Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Ambulante Pflege am Limit
Die Region Duderstadt Ambulante Pflege am Limit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:52 19.10.2018
Im Gespräch mit Anna Schenck (Caritas) und Sozialdezernent Marcel Riethig: die niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann (rechts). Quelle: Christina Hinzmann
Duderstadt

Der Caritasverband hat am Mittwoch im Max-Näder-Haus das 40-jährige Bestehen der Sozialstation Duderstadt gefeiert. Getrübt wurde die Feierstimmung durch die unter Druck stehende ambulante Pflege, für die es an Zeit und Geld mangelt.

„Der Vergangenheit eine Zukunft geben“ steht auf der Schwelle des Max-Näder-Hauses. Mit Blick auf die Demografie könnte man das auch auf die Sozialstation ummünzen. „Die Zahl der hochbetagten, multimorbiden und demenziell erkrankten Menschen nimmt weiter zu“, sagte Caritas Vorstandssprecher Ralf Regenhardt, der Fachkräftemangel und Lohndumping in der Pflegebranche beklagte: „Die Krankenkassen müssten Tariflöhne künftig als wirtschaftlich angemessen akzeptieren.“ Die ambulante Pflege brauche eine auskömmliche Refinanzierung, bessere Vergütungen, Arbeits- und Rahmenbedingungen.

Die weißen Kleinwagen mit Caritas-Logo sind aus dem Eichsfeld nicht mehr wegzudenken. Die Zahl der Fahrzeuge, Mitarbeiter und Patienten steigt Jahr für Jahr, während der Problemstau in der Pflege weitgehend ungelöst bleibt. Das war auch Thema der Podiumsdiskussion mit Niedersachsens Sozialministerin Dr. Carola Reimann (SPD). Ein düsteres Bild zeichnete Gerd Hegerkamp, der die Sozialstation seit 1988 leitet: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir aus finanziellen Gründen zeitweise keine Pflegebedürftigen mehr aufnehmen können. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, Kassen und Politik mitverantwortlich.“

Als Modellprojekt wurde die Sozialstation 1978 unter dem damaligen Sozialminister Hermann Schnipkoweit (CDU) ins Leben gerufen. Anschauliche Einblicke in die Geschichte gab Lydia Ballhausen, die von Anfang an dabei war. Die Mitarbeiterinnen haben viel Elend und Einsamkeit gesehen. Immer häufiger sind sie fast der einzige menschliche Kontakt, den Pflegebedürftige haben. Ballhausen erinnerte an die Anfänge mit Ordensschwestern und Dorfhelferinnen, die in kalte Stuben ohne warmes Wasser kamen und oft mit einem ausgeprägtem Schamgefühl konfrontiert wurden: „Manche Patienten wurden in Wäsche gebadet.“ Seit den 1990er-Jahren habe es eine stetige Professionalisierung und Ausweitung von Pflegeleistungen, Ausbildung, Hilfsmitteln, Hygieneartikeln, Schmerzbekämpfung und Palliativmedizin gegeben, sagte Ballhausen. Als aktuelle Herausforderungen nannte sie die zeitliche und inhaltliche Beschränkung von Leistungen, das Marktgeschehen und Bewertungen im Internet.

Unterschiedlich bewertet wurde die Situation in der Podiumsdiskussion. Man mache es sich zu leicht, immer den Kostenträgern die Schuld zu geben, meinte Jörg Niemann, der den niedersächsischen Ersatzkassenverband leitet. Die wachsende Pflegebranche, in der auch die Arbeitgeber gefordert seien, sei ein Indiz dafür, dass man mit den Vergütungen wirtschaften könne. „Wir haben eine Vereinbarung getroffen, Tariflöhne zu akzeptieren, kommen in der Kalkulation aber oft zu anderen Ergebnissen.“ Die Spirale der Wirtschaftlichkeit sei ausgeschöpft, meinte hingegen Anna Schenck (Caritas Niedersachsen): „Das Hamsterrad darf sich nicht noch schneller drehen.“ Ministerin Reimann verwies auf Weichen, die das Land gestellt habe: Programme für Wohnen und Pflege im Alter und zur Stärkung der ambulanten Pflege im ländlichen Raum, Start einer konzertierten Aktion, Ausbau von Ausbildungskapazitäten und Bildung von Arbeitsgruppen. „Wegezeiten sind besser zu refinanzieren“, sagte Reimann, setzt auf eine Verbindlichkeitserklärung bei den Vergütungen und ein Tarifvertragsgesetz.

„Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern müssen wirksam ins Handeln kommen“, warf Marcel Riehtig (SPD) ein. Der Sozialdezernent des Landkreises Göttingen unterstützt das pflegepolitische Positionspapier der Caritas, die keinen Gewinn erwirtschafte. In der Gemeinde Gleichen, in der die Caritas auch eine Sozialstation betreibt, würde sich kein anderer Anbieter finden. Gerade im ländlichen Raum mit langen Fahrtwegen müssten Leistungen refinanziert werden. „Wer Geld verdienen will, geht nicht in die Pflege“, meinte Riethig: „Wir brauchen dort mehr Geld – auch steuerfinanziert – und haben sozialpolitischen Spielraum dafür.“

Von Kuno Mahnkopf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Kunstwerke und Kunstgegenstände aus verschiedenen Epochen sehen Besucher bis Sonntag, 25. November, in der Galerie der Großbodunger Burg. Mehrere hundert Bilder und weitere Artikel können nicht nur bestaunt, sondern auch erworben werden.

17.10.2018

Die Stadt Duderstadt bietet für Interessierte am Reformationstag, 31. Oktober, eine kostenlose Stadtführung zum Thema „Sprechende Häuser – Zeugen der Reformation“ an.

17.10.2018

Der Jazzclub Nordhausen hat sich der musikalischen Vielfalt verschrieben. „Silke Gonska & Frieder W. Bergner in concert“ heißt es am Sonnabend, 20. Oktober, im Kunsthaus Meyenburg.

17.10.2018