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Lässt sich das Geschlecht erzwingen?

Genitaloperationen von Kindern Lässt sich das Geschlecht erzwingen?

Intersexuelle Kinder werden häufig sehr jung operiert und können noch nicht wissen, ob sie ein Junge oder Mädchen sein wollen.

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Warum soll ein Junge nicht auch mal ein Tutu anziehen und sich schminken lassen? Oder ist das gar kein Junge? Bei intersexuellen Kindern lässt sich das Geschlecht nicht genau bestimmen.

Quelle: iStock

Hannover. Junge oder Mädchen? Bei intersexuell geborenen Kindern lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten. Schätzungen zufolge kommt etwa eines von 4500 Babys mit einem uneindeutigen Geschlecht zur Welt. Mal weichen die inneren Geschlechtsorgane von den äußeren ab, mal vom genetischen Geschlecht. Mischformen männlicher und weiblicher Genitalien sind möglich.

Die Folgen von frühen medizinischen Eingriffen

Medizinisch sind solche Variationen oft völlig unbedenklich. Trotzdem war es jahrzehntelang Standard, intersexuell geborene Kinder durch drastische chirurgische Eingriffe an ein Geschlecht anzupassen. Ärzte legten dann eine künstliche Vagina an, beschnitten Geschlechtsteile, entfernten Hoden oder Eierstöcke – oft ohne das Wissen der Betroffenen. Viele der heute erwachsenen Intersexuellen beklagen als lebenslange Folgen großes körperliches und psychisches Leid. Auch heute werden immer noch viele intersexuelle Kinder operiert, bevor sie alt genug sind, um selbst zu entscheiden.

Intersexuellenverbände fordern seit Jahren ein Verbot rein kosmetischer Genitaloperationen an Kindern, das zumindest bis zur Pubertät gelten soll. Und auch der Ethikrat stufte diese 2012 als „Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit“ und die „Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“ ein. Sie sollten nur „nach umfassender Abwägung“ erfolgen und „aufgrund unabweisbarer Gründe des Kindeswohls“. Selbst die Organisation Amnesty International startete in diesem Jahr eine Kampagne, in der sie auf das Leid Betroffener aufmerksam machte.

Umstrittene Intersex-Operationen

Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin rät bereits seit 2007 zur Abwägung und Zurückhaltung bei rein kosmetischen Eingriffen. Doch die Operationen finden heute womöglich nicht seltener, sondern einfach unter anderem Deckmantel statt. Das zeigt eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung von Ulrike Klöppel vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin. Klöppel hatte die Krankenhausstatistik ausgewertet, um zu prüfen, ob es in Deutschland einen Rückgang kosmetischer Operationen uneindeutiger Genitalien bei Kindern gegeben hatte. Das Ergebnis: Zwischen 2005 und 2014 hatte es jedoch trotz der offiziellen Einwände genauso viele Genitaloperationen gegeben, wie vorher. Bei Intersex-Diagnosen wurde zwar tatsächlich seltener operiert. Dafür nahmen Genitaloperationen bei Kindern zu, die offiziell nicht intersexuell waren, sondern „Fehlbildungen“ der männlichen oder weiblichen Genitalorgane hatten.

Studienautorin Klöppel vermutet, es könnte eine „Umdeklaration“ stattgefunden haben. Das heißt: Womöglich wurden bewusst weniger Intersex-Diagnosen gestellt, da Operationen in diesem Fall umstritten sind. Die Eingriffe wurden dann aber doch durchgeführt, offiziell aus anderen Gründen.

Quelle: gpt

Kinder dürfen und können noch nicht entscheiden

Medizinische Leitlinien böten „keinen rechtlich wirksamen Schutz“ für die Betroffenen, sagt Klöppel daher. „Genitaloperationen an nicht einwilligungsfähigen Kindern, die nicht medizinisch zwingend erforderlich sind, sollten meiner Meinung nach aus menschenrechtlichen Gründen untersagt werden.“

Lutz Wünsch ist Direktor der Klinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Genitaloperationen von Kindern werden dort bis heute durchgeführt. Die Entscheidung dafür oder dagegen würden nicht leichtfertig gefällt, sagt Wünsch, ein Team aus Psychologen, Kinderchirurgen und Hormonspezialisten werde mit einbezogen.„Am wichtigsten ist aus meiner Sicht aber nicht, wie sich eine Familie entscheidet, sondern dass sie vorher gut beraten wurde.“

„Es ist ein Bereich, in dem es keine einfachen Lösungen gibt.“

Die Forderung, sämtliche medizinisch nicht notwendigen Genitaloperationen an Kindern zu verbieten, ist seiner Ansicht nach zu undifferenziert. Zwar sei es natürlich am besten, wenn sich ein Intersexueller erst mit 16 selbst für oder gegen einen Eingriff entscheidet. Wünsch und seine Kollegen operieren aber auch früher, wenn Eltern darauf bestehen. „Für die persönliche Situation eines Kindes ist es schließlich auch wichtig, dass die Familie es annehmen kann.„ Ein Umdenken habe aber in jedem Fall stattgefunden. „Wir machen vieles nicht mehr, was man früher gemacht hat.“ Die Entfernung funktionierender Keimdrüsen etwa sei vor der Einwilligungsfähigkeit nicht mehr üblich.

Wünsch glaubt nicht, dass die Mehrheit der Patienten, die nach den heutigen Maßstäben behandelt werden, später unzufrieden ist. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass Operationen umdeklariert werden. Zu dem Thema werde es aber bestimmt auch in Zukunft noch viele Uneinigkeiten und Diskussionsbedarf geben. „Es ist nun einmal ein Bereich, in dem es keine einfachen Lösungen gibt.“

Wenn das Geschlecht nicht eindeutig ist

In Deutschland leben nach Schätzungen bis zu 100 000 Menschen mit uneindeutigem Geschlecht oder abweichender Geschlechtsidentität. Bei diesen intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale — wie etwa Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane — zweifelsfrei dem männlichen oder aber weiblichen Geschlecht zuzuordnen.

Ein Intersexueller kann so zwar über einen männlichen Chromosomensatz verfügen, zugleich aber ein weibliches Aussehen haben und sich als Frau fühlen.

Ebenso gibt es Betroffene, die eindeutig weibliche Chromosomen haben, gleichzeitig aber Merkmale eines männlichen Phänotyps wie Bartwuchs aufweisen sowie eine erheblich vergrößerte Klitoris. Extrem selten sind Fälle, bei denen Mädchen im Laufe ihrer Entwicklung zu Männern werden.

Von Irene Habich/RND

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