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Naturschutzorganisationen fordern mehr unberührte Natur

Wildnis in Deutschland Naturschutzorganisationen fordern mehr unberührte Natur

Im Hinterlandswald hat das Land Hessen 1000 Hektar Staatswald aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen und als Wildnisgebiet freigegeben. „Eine Symbolhandlung“, sagt Hermann Spellmann, Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Göttingen.

Naturpark Wispertal im Rheingau-Taunus-Kreis

Quelle: epd

Göttingen. Der Hinterlandswald im hessischen Rheingaugebirge ist ein Eldorado für Wildkatzen. Auch der scheue Schwarzstorch hat sich hier am verwunschenen Ufer der Wisper angesiedelt. Nur eine einzige asphaltierte Straße führt durch den „Wispertaunus“ mit seinen rund 21000 Hektar. Im vorigen Jahr hat das Land Hessen hier 1000 Hektar Staatswald aus der forstwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen und als „Wildnisgebiet“ freigegeben. „Eine Symbolhandlung“, sagt Hermann Spellmann, Leiter der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. „Etwas sehr Schönes“, freut sich dagegen Manuel Schweiger. Der Wildnis-Referent des Europa-Referats der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) schätzt, dass dieser Wald innerhalb von 200 bis 300 Jahren wieder in seinen Urzustand zurückkehren kann. „So schnell geht das nicht“, wendet Spellmann ein. Bisher ist das Gebiet ohnehin noch nicht gesetzlich geschützt wie ein Nationalpark oder ein Naturschutzgebiet.

Es geht um Natur ohne Eingriff des Menschen - Wildnis in Deutschland. Mit ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt hat sich die Bundesregierung 2007 ressortübergreifend verpflichtet, bis 2020 zwei Prozent der deutschen Landesfläche als Wildnis auszuweisen.

Aber nach zehn Jahren sind erst 0,6 Prozent erreicht. Dazu gehören die Kernzonen der 16 Nationalparks und jene Flächen, die von Naturschutzstiftungen und -verbänden erworben wurden, damit sich die Natur ungestört entwickeln kann - etwa auf ehemaligen Truppenübungsplätzen und in Bergbaufolgelandschaften.

„Die Umsetzung können wir nur als Prozess begreifen, der voraussichtlich über 2020 hinaus andauern wird“, erklärt eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums auf Anfrage. Sie verweist auf „Widerstände von Nutzerverbänden und Flächeneigentümern“: „Deutschland besteht aus einer dicht besiedelten Kulturlandschaft, die mithin die Aufgabe erschwert, Platz zu gewinnen und Akzeptanz für die Sicherung solcher Gebiete zu erreichen.“

Wildnis-Referent Schweiger hält das Ziel nicht für zu ambitioniert: „Auch mit zwei Prozent sind wir das Schlusslicht in Europa.“ Er verweist auf Österreich, wo bereits drei Prozent Wildnis ausgewiesen seien, auf die Slowakei mit 7,5 Prozent und auf die Ukraine mit ihren 26 Nationalparks. Er weiß, dass das zersiedelte Deutschland nicht mit osteuropäischen Ländern vergleichbar ist. Aber: „Wir haben eine Verantwortung, der wir bisher nicht gerecht werden. Vor allem für die Buchenwälder.“ Deutschland ist Waldland, und Buchen wachsen nur hier und in den Karpaten. Das offizielle „Waldwildnisziel“ beträgt fünf Prozent der deutschen Waldfläche.

Spellmann spricht von „Wildnisentwicklungsflächen“ statt von „Wildnis“

Spellmann spricht von „Wildnisentwicklungsflächen“ statt von „Wildnis“. Nach den internationalen Definitionskriterien, sagt er, gebe es in Deutschland gar keine Wildnis. Zu zerschnitten sei die Landschaft: „Es ist eine Illusion, so ein Ziel zu verfolgen.“

Für die Weltnaturschutzunion IUCN bedeutet Wildnis: ausgedehnte ursprüngliche oder nur leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, ohne ständige Siedlungen. In Deutschland verweist das Bundesamt für Naturschutz auf eine leicht variierte Experten-Definition: ausreichend große, weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete. Die Natur soll sich ohne Einfluss des Menschen entwickeln könne.

Den Naturschützern geht es zu langsam mit der Ausweisung solcher Flächen. Vergangenes Jahr haben sich 18 Organisationen unter der Koordination der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt zur Initiative „Wildnis in Deutschland“ zusammengeschlossen, finanziell unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz und vom Bundesumweltamt. Die Initiative fordert von der Bundesregierung einen mit 500 Millionen Euro ausgestatteten „Wildnis-Fonds“, um von Kommunen und Privateigentümern weitere potenzielle „Wildnis“-Flächen aufzukaufen. Idealerweise sollten diese Gebiete 3.000 bis 10.000 Hektar umfassen.

Wozu Wildnis

Wozu überhaupt Wildnis mitten in der Kulturlandschaft? Schweiger zeigt auf eine Grafik: Anders als beim Klimawandel sei die ökologische Belastungsgrenze beim Artensterben längst überschritten. Er verweist auf winzige, unspektakuläre Boden- und Wasserorganismen, die für Landwirtschaft und Trinkwasser unentbehrlich seien.

Elf „Positionen für die Wildnis“ haben die Organisationen in einer „Wegweiser“-Broschüre dargestellt. Darunter „Wildnis erleben“, denn: „Im Kopf der Menschen passiert erst dann etwas, wenn sie behutsam gelenkt ein großes Wildnisgebiet durchwandern“, sagt Schweiger. Gerade die junge Generation soll angesichts einer faszinierenden Natur lernen, dass seltene Tier- und Pflanzenarten unersetzlich sind. Tiere brauchen zusätzlich Rückzugsräume sowie Wanderkorridore.

Die Umweltminister der Länder haben im Mai auf einer Konferenz in Bad Saarow beschlossen, die Initiative zu unterstützen. „Wir müssen die Reihen im Naturschutz schließen“, sagt Schweiger. Denn: „Wir sind ein Entwicklungsland, was die Erhaltung unseres Naturerbes angeht.“

Von Claudia Schülke (epd)

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