecht“, so Laue. Abschreiben, das kann eine unerlaubte Verwertung geistiger Werte darstellen. Und das, so der Jurist, sei gesetzlich unter Strafe gestellt. Bis zu drei Jahre Haft können dafür maximal verhängt werden.

 

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Zweiter möglicher Straftatbestand ist der Betrug. „Wenn jemand bei seiner Einstellung eine gefälschte Doktorarbeit vorlegt, kann das als Betrug gewertet werden“, so Laue.

 

Drittens kommt noch der Straftatbestand des Titelmissbrauchs in Frage. Nach Paragraf 132 des Strafgesetzbuches ist es möglich, einen Schuldigen mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr zu belegen.

 

Screenshot des Plagiatschecks. (Zum Vergrößern klicken)

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„Extrem schwerer Fall“

Der Plagiatsfall an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen hat sich als „extrem schwerer Fall“ entpuppt. Bei der Überprüfung der Dissertation von Christian M. stellte sich heraus, dass er Abschlusszeugnisse fälschte und sich damit um die Promotionsstelle bewarb. Derzeit prüft die Universität Göttingen, welche Folgen die Tätigkeit des zuletzt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätigen M. für Studierende hat, deren Haus- und Prüfungsarbeiten er benotete.

 

Der nach eigenen Angaben 1980 geborene ehemalige Mitarbeiter der Universität galt nach Tageblatt-Informationen unter Studenten als angenehmer und versierter Dozent. Am Mittwoch aber war das Urteil ein anderes, und das Prüfungsamt der Universität erhielt bereits etliche Anfragen zu Prüfungen oder Hausarbeiten, die M. benotete.

 

Für den Fachschaftsrat Sozialwissenschaften ist der Sachverhalt klar. "Wir sehen den Fehler, nämlich das Prüfenlassen durch eine nicht prüfungsberechtigte Person, nicht bei den Studierenden, sondern eindeutig bei der Fakultät", stellte der FSR klar. Konsequenzen dürfe es für die Studierenden nicht geben. "Es ist jetzt die Aufgabe der Uni, die Studierenden über den weiteren Fortgang zu informieren. Wir fordern, dass keinerlei Prüfungsleistungen aberkannt, aber die Möglichkeit zur freiwilligen Wiederholung gegeben wird."

 

Auf jeden Fall sollten sich Studierende, die betroffen sind, bei der Universität melden, um sich in der Sache beraten zu lassen, rät Thomas Richter. Der Sprecher der Universität erklärte, dass die Universität derzeit verschiedene Überprüfungen vornehme und demnächst nicht nur die Studierenden informieren werde, sondern auch Herausgeber und Autoren.

 

Im Jahr 2009 hatte sich M. noch ein Leben als Mönch vorgestellt. Das lässt ein Beitrag auf Youtube vermuten, in dem er als Novize in Sankt Ottilien, der Erzabtei der Missionsbenedektiner, einem Team des Bayerischen Rundfunks Rede und Antwort steht. Im April ließ er als Bruder Julius wissen, warum er sich für ein Leben hinter Klostermauern entschieden hatte. Im Herbst war dieser Entschluss passé. Seine Bewerbung an der Universität Göttingen als Doktorand an der Göttinger Graduiertenschule Gesellschaftswissenschaften (GGG) war erfolgreich gewesen. Die gefälschten Zeugnisse wurden nicht als solche erkannt.

 

Seine Doktorarbeit lieferte M. im Jahr 2012 ab und erhielt eine sehr gute Note dafür: summa cum laude. Das bedeutet mit Auszeichnung; im Vergleich mit Schulnoten eine Eins plus. Als seine Forschungsinteressen gab M. unter anderem Politische Ethik und Religion an. Das Gewissen und der Gewissensbegriff beschäftigten ihn wohl nur als Themen seiner Publikationen. Durch diese sind Mitautoren und Herausgeber nun auch betroffen von den Machenschaften, die nach Tageblatt-Informationen durch einen Zufall an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät bekannt wurden: Mitarbeiter erinnerten sich bei der Arbeit zu einem ähnlichen Thema und der Lektüre der Habilitationsschrift „Staat und Gewissen im technischen Zeitalter. Prolegomena einer politologischen Aufklärung“ von Renate Martinsen aus dem Jahr 2004 an die Dissertation ihres Kollegen M. Die gravierende Übereinstimmung von Textpassagen führte zur Untersuchung, die anfangs nur die Aberkennung des Doktorgrades zum Ziel hatte. Dabei stellte sich dann auch heraus, dass die Zeugnisse von Hochschulabschlüssen, die M. zur Einstellung vorlegte, gefälscht waren.

 

Von Angela Brünjes, Britta Bielefeld und Benjamin Köster

 

 

Die Hintergründe zum Plagiatsfall und eine Stellungnahme der Universität finden Sie hier.

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