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„Wir sollten erst mal zum Mond fliegen“

Raumfahrt „Wir sollten erst mal zum Mond fliegen“

Alle wollen zum Mars – doch Esa-Astronaut Matthias Maurer hält es für sinnvoller, zuerst eine Station auf dem Mond zu errichten. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht er auch über die Möglichkeiten von 3-D-Druck im All und die Frage, ob Astronauten mittlerweile Popstars sind.

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Wenn Denken und Fühlen wieder eins werden

„Wahrscheinlich wird’s die ISS“: Matthias Maurer bereitet sich derzeit auf seine erste Weltraummission vor – unter anderem mit Training unter Wasser und im Gebirge.

Quelle: Esa

Köln. Bis die Menschen zum Mars fliegen, müssen sie noch ein paar Hausaufgaben erledigen, meint der deutsche Astronaut Matthias Maurer. Derzeit trainiert er für seine erste Mission im All.

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Zu Erde und zu Wasser: Bevor Astronauten auf eine Weltraummission geschickt werden, müssen sie hart trainieren – unter anderem wie sie mit der Schwerelosigkeit umgehen. Dabei steht man schon mal Kopf.

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Herr Maurer, alle reden derzeit vom Mars, für Sie wird es vermutlich aber nicht realistisch sein, dorthin zu fliegen, oder?

Nein, für mich ist das nicht realistisch. Mit den Marsmissionen, das wird noch eine ganze Weile dauern.

Was spricht denn eigentlich gegen eine Marsmission zum jetzigen Zeitpunkt?

Wir könnten mit der Schwerlastrakete, die die Nasa gerade baut, auch schon Richtung Mars fliegen. Aber dann dauert so eine Reise sehr, sehr lange und man würde sehr viel Strahlung unterwegs abbekommen. Und weil man die ganze Startmasse für den Antrieb braucht, kann man auch nur sehr wenig mitnehmen. Also, ich kann dorthinfliegen, aber nur ganz kurz dableiben. Ich habe die Befürchtung, das würde ähnlich laufen wie beim Mondprogramm: Man schickt Astronauten hoch, rammt ’ne Flagge in den Boden, fotografiert den Fußabdruck. Und dann sagt ein Politiker: Das ist zu teuer, lasst uns das wieder einstellen. Es ist wissenschaftlich sehr sinnvoll, zum Mars zu fliegen, wir sollten aber vorher unsere Hausaufgaben gemacht haben.

Was sind das für Hausaufgaben?

Wir sollten eine Technologie entwickeln, die es uns erlaubt, auf dem Mars länger zu bleiben. Das heißt, ich fliege dorthin, ich nehme mir Technologie mit und mit dieser Technologie kann ich aus dem Marsstaub Wasser extrahieren. Das Wasser kann ich dann zum Trinken nutzen, Wasser kann ich zerlegen in Wasserstoff und Sauerstoff – damit kann ich beispielsweise den Treibstoff erzeugen, mit dem ich wieder zurückfliegen kann. Und ich kann, wenn ich alles richtig mache, auch die Technologie des 3-D-Drucks anwenden. Das heißt, wir möchten den Marssand nutzen und ihn zu einem Gebäude umformen oder zu einer Halterung, zu einer Satellitenschüssel ... Diese Technologie zu nehmen und direkt zum Mars zu fliegen, halte ich aber für zu riskant. Wenn ich zum Mars fliege und dann feststelle, das alles funktioniert doch nicht, dann habe ich ein Riesenproblem.

Was wäre die Alternative?

Der sinnvollste Zwischenschritt ist der Mond. Wir sollten das, was ich für den Mars erklärt habe, zunächst auf dem Mond machen. Wir schicken eine Mission hoch auf den Mond, „drucken“ dort eine Mondstation, „drucken“ Infrastruktur auf dem Mond wie zum Beispiel ein Radioteleskop. Ein solches Radioteleskop auf dem Mond ist wissenschaftlich höchst spannend, denn der Mond hat im Gegensatz zur Erde keine Atmosphäre. Die Wissenschaftler könnten dort Signale aus dem Weltraum empfangen, welche von der Erdatmosphäre geschluckt werden, und damit viel Neues lernen über die frühen Phasen des Universums.

Wofür könnte eine Neuentdeckung des Mondes noch dienen?

Der Mond ist generell superspannend, denn der Mond ist tot.

Wie bitte?

Da ändert sich nichts mehr. Dort ist kein Wetter, kein Wasser, kein Klima, dort ist keine Erosion. Der Mond hat seine 4,5 Milliarden Jahre Geschichte offen vor uns liegen. Die Wissenschaftler können Bodenproben analysieren und Modelle entwickeln, die uns sagen, wie unser Sonnensystem entstanden ist, und damit auch, wie die Erde entstanden ist. Und dann können wir viel besser nach erdähnlichen Exoplaneten suchen. Und dann kommen wir auch wieder der Frage näher, wo sonst noch im Universum Leben sein könnte.

Warum aber war dann so lange nicht vom Mond die Rede?

Für eine Mission brauchen Sie natürlich ein Budget. Und unser großer Bruder ist da nun mal die Nasa. George Bush beispielsweise wollte zurück zum Mond und hatte bereits ein Programm initiiert. Und dann haben die Republikaner die Wahl gegen Obama verloren. Dieser hat dann die Mondpläne wieder einstampfen lassen und veranlasst, dass die Nasa langfristig zu einem Asteroiden fliegt. Es ist immer schön für Politiker, ein Ziel zu formulieren, das sich ohnehin nicht während ihrer Amtszeit erreichen lässt – dann fällt es nicht mehr auf sie zurück. Die Chinesen sind da viel zielstrebiger. Sie haben für 2030 schon eine bemannte Mondlandung in ihren Büchern stehen.

Sind die Chinesen die Einzigen?

Nein. Die Russen wollen zum Mond, die Europäer wollen zum Mond, die Japaner auch.

Und was wollen die Amerikaner?

In der Nasa gibt es zwei Fraktionen, die eine will lieber direkt zum Mars, die andere will erst zum Mond.

Was ist denn die europäische Vision eines Mondprojekts?

Es gibt die Idee einer Forschungsstation, ähnlich wie in der Antarktis. Ich kann mir gut eine Internationale Mondstation als Weiterführung der Internationalen Raumstation vorstellen. Das hätte auch sehr viel politischen Wert. Das bindet darüber hinaus auch die internationalen Partner ein, mit denen man auf anderen Feldern vielleicht im Streit ist. Man hat immer noch einen offenen Kanal über die Wissenschaft und Raumfahrt, um miteinander zu reden. Das stabilisiert. Es ist erstaunlich, wie stabil das ISS-Programm seit über 20 Jahren vor dem Hintergrund der ganzen internationalen Konflikte läuft.

Aber die Nasa möchte die ISS 2024 verkaufen …

Das finde ich nicht dramatisch. Die Amerikaner sind generell der Ansicht, dass die Wirtschaft solche Projekte sehr viel effizienter umsetzen kann als staatliche Organisationen . Und das stimmt zum Teil ja auch. Das sieht man jetzt auch schon bei den Raketen. Man hat die Firmen Space X und Orbital, die liefern bereits Fracht zur Internationalen Raumstation ISS. Und bald werden Spaxe X und Boeing auch Astronauten hochfliegen können. Und Jeff Bezos, der Amazon-Besitzer, steckt ebenfalls sein Taschengeld in die Raumfahrt (nach eigenen Angaben eine Milliarde Dollar pro Jahr!). Ich bin fast sicher, er wird Elon Musk mit Space X noch überholen. Bezos hat bereits eine Schwerlastrakete vorgestellt, die von 2021 an im Einsatz sein kann – und er möchte diese bis zu hundertmal wiederverwenden. Da wird sehr viel Positives passieren in den nächsten zehn Jahren. Es tut der Raumfahrt sehr gut, dass man nicht mehr so lange auf neue Entwicklungen warten muss.

Apropos Warten: Sie hängen derzeit auch in einer Art Warteschleife, oder?

(lacht) Ich dreh aber nicht Däumchen. Klar, ich muss jetzt auf meinen ersten Flug warten. Ich sehe das pragmatisch, 2020 ist der erste freie Slot, den ich bekommen könnte. Es kann aber auch gut sein, dass ich erst 2021 oder 2022 fliege.

Und das wäre dann die ISS oder schon der Mond?

Ziemlich wahrscheinlich wird’s die ISS. Aber wir haben auch noch die Optionen, mit den Chinesen zu kooperieren. Die bauen gerade ihre eigene Weltraumstation auf. 2022 soll diese Station betriebsbereit sein, und dann möchten die Chinesen auch ausländische Astronauten mitnehmen. Die Esa will da natürlich dabei sein. Zum Mond könnte man in absehbarer Zeit wohl nur mit der Nasa. Doch da prüfen noch die Techniker, ob und wann ein bemannter Flug möglich wäre. Auch gibt es noch kein Landemodul. Aber wenn die Orion-Flüge Richtung Mond losgehen, wäre ich natürlich gerne dabei. Möglicherweise wird es zunächst auch erst einmal nur eine kleine Station im Mondorbit geben. Es ist gerade eine superspannende Zeit!

Aus dem Saarland ins All

Der gebürtige Saarländer Matthias Maurer (47) studierte Materialwissenschaft und Werkstofftechnik in Saarbrücken, Leeds, Nancy sowie Barcelona und promovierte in Aachen. Bereits 2008 bewarb er sich bei der Esa für das Astronautenprogramm und schaffte es bis unter die besten zehn. Die Esa konnte aber nur sechs Astronauten einstellen. 2015 konnte Maurer dann doch noch dem Europäischen Astronautenkorps in Köln beitreten. In diesem Jahr schließt er seine Astronauten-Grundausbildung ab.

Derzeit trainieren Sie fleißig auf der Erde. Was steht als Nächstes an?

Zunächst lerne ich bei der Nasa, in 12 Metern Wassertiefe im Raumanzug einen Weltraumspaziergang zu absolvieren. Das ist mein Programm für die nächsten drei, vier Monate. Außerdem bin ich einer von zwei Kandidaten, die im Verlauf dieses Jahres hoffentlich das chinesische Sea-Survival-Training absolvieren werden.

Eine Zusammenarbeit mit den Chinesen existiert also schon.

Wir haben bereits seit 2013 Kontakt, tauschen uns aus und besuchen uns gegenseitig. 2016 nahm ein chinesischer Astronaut an unserem Höhlentraining für Astronauten teil.

Sprechen Sie schon Chinesisch?

Ich lerne es. Das ist natürlich die Voraussetzung. Ich würde mit meinen Sprachkenntnissen in China nicht mehr verhungern, aber ob ich jetzt schon ’ne Rakete fliegen könnte, das wage ich zu bezweifeln. Schritt für Schritt.

Ihr Kollege Alexander Gerst ist ungeheuer populär. Muss man als Astronaut heutzutage ein Popstar sein?

Man muss heute sehr viel Öffentlichkeitsarbeit leisten, man muss sehr viel mitteilen. Das finde ich spannend. Ich bin sehr froh, dass ich diese Begeisterung teilen kann. Deswegen muss auch jeder Astronaut die sozialen Medien bedienen. Alex hat das toll gemacht, genauso wie alle meine Esa-Astronauten auf der ISS. Jeder versucht natürlich immer noch eine Schippe draufzulegen. Aber ein Popstar wollte ich nie sein. Ich möchte lieber als Wissenschaftler ernst genommen werden.

Weitere Informationen gibt es hier: http://matthiasmaurer.esa.int/

Von Christiane Eickmann/RND

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