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Bovenden Zu Fuß zur Schule statt mit dem „Elterntaxi“
Die Region Bovenden Zu Fuß zur Schule statt mit dem „Elterntaxi“
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13:50 27.09.2018
Alternative zum Elterntaxi: Gemeinsam zu Fuß zur Schule gehen (Archivbild). Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen / Landkreis

Nach einer Forsa-Umfrage gingen 2016 in Deutschland nur noch 37 Prozent der Grundschüler zu Fuß zur Schule. In den 70er-Jahren waren es nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerkes noch etwa 90 Prozent. Beim Schulweg zu Fuß könnten die Kinder vor allem Selbstständigkeit lernen, betont Verena Nölle, die 2004 in Bremen die InitiativeSchulexpress gegründet hat: „Kinder werden selbstständig, wenn sie etwas alleine machen dürfen.“ Auch die Bewegung sei von großer Bedeutung. Ihr „Schulexpress“ wurde mittlerweile an mehr als 120 Schulen in Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Berlin und auch in Österreich adaptiert. Das Prinzip: In einem Radius von etwa einem Kilometer rund um die Grundschulen werden „Haltestellen“ eingerichtet, an denen sich Erst- und Zweitklässler zu Laufgruppen treffen, um von dort mit ihren Freunden zur Schule zu gehen. Meist bilden sich Gruppen von etwa sechs Schülern. Eltern können ihre Kinder auch mit dem Auto zu einem der Treffpunkte bringen.

Kein Vertrauen in die Selbstständigkeit der Kinder?

Laut Nölle gibt es gegenwärtig immer mehr „Helikoptereltern“, die es ihren Kindern nicht zutrauten, ein paar Schritte ohne Aufsicht unterwegs zu sein. Zum anderen seien viele Eltern im Dauerstress: „Die eilen zwischen Job, Schule und anderen Verpflichtungen hin und her und meinen, wenn sie ihr Kind schnell mit dem Auto zur Schule fahren, wird alles besser.“ Gerade von diesen Eltern werde enorm viel Stress genommen, wenn sie ihre Kinder zu Fuß gehen ließen.

Sicher zur Schule – das geht oft zu Fuß besser als mit dem Auto. Quelle: Christina Hinzmann

Auch Kinderrechtler und Verkehrsexperten raten immer wieder vom „Elterntaxi“ auf dem Schulweg ab. Hektisch geparkte und hin- und her rangierende Autos würden demnach vor den Schulen für unübersichtliche Situationen sorgen. Das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclubs VCD haben deshalb gerade bundesweit Aktionstage zum sicheren Schulweg zu Fuß initiiert – sogar mit einem eigenen „Zu Fuß zur Schule“-Tag.

Neue Elterninitiative in Bovenden gegründet

„Auch an unserer Schule besteht die Problematik der Elterntaxis“, sagt Angela Rösel, Schulleiterin der Grundschule am Sonnenberg in Bovenden. Hierzu habe sich Mitte dieses Jahres eine Elterninitiative gegründet. Nach Diskussionen im Schulelternat und einem regen Austausch zwischen Schulleitung und Elternvertreterinnen seien auch der Flecken Bovenden und die örtliche Polizei angesprochen worden und hätten Unterstützung zugesagt. „Durch die vielen Gespräche zeigte sich bei den Aktiven bald, dass das Thema ,Elterntaxis’ erweitert werden sollte, um ein effektives und nachhaltiges Konzept zur Thematik ,Sicherer Schulweg’ entwickeln zu können“, so Rösel. Leitgedanke hierbei sei es gewesen, dass Kinder ihren Schulweg zu Fuß zurücklegen sollten. Die nun gegründete Elterninitiative habe bereits einen Flyer erstellt und auf dem Elternabend der diesjährigen Schulanfänger über die Idee informiert. Mit Unterstützung der Polizei seien in der vergangenen Woche erste Elternlotsen ausgebildet worden, die voraussichtlich nach den Herbstferien ihre Tätigkeit aufnehmen. „Es gibt sechs Sammelpunkte in Bovenden, von denen aus sogenannte ,Laufbusse’ zur Schule gehen“, beschreibt Rösel das Konzept, das insofern an den „Schulexpress“ erinnert. Weitere Ideen seien in Planung.

Auch eine Möglichkeit: Eltern begleiten mehrere Kinder auf dem Fußweg zur Schule. Quelle: dpa

Etabliertes Verkehrshelferprojekt seit 23 Jahren

Eine Initiative wie den „Schulexpress“ gibt es an der Wilhelm-Henneberg-Schule in Göttingen zwar nicht, zumal das „Elterntaxiproblem“ dort nach Auskunft von Schulleiterin Susanne Knoke zuletzt keines mehr war. Zum Thema „sicherer Schulweg“ gebe es aber im Unterricht Gespräche und Austauschmöglichkeiten. Die Schule habe außerdem ein funktionierendes Verkehrshelferprojekt. „Eltern hatten vor 23 Jahren mit der Unterstützung der Verkehrswacht und der Polizei einen Elternlotsendienst ins Leben gerufen“, erklärt die Schulleiterin. Dieser bestehe bis heute: „An zwei Überwegen vor der Schule helfen täglich vor Unterrichtsbeginn die Elternlotsen den Kindern beim Überqueren der stark befahrenden Straßen.“

Elterntaxi-Problemen an vielen Schulen noch präsent

Im Gegensatz zur Wilhelm-Henneberg-Schule ist an anderen Grundschulen in Göttingen und Umgebung das „Elterntaxi“-Problem nach wie vor präsent. „Insbesondere im Winter entstehen bei Dunkelheit gefährliche Situationen für Kinder. Parken im absoluten Halteverbot ist dabei keine Seltenheit“, sagt Petra Schug von der Göttinger Wilhelm-Busch-Schule. Die „Schulexpress“-Idee findet sie grundsätzlich gut – allerdings nur dann, wenn Eltern ihre Kinder nicht mit dem Auto zu den Sammeltreffpunkten bringen, sondern zu Fuß.

Auf dem „sicheren Schulweg“ zu Fuß stören häufig rangierende oder unsicher abgestellte Autos. Quelle: dpa

Immer häufiger wird ein solcher oder ähnlicher Ansatz in die ohnehin schon intensiv betriebene Aufklärung zum Thema „sicherer Schulweg“ integriert. „Auch gemeinsam den Schulweg mit anderen Kindern zu gehen und als kleinen Spaziergang zu nutzen, bei dem man sich schon mal mit Freunden austauschen kann, stellen wir vor“, beschreibt Stephanie Bachmann von der Grundschule Dransfeld.

Anwendbarkeit von Standort und Umgebung abhängig

„Sicherlich ist es sehr lohnenswert, in Hinsicht auf Bewegungsfreude, Sicherheit und Parkplatznot vor den Schulen darüber ernsthaft nachzudenken“, kommentiert Gabriele Graf, Schulleiterin der Godehardschule, die „Schulexpress“-Idee. Bei der nächsten Schulelternratssitzung könne dies ein wichtiger Tagesordnungspunkt werden. Am Standort Hallerstraße habe die Schule zuletzt abgefragt, wie die Kinder zur Schule gelangen. Demnach kommen 70 Prozent zu Fuß, mit dem Roller oder Fahrrad. Für diesen Standort biete sich deshalb kein Schulexpress an.

„Unfreundliche und abwehrende Reaktionen“

Nicht umsetzbar ist ein solches Konzept auch im Umfeld der Leinetal-Grundschule Friedland, wie Schulleiterin Inge Neubauer erklärt: „Unsere Grundschule hat 14 Dörfer im Einzugsgebiet mit einer sehr stark variierenden Anzahl von Schülern.“ Das Elterntaxi-Problem kenne sie deshalb sehr genau. „In regelmäßigen Abständen appellieren wir an die Eltern, ihre Kinder nicht bis zum Schultor zu fahren oder gar noch schnell bis ins Klassenzimmer zu begleiten. In persönlicher Ansprache erfährt man recht unfreundliche und abwehrende Reaktionen. Auch wenn die Mehrzahl nicht abholt oder bringt, tragen diejenigen, die bis zum Tor vorfahren dazu bei, dass die Lage für alle unübersichtlich und damit unsicher ist“, sagt Neubauer. Verschärft werde die Diskussion, wenn es etwa bei der Busbeförderung zu Unregelmäßigkeiten oder Ausfällen komme: „Dann sehen die Eltern oft keine Alternative oder auf jeden Fall das moralische Recht auf ihrer Seite. Mitunter ist es eine Zwickmühle.“

In kleinen Gruppen zu Fuß zur Schule – das entspricht dem Konzept des „Schulexpress“. Quelle: dpa

Lockere Verabredungen für den gemeinsamen Schulweg

Andernorts scheint dies besser zu klappen, etwa an der Göttinger Mittelbergschule. Auch dort bringen einige Eltern ihre Kinder zur Schule. „Oft ließen sie die Kinder an Stellen aussteigen, die nicht ganz sicher sind. Durch ein Rundschreiben hat sich diese Problematik gelegt“, beschreibt Schulleiterin Claudia Ehrenreich. Auch wenn es hier noch keinen koordinierten „Schulexpress“ gebe, hätten Eltern untereinander verabredet, dass bestimmte Kinder zusammen zur Schule gehen – auch in Gruppen. Oder ein Elternteil geht mit mehreren Kindern zur Schule. „Das klappt ganz gut“, findet Ehrenreich.

Von Markus Riese (mit epd)

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