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Duderstadt Die regionale Dimension des Holocaust
Die Region Duderstadt Die regionale Dimension des Holocaust
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20:00 24.01.2019
Schüler des Eichsfeld-Gymnasiums tragen nach der Gedenkfeier Blumengestecke zu den Denkmälern der Künstler Reuven Schärf und Udo Lange-Hesse. Quelle: Peter Heller
Duderstadt

An die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben 60 Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung am Donnerstag auf dem Duderstädter St.-Paulus-Friedhof erinnert. Schüler des Eichsfeld-Gymnasiums gestalteten die Feier.

Ein Teil der deutschen Geschichte

Mit der Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz und der Frage, warum Deutschland der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee gedenkt, haben sich Zehnt- und Elftklässler der Schule befasst. Ihre Erkenntnis: Auschwitz sei „ein Teil der deutschen Geschichte“ und damit Teil ihrer Identität, auch wenn sie als Nachgeborene „nichts mit dem damaligen Geschehen zu tun“ gehabt hätten. Heute, so die Schüler während der Gedenkstunde in der Kapelle, gebe es in Deutschland „Woche für Woche“ antisemitische Übergriffe. Jüdische Institutionen müssten von Polizisten mit Maschinenpistolen und gepanzerten Wagen geschützt werden. Dem Antisemitismus, aber auch dem Rassismus ganz allgemein sowie der Ausgrenzung von Sinti und Roma wollten sie entgegentreten. Niemand dürfe diskriminiert werden.

„Tag des Gedenkens“ jährlich am 27. Januar

Der damalige Bundespräsident Roman Herzog (CDU) hat 1996 den 27. Januar zum „Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärt. Die Stadt Duderstadt gestaltet den Tag seit 2013 gemeinsam mit Schülern des Eichsfeld-Gyamnasiums. In diesem Jahr musizierten unter Leitung von Wolfgang Busse Anna Katharina Hendorf, Leah Sturzenbecher, Hannah Nele Otto, Dalkiri Ripping und Kira Schmidthals. Die Wortbeiträge wurden von Amélie Diederich, Maite Jacobi, Felicitas Rother, Lena Greinert, Michelle Feike, Cora Hotze und Lorenz Schröer vorgetragen. Zudem wirkten Schulleiter Thomas Nebenführ und Lehrer Kai Schöbel (Koordination) mit.

Bei ihrer Beschäftigung mit dem Holocaust stießen die Schüler auf eine „regionale Dimension“, hieß es in einem der Wortbeiträge. Auch in Duderstadt habe es eine jüdische Gemeinde gegeben. Ihre 1898 an der Christian-Blank-Straße eröffnete Synagoge sei 1938 während des deutschlandweiten Pogroms zerstört worden. Die letzten Juden der Stadt seien 1941 und 1942 in Ghettos und Lager in Osteuropa deportiert worden.

Nach Notlüge zur Zwangsarbeit eingeteilt

Die Schüler zitierten aus einem Buch der jüdischen Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger. Die damals Zwölfjährige hatte sich 1944 bei der Selektion in Auschwitz drei Jahre älter gemacht und war dadurch zur Zwangsarbeit eingeteilt worden. Die anderen Menschen des Transports wurden in die Gaskammern geführt. Klüger berichtet von einem „vierschrötigen Mann“, einem Göttinger, der das Ende des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gefordert habe. Ein Schlussstrich würde die Opfer ein zweites Mal töten, zitierten die Schüler einen anderen Holcaust-Überlebenden, Eli Wiesel.

Wortbeiträge während der Gedenkfeier in der Kapelle des St.-Paulus-Friedhofs. Quelle: Peter Heller

Die Gymnasiasten gingen auch auf die Vernichtung von einer halben Million Sinti und Roma zur Zeit des Dritten Reichs ein. Sie trugen Erinnerungen von Zoni Weiss vor, einem der Überlebenden aus den Niederlanden. Ein Polizist, der wahrscheinlich im niederländischen Widerstand aktiv gewesen war, hatte ihm und anderen die Flucht ermöglicht, als sie eigentlich den Zug nach Auschwitz hätten besteigen sollen.

Für die „Gedanken mit Tiefgang“ bedankte sich Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU). Er äußerte seinen Respekt für alle, die sich in Duderstadt „in die Mahn- und Erinnerungsarbeit“ einbringen.

„Brennende Lichter“ von Mozart

Musikbeiträge der Schüler, Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart („Brennende Lichter“), Joseph Haydn („Menuett“) und Lorenz Maierhofer („Mater Dei“), rahmten die Wortbeiträge ein. Nolte, der von Ehrenbürgermeister Lothar Koch (CDU) begleitet wurde, begrüßte unter anderen den Vorsitzenden des Rats der Stadt, Bernward Vollmer (CDU), und Propst Bernd Galluschke. In einer Rede erinnerte Nolte an das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, die Unabhängigkeit, die Polen damals erlangte, und an den neuen Freundschaftsvertrag zwischen den einstigen Erzfeinden Deutschland und Frankreich.

Blumenniederlegung am Mahnmal. Quelle: Peter Heller

Im Anschluss legten die Schüler ein Blumengesteck am Mahnmal für die 69 Opfer des Nationalsozialismus in der Brehmestadt nieder. Der Künstler Udo Lange-Hesse hatte es zum Gedenken an die ausländischen Zwangsarbeiter und Umsiedler sowie deren Kinder geschaffen.

Von Michael Caspar

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