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Sammlungen der Universität Rechtsmedizinische Exponate: Natürlich oder nichtnatürlich
Campus Themen Sammlungen der Universität Rechtsmedizinische Exponate: Natürlich oder nichtnatürlich
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22:07 25.04.2013
Schädel mit Durchschuss: Von links vorn nach rechts hinten ist ein durch den Schuss verursachter Berstungssprung zu sehen. Quelle: Eckardt

Nach Zurschaustellung durch Totengräber wurde die Mumie erst 1791 der Universität Göttingen zur Aufbewahrung überwiesen. Hier fand sie schließlich ihren Platz in der rechtsmedizinischen Sammlung.

Theodor Lochte (1864–1953) richtete die Sammlung nach 1906 ein und sorgte für ihre Gestaltung. Der Mediziner, Spezialist der forensischen Haarforschung, war zwischen 1906 und 1934 zuerst Extraordinarius und danach Ordinarius an der Georgia Augusta. 

„Es entsprach den wissenschaftlichen Konzepten in der Anatomie, Pathologie und Gerichtsmedizin am Anfang des vorigen Jahrhunderts, dass wissenschaftliche Sammlungen angelegt wurden. Lochte legte den Grundstein zu einer der größten Sammlungen dieser Art in der Göttinger Gerichtsmedizin, die durch seine Nachfolger vervollkommnet, auf ein hohes Niveau gebracht und mit ihren Exponaten auch ausgiebig in Lehre und Fortbildung eingesetzt wurde.

Wasserleiche: Das Körperfett wird im Verlauf von Monaten durch Mineralien aus dem Wasser in das sogenannte Fettwachs umgewandelt.

Zur Zeit wird sie als medizinhistorische Sammlung verstanden und unterhalten, in der Lehre jedoch nicht mehr eingesetzt. In der Öffentlichkeit ist diese Sammlung von großem Interesse geblieben – vielleicht auch, weil sie jetzt geschlossen ist.“ So wird es in dem Band „Forensische Medizin. Eine 100-jährige Geschichte der Rechtsmedizin an der Georg-August-Universität Göttingen“ (Universitätsverlag Göttingen 2004) beschrieben.

Dieses Zitat kann jedoch nicht so verstanden werden, dass die Sammlung in ihrer Gesamtheit jemals öffentlich gezeigt werden wird. Erfordern allgemein anatomische und pathologische Präparate als „Human Remains“ schon einen sensiblen Umgang, so gilt das erst recht für diese als Beweismittel zurückbehaltenen rechtsmedizinischen Präparate.

Eine Führung wird auch künftig Medizinern, fachspezifischen Studenten, Polizisten und den Mitarbeitern von Rettungsdienst und Feuerwehr vorbehalten bleiben, wobei letztere noch am häufigsten mit der unmittelbaren Situation vor Ort konfrontiert sind.

Eine Systematik im Fachgebiet der Rechtsmedizin bildet sich nur mittelbar heraus als Abbild des Geschehens von Unfällen oder (Un-)Taten, und kategorisiert die Gegebenheiten und verfügbaren Möglichkeiten im jeweiligen Lebensbereich zu deren Ausübung.

Die Sammlung vereint rund 440 Exponate aus allen Bereichen der forensischen Morphologie. Vorgabe ist die juristische Unterscheidung zwischen natürlichem und nichtnatürlichem Tod, denn nur im letzteren Fall wird ermittelt. Ein nichtnatürlicher Tod bedeutet Tod durch jeden Unfall (zum Beispiel durch elektrischen Strom oder Sturz) und Suizid, stumpfe und scharfe Gewalt inklusive Waffengebrauch und toxische Einwirkung durch dritte Hand.

Als Grundlage veranschaulichen etliche Objekte die Lehre vom Tod (Thanatologie). Hierbei werden frühe und späte Leichenveränderungen und die Erscheinungsformen des plötzlichen natürlichen Todes plausibel vermittelt. All diesen Schwerpunkten folgen auch die Lehrplaninhalte des Faches Rechtsmedizin.

Nach der Schließung des alten Institutsgebäudes am Windausweg im Jahr 2006 konnte die Sammlung zunächst nur noch eingelagert werden. Die erneute Aufstellung in einem angemessenen Raum zum Gebrauch in der Lehre für die genannten Personenkreise ist Gegenstand laufender Bestrebungen.

Von Jürgen Sammler

► Zur Person

Jürgen Sammler, seit 1985 mit halber Stelle wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Rechtsmedizin, ist seit 2006 auch für die Betreuung der Rechtsmedizinischen Sammlung zuständig. Neben Obduktionen und Gutachtertätigkeit ist er aufgrund des starken Personalverlustes bis 2012 auch mit dem Blutalkohollabor befasst.

Dem Studium an der Universität Göttingen von 1976 bis 1982 folgte von 1983 bis 1984 die Promotion in der Abteilung Neuropharmakologie über das Thema „Einfluss einer chronischen medikamentösen Herzfrequenzveränderung auf die Kapillar- und Muskelfaserdichte am Rattenherzen“ (1984).

„Die unmittelbare Anschauung anatomischer Präparate ist zur Vermittlung von Kenntnis und Zusammenhang nach wie vor durch keine moderne Technik zu übertreffen, wie auch der Präparierkurs zentraler Bestandteil des vorklinischen Studiums bleiben wird.

Besonders beeindruckend an dieser Sammlung ist die systematische Abdeckung aller Bereiche der rechtsmedizinschen Morphologie sowie die herausragende Ausarbeitung, Präparation und Erhaltung, zuletzt durch den mittlerweile im Ruhestand befindlichen Oberpräparator Michael Hollmann“, erklärt Sammler.

Gegenwärtig werden Bestrebungen und Planungen zur Wiederaufstellung verfolgt, um das in diese Sammlung eingeflossene Fachwissen, den beträchtlichen Aufwand und nicht zuletzt die respektvolle Wertschätzung darin zu erhalten und wieder nutzbar
zu machen.

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