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Jühnde Eine Birke vor das Haus der Liebsten
Die Region Dransfeld Jühnde Eine Birke vor das Haus der Liebsten
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00:19 23.05.2018
Eine Ladung Maibäume für die Jühnder Frauen. Quelle: r
Jühnde

„Zu Pfingsten wurde den Mädchen von den Burschen eine Pfingstmaie ans Fenster gestellt. Bekam ein Mädchen einen Zweig mit Kätzchen, eine sogenannte Lämmermaie, so sagte man, sie bekäme bald ein Kind.“ So heißt es in der Jühnder Dorfchronik aus dem Jahr 1960. Außerdem bekämen Mädchen mit schlechtem Leumund oft einen Dornenbusch, und „heimlichen Liebespaaren legten Neidlinge Sägemehlspuren von Haus zu Haus“.

„Diese Tradition ist in Jühnde immer noch lebendig“, sagt Ortsheimatpfleger Hubertus Menke. Gruppen junger Männer zögen schon am Vortag in den Wald, um den passenden Baum zu suchen. In den Nachtstunden kämen sie dann zurück ins Dorf und verteilten die Bäume. Wer nicht mehr selber mitgehen will, kann einen Baum in Auftrag geben, der dann vor der bestellten Tür abgestellt wird. Währenddessen übernimmt der weibliche Nachwuchs das Spurenlegen.

Nicht immer ganz heimlich

Einer der jungen Männer, der mit seinen Freunden unterwegs war, erzählt von der diesjährigen Tour. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. Schließlich gehöre es ja zur Tradition, dass das Ganze heimlich passiert. Auch wenn das nicht immer so richtig klappt. „Wir haben versucht, leise zu sein“, sagt er lachend. Zum einen aber hatte sich die achtköpfige Truppe mit ihren knatternden Einachsern schon am frühen Abend aufgemacht. Zum anderen könne es wohl sein, dass der ein oder andere Böller beim nächtlichen Baumverteilen gezündet worden sei. „Aber die Leute wissen ja, dass das Pfingsten dazu gehört“.

Neben Birken werden übrigens hin und wieder auch Dornenbüsche verteilt, wenn ein Dorfbewohner im letzten Jahr sich etwas hat zu Schulden kommen lassen, weiß Menke. „Was das im Einzelnen ist, bleibt oft der Spekulation überlassen.“ Es sei wohl auch schon vorgekommen, dass Gartenpforte oder ein Blumenkübel versteckt worden seien. Auch fänden sich am Pfingstsonntagmorgen gern ein paar Schilder in den Straßen, die auf bemerkenswerte Entdeckungen und Ereignisse hinweisen.

Spuren werden schnell entfernt

Ob das auch in diesem Jahr so war, ließ sich nicht feststellen. „Wer will schon einen Dornbusch oder ein böses Schild vor der eigenen Tür haben. Die werden meist schnell entfernt und durch eilig selbst geschlagene Birken ersetzt“, sagt der Ortsheimatpfleger. Auch die Sägemehlspuren blieben in der Regel nicht lange liegen. Menke verrät aus der Dorfgerüchteküche, dass in einem Jahr gleich drei Spuren vor dem Haus eines Herren zusammengelaufen sein sollen. Dass in Jühnde auch in diesem Jahr Späne gestreut wurden, belegen Fotos. „Wir haben nachts die Mädels getroffen. Und die waren auch fleißig“, erzählt einer der Birkenverteiler.

Am Ende der diesjährigen Pfingstnacht waren zwölf Bäume verteilt, einige Spuren gelegt und ein bisschen Krach gemacht. Und für neugierige Frühaufsteher gab es am frühen Morgen sicher das ein oder andere aktuelle Geheimnis zu entdecken.

Von Markus Scharf

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