Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Sammlungen der Universität Kriegsgott-Federn und mysteriöse Verluste
Campus Themen Sammlungen der Universität Kriegsgott-Federn und mysteriöse Verluste
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:32 25.01.2013
Federbildnis des Kriegsgottes von Hawai´i: Dieses und weitere Göttinger Exponate sind derzeit im Landesmuseum Hannover. Quelle: Haase
Anzeige
Göttingen

Was indes niemand für möglich hielt: Mit wachsender internationaler Bekanntheit sah sich das vom englischen Kapitän James Cook (1729-1779) im Jahr 1779 erworbene Artefakt unlängst dem Verdacht ausgesetzt, es sei eine Fälschung.

Unter Kunstkennern wurden Zweifel an der Echtheit von „Ku“ geweckt, als dieser im Rahmen der viel beachteten Ausstellung „Bildwelten – Afrika, Ozeanien und die Moderne“ in der noblen Fondation Beyerler bei Basel im Jahr 2009 zu sehen war. Der fragile Gegenstand sei angesichts seines hohen Alters in einem viel zu gutem Zustand, die applizierten Federn entstammten augenscheinlich Göttinger Hühnern, so das Gerücht. Durch eindeutige wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse in seiner Echtheit mittlerweile bestätigt – die Geschichte des Gegenstandes wird derzeit von Prof. Brigitta Hauser-Schäublin publiziert –, ist das rehabilitierte Federbildnis wieder on tour. Im Rahmen der von Gundolf Krüger mit kuratierten Niedersächsischen Landesausstellung „Tabu?! – Verborgene Kräfte, Geheimes Wissen“ ist „Ku“ im Landesmuseum Hannover bis zum 7. April zu sehen.

18   000 ethnographischen Gegenständen

Angesichts von insgesamt 18  000 ethnographischen Gegenständen, die die Ethnologische Sammlung beherbergt, sind es solche oder ähnliche Geschichten, die neben der routinemäßigen systematischen Dokumentation und Veröffentlichung von Sammlungsbeständen, den besonderen Reiz einzelner Objektbiographien ausmachen. Dabei bilden Fragen der Authentizität und Provenienz, des kulturellen Kontextes oder der transkulturellen Bedeutungsverflechtungen, der Wirkmacht oder der künstlerischen Ausdruckskraft von Objekten jeweils eine besondere Herausforderung.

So geschehen auch bei der gerade abgeschlossenen Durchleuchtung der Ethnologischen Sammlung im Hinblick auf die Frage der Restitution. Zum einen wurde durch die wissenschaftliche Mitarbeiterin Beate Herrmann die NS-Vergangenheit aufgearbeitet und „kriegsbedingte Beutekunst“ in der Göttinger Sammlung dokumentiert, publiziert und in die Internet-Datenbank „Lost Art“ für weitere Verhandlungen zwecks Repatriierung eingepflegt. Zum anderen wurde durch Krüger die Herkunft von zwei mumifizierten Köpfen mokomokai der Maori von Neuseeland, die als human remains zur Gattung besonders restitutionswürdiger Objekte zählen, gerade lückenlos erschlossen und veröffentlicht. Bei den Recherchen stellte sich heraus, dass sich ursprünglich noch ein dritter Kopf in der Sammlung befunden hatte, der aber auf mysteriöse Weise nach 1942 abhanden gekommen war und sich heute im Besitz eines belgischen Privatmannes befindet. Neben der Frage der Restitution und den Umständen eines solchen Sammlungsverlustes ergibt sich für dieses Objekt ein zusätzliches rechtliches Problem.

Lange Tradition

Die internationale Bedeutung der Ethnologischen Sammlung wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass die meisten Völkerkundemuseen in der Kolonialzeit um die Wende des 19./20. Jahrhunderts gegründet wurden. Als „Ethnographische Abteilung“ aus dem von Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) betreuten Academischen Museums der Universität Göttingen (1773-1840) hervorgegangen und speziell in der Lehre ab 1803 von dem Historiker Arnold Hermann Ludwig Heeren (1760-1842) vertreten, blickt die Göttinger Sammlung auf eine viel längere Tradition zurück und weist insofern ein nicht zu übersehendes Alleinstellungsmerkmal auf.

In der Gegenwart ist die Ethnologische Sammlung mit ihren Objekten aus Amerika, Asien, Australien, Afrika und Ozeanien eine Abteilung am Institut für Ethnologie, eingebettet in die Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Göttingen. In Verzahnung mit Bibliothek und einem Archiv bietet die Sammlung in ihrer Vielfalt eine ausgezeichnete Voraussetzung für museumsrelevante Forschungsarbeiten, aber auch für eine engagierte Museumspädagogik und intensive Ausstellungspraxis.

Die Ethnologische Sammlung am Theaterplatz 15 wird durch den Förderverein, die Göttinger Gesellschaft für Völkerkunde, unterstützt. Die Sammlung ist sonntags von 10 bis 16 Uhr und werktags nach telefonischer Anmeldung (05 51/
39-78 91) geöffnet; Anmeldungen für Kindernachmittage sind über Koordinatorin Isabel Pagalies möglich.

Zur Person

Gundolf Krüger, seit 1991 Kustos der Ethnologischen Sammlung der Universität Göttingen, studierte Ethnologie, Anthropologie und Volkskunde an der Georgia Augusta. Der 1950 in Braunschweig geborene Ethnologe war nach seinem Magisterabschluss im Jahr 1979, einem längeren Studienaufenthalt in Hawai’i und seiner 1984 abgelegten Promotion Assistent am Ethnologischen Museum Berlin. Von hier wechselte er nach Stuttgart, wo er am Staatlichen Museum für Völkerkunde bis zu seiner Rückkehr nach Göttingen als Öffentlichkeitsreferent tätig war.

Seit 20 Jahren ist Krüger am Institut für Ethnologie für Museumspraktika zuständig. Zudem führt er regelmäßig eine Vorlesung zum Thema „Objekt – Kultur – Identität“ und Seminare zu traditionellen Wertvorstellungen sowie zu aktuellen Diskursen über Kulturpolitik, Ethnizität und Identität in Polynesien durch. Forschungs- und Studienreisen sowie Filmarbeiten führten ihn mehrfach nach Polynesien und Mikronesien.
In der Sammlung ist Krüger für 18     000 außer­europäische Kulturzeugnisse zuständig. Alle Objekte sind mittlerweile vollständig inventarisiert und werden derzeit digitalisiert. Aufgrund der heutigen Nutzungsmöglichkeiten ist die Sammlung für Forschungen zu Transformationsprozessen materieller Kultur international sehr gefragt. Krüger selbst beschäftigt sich in letzter Zeit vor allem mit Provenienz-Forschungen: „Es ist spannend, den langen Weg der Objekte über Raum und Zeit zurückzuverfolgen“, so Krüger, „das ist häufig so etwas wie kriminalistische Spurensicherung“.

Von Gundolf Krüger

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Die Göttinger Sammlung mathematischer Modelle und Instrumente gehört weltweit zu den bedeutendsten historischen Sammlungen ihrer Art. Sie enthält über 500 Objekte, darunter viele geometrische Modelle, Rechenmaschinen, Integraphen, Zeichengeräte, kinematische und mechanische Modelle.

25.01.2013

Es ist 17 Meter lang und schwebt wie schwerelos im Raum – das riesige Skelett eines Pottwals, größtes Sammlungs- und Ausstellungsobjekt im Zoologischen Museum. Erst 1998 ins Museum gekommen, gehört es zu den jüngeren Objekten in den zoologischen Sammlungen. Die ältesten gehen auf das akademische Museum von 1773 zurück.

25.01.2013

Die Georg-August-Universität Göttingen verfügt über außergewöhnliche Sammlungen, die Lehre und Forschung dienen. In Zusammenarbeit mit den Kustoden der Universitätssammlungen stellt das Tageblatt die Gärten und Sammlungen in einer Serie vor. Heute: Forstbotanischer Garten.

25.01.2013
Anzeige