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Sammlungen der Universität Ur- und Frühgeschichte: 8500 Objekte in Göttinger Sammlung
Campus Themen Sammlungen der Universität Ur- und Frühgeschichte: 8500 Objekte in Göttinger Sammlung
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17:55 24.02.2013
Für die Lehre konzipiert: Blick auf einen Teil der Sammlung des Seminars für Ur- und Frühgeschichte, zu der fast 8500 Objekte zählen. Quelle: Schneeweiß
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Göttingen

Steine, Scherben und Knochen sind gewöhnlich „Massenware“ auf einer archäologischen Ausgrabung. Sie enthalten wesentliche Informationen über das, was einst an dieser Stelle geschehen ist. Diese zu entschlüsseln hat etwas Kriminalistisches, doch es braucht viel Übung und Erfahrung, um in den Scherben die Töpfe zu sehen und in den Steinen zu erkennen, was die Menschen damals damit gemacht haben: Das „Scherbenalphabet“ muss man buchstabieren lernen.

Lernen geschieht durch Anschauung, das gilt vor allem in so einer objektbezogenen Wissenschaft wie der Ur- und Frühgeschichte, in der nur ausnahmsweise schriftliche Überlieferungen zur Verfügung stehen. Am genauesten schaut man ein Objekt an, wenn man es in die Hand nimmt, beschreiben oder zeichnen muss oder es mit anderen Objekten vergleicht.

Gesichtsurne: Grabgefäß, das die Gestalt des Toten verkörpert. © Eckardt

Gefühl für Material

Nur so kann sich auch ein Gefühl für das Material entwickeln, für die unterschiedliche Verarbeitung von Keramik beispielsweise oder dafür, woran man erkennt, ob ein Gefäß auf der Drehscheibe hergestellt wurde oder nicht. Und es lässt sich in der Gestaltung der Objekte, egal ob es sich um Töpfe, Werkzeuge oder Schmuck handelt, eine Entwicklung nachvollziehen, die technologischen Erkenntnissen und modischen Strömungen folgt.

Genau diesen Zweck der Anschauung verfolgt die Lehrsammlung des Seminars für Ur- und Frühgeschichte, denn Materialkenntnis und Formenkunde bilden die Basis unseres Fachs. Das war schon Karl Hermann Jacob-Friesen klar, Direktor des Provinzialmuseums Hannover, als er 1929 auf die Einrichtung einer Studiensammlung drängte, kurz vor seiner Berufung zum ersten Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Göttinger Universität.

Zur Person

Jens Schneeweiß, seit 2010 als wissenschaftlicher Assistent kommissarisch Kustos der Lehrsammlung des Seminars für Ur- und Frühgeschichte, beschäftigt sich wissenschaftlich vorwiegend mit dem slawischen Mittelalter. Der 1969 in Berlin geborene Archäologe studierte an der Humboldt-Universität und der TU Berlin Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie, Europäische Ethnologie und Geologie. Nach seinem Studium war er Mitarbeiter der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts und wurde 2004 in Berlin über die Spätbronze- und Früheisenzeit Westsibiriens promoviert.

Seit 2005 ist Schneeweiß an der Georgia Augusta beschäftigt. Zur Betreuung der Sammlung kam er eher zufällig durch Vakanzen und personelle Fluktuationen am Lehrstuhl. „Das Fach Ur- und Frühgeschichte wurde aus dem Sammeln geboren, das lässt sich auch an unserer Lehrsammlung erkennen“, sagt der Archäologe. „Neben ihrem ganz klaren Zweck für die Lehre spiegeln die einzelnen Objekte und ihre Geschichten nämlich auch die Entwicklung des Faches wider, den jeweiligen Zeitgeist und subjektive Intentionen. Das Faszinierende an der Sammlung ist das immanente Individuelle, das heißt, dass sie auch als Monument für die Menschen gelesen werden kann, die sie begründeten und prägten.“

Den Grundstock der Lehrsammlung bildeten archäologische Fundstücke aus dem Museum Hannover, die weltweit außerhalb der Provinz gefunden worden waren und damit nicht mehr seinem damals neuen Sammelschwerpunkt entsprachen, sowie zahlreiche qualitätvolle Nachbildungen berühmter „Leitfunde“. Auf diese Weise kamen Objekte nach Göttingen zurück, die im Bestand des „Academischen Museums“ der Universität gewesen waren.

Auf Lehre angelegt

Die Nachbildungen, Modelle und Rekonstruktionen kennzeichnen wahrscheinlich am deutlichsten den Charakter der auf Lehre angelegten Sammlung, obwohl sie weniger als 10 Prozent der gegenwärtig etwa 8    450 inventarisierten Objekte ausmachen. Auch im heutigen digitalen Zeitalter haben die Realia aus der Sammlung ihren festen, unersetzbaren Platz in der Lehre. Die Sammlung ist nicht öffentlich zugänglich, ein kleiner Teil ist jedoch auf den Fluren des Seminars zur Schau gestellt.

Von Jens Schneeweiß

Praxis: Studierende beim Zeichnen und Bestimmen von Originalfunden mit Kustos Schneeweiß. © Bierstedt
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