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Hilfe, mein Kind ist introvertiert!

Völlig normal Hilfe, mein Kind ist introvertiert!

Alle Kinder spielen auf dem Freigelände, rennen und klettern fröhlich herum – nur eines bleibt für sich, scheinbar zufrieden. Müssen sich die Eltern Sorgen machen? Oder ist das nur eine Phase?

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Ganz versunken im Spiel: Manche Kinder sind introvertiert, aber nicht unbedingt Eigenbrötler.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Yvonne, selbst ein umtriebiger und kontaktfreudiger Typ, stellt ihre Tochter zur Rede: „Warum bist du denn ganz alleine hier drinnen? Willst du nicht mit den anderen Kindern spielen?“ „Nein Mama, ich spiele hier gerade ganz schön.“ Irritiert wendet Yvonne sich im Beisein von Mia an die Erzieherin: „Warum spielt Mia denn nicht mit den anderen Kindern? Gab es Streit? Vielleicht könnten Sie zwischen den Kindern vermitteln – sonst wird Mia noch zum Außenseiter.“

Eine derartige Situation kommt bei einem extrovertierten Elternteil und einem introvertierten Kind häufiger vor. Yvonne ist sich sicher, im Sinne ihrer Tochter gehandelt zu haben. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Sie hat Mia verunsichert. Unterbewusst wird das Mädchen wahrnehmen, dass die Mutter unzufrieden mit ihm ist, dass Schüchternheit etwas Negatives ist.

Lieber erst einmal beobachten

Introvertierte Kinder beobachten lieber erst einmal, statt sich sofort unter spielende Kinder zu mischen. Oft haben sie zwar wenige, dafür aber gute Freunde. Nichtsdestotrotz beschäftigen sie sich aber auch sehr gerne alleine und in aller Stille. Wenn ständig viel Trubel um sie herum herrscht, bekommen sie mitunter schlechte Laune. Oft mögen sie es nicht, wenn fremde Menschen sie anfassen oder tätscheln.

Die meisten Menschen sind Mischtypen zwischen Extrovertierten und Introvertierten. Besonders häufig kommt es zu Problemen, wenn das Temperament von Eltern und Kindern sehr weit auseinanderklafft. Entwicklungspsychologen sprechen von einer ungünstigen „Passung“ zwischen Eltern und Kindern, die zu Problemen führen kann, wenn Eltern kein Verständnis für das stille Temperament ihrer Kinder aufbringen und immer durchblicken lassen, dass sie ihr Kind für zu einzelgängerisch halten. Besonders schlimm für die kindliche Entwicklung wird es, wenn Herabwürdigung hinzukommt.

Sensible Antennen für Kritik

Aber auch Eltern wie Yvonne, die nur immer wieder ihr Unverständnis oder ihre Sorge zum Ausdruck bringen, schaden ihren Kindern. Gerade introvertierte Kinder haben sehr sensible Antennen für Kritik. Das Selbstbewusstsein kann im Extremfall ein Leben lang unter der Missbilligung der Eltern leiden.

Introvertiertes Verhalten wurde bei Menschen in allen historischen Epochen und Kulturen beobachtet. Die Anlage zur Introvertiertheit ist angeboren. Die Entwicklung der Persönlichkeit ist zwar ein komplexer Prozess, der auch Umweltfaktoren unterliegt. Das Temperament ist dabei aber relativ stabil und nur zum Teil formbar. Völlig umkrempeln kann man ein introvertiertes Kind nicht, ohne seiner Persönlichkeit zu schaden – schon deshalb nicht, weil dieser Wesenszug an bestimmten Eigenschaften des Gehirns liegt.

Schlechter im Multitasking

Zum Beispiel ist das Belohnungssystem von Introvertierten weniger sensibel als das der Extrovertierten. Der Grund: ein niedrigeres Level des Botenstoffs Dopamin in diesen Hirnarealen. Das führt dazu, dass introvertierte Kinder nicht so leicht durch belohnende Ereignisse motiviert werden und deshalb weniger Interesse daran haben. Als belohnend kann vieles empfunden werden: andere mit einem Witz zum Lachen zu bringen oder sich in einer Gruppe mit einer Spielidee durchzusetzen.

Und noch einen Unterschied haben die Persönlichkeitsforscher bei Introvertierten gegenüber Extrovertierten gefunden: Introvertierte sind schlechter im Multitasking. Psychologie-Professor Jan Wacker von der Universität Hamburg: „Das sensiblere Belohnungssystem der Extrovertierten führt dazu, dass sie schneller hin- und herswitchen können zwischen verschiedenen Repräsentationen im Arbeitsgedächtnis. Introvertierte brauchen, wenn sie mal switchen müssen, etwas länger, sind dafür aber genauer, wenn es darum geht, bestimmte Inhalte genau zu analysieren und im Gedächtnis zu behalten.“

Unabhängig vom Feedback uns Applaus anderer

Die Schwäche ist zugleich eine Stärke: Introvertierte Kinder sind zwar langsamer und ermüden schneller, wenn viele Reize gleichzeitig auf sie einströmen. Und es kostet sie viel Energie, Tätigkeiten zu unterbrechen. Dafür sind sie aber oft gründlicher, beharrlicher und genauer bei der Erledigung einzelner Aufgaben. Das ist bei weitem aber nicht die einzige Stärke, die introvertierte Kinder haben. Zum Beispiel können sie oft sehr gut zuhören, und es bereitet ihnen weniger Probleme, sich alleine zu beschäftigen. Die Fähigkeit, sich über längere Zeit hinweg alleine und konzentriert mit einer Tätigkeit zu befassen, führt oft dazu, dass sich introvertierte Kinder Kompetenzen aufbauen oder Interessen intensiv pflegen. Sie sind dabei unabhängiger vom Feedback und vom Applaus anderer als extrovertierte Kinder.

Wenn ein introvertiertes Kind Beschäftigungen von Interesse nachgeht, sollten Eltern es nur im Notfall unterbrechen. Auf keinen Fall sollten sie ihr Kind deshalb als Eigenbrötler abqualifizieren, sondern ihm vielmehr vermitteln, dass es stolz auf diese Kompetenzen sein kann – und auch sie es sind.

Regelmäßige Pausen zum Batterie aufladen

Auch in der Kommunikation mit introvertierten Kindern gibt es einiges zu beachten. Introvertierte Kinder erzählen selten lang und breit von ihren Erlebnissen. Sie brauchen Zeit zum Nachdenken und Antworten. Geben Sie ihnen diese Zeit. Und, ganz wichtig: Introvertierte Kinder brauchen regelmäßige Pausen zum Aufladen ihrer Batterien. Manche reagieren überfordert oder sogar aggressiv, wenn sie diese Aus-Zeiten nicht bekommen. Sorgen Sie für Ruhezeiten und -orte und ermutigen Sie Ihr Kind, sich Pausen zu nehmen.

Die Freude am Alleinsein, die viele Introvertierte empfinden, führt oft zu dem falschen Schluss, sie seien schüchtern. Introvertierten-Coach und Buchautorin Sylvia Löhken: „Die Introvertiertheit ist einfach eine Persönlichkeitseigenschaft, während die Schüchternheit etwas mit Angst zu tun hat.“ Wenn Eltern ein Kind ständig als „schüchtern“ bezeichnen, stigmatisieren sie es und schwächen sein Selbstbewusstsein. Aber auch eine Überbehütung kann dem Selbstbewusstsein schaden, weil das Kind das Gefühl bekommt, es käme ohne diese Behütung nicht klar.

Eltern, die die Stärken ihrer introvertierten Kinder sehen und ihnen immer das Gefühl geben, in Ordnung zu sein, fördern die selbstbewusste introvertierte Persönlichkeit ihrer Kinder.

Von RND/Christina Bergengruen

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