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Duderstadt Geschichte eines Feuersommers: Das Glutjahr 1911
Die Region Duderstadt Geschichte eines Feuersommers: Das Glutjahr 1911
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18:57 11.08.2011
Die hölzerne Leiter hilft nur wenig: Das große Feuer von 1911 verwüstet den Bereich Untere Marktstraße, rechts oben verläuft die Spiegelbrücke. Quelle: Gödecke
Duderstadt

Schon das Wetter jenes Jahres bot Stoff für Geschichten: 1911 sollte als das „Glutjahr“ in die Historie eingehen – ein einschneidendes, katastrophales Jahr für das beschauliche Duderstadt. Denn eine große Hitze lag über Europa, über Deutschland, dem Eichsfeld. Die Dürre setzte bereits im März ein, der in Staub gesäte Hafer stand auch um Pfingsten noch so niedrig, dass sich kein Hase darin verstecken konnte. Wälder und Wiesen verbrannten, der Pegelstand in den 20 städtischen Brunnen war niedrig, die Brehme ein Rinnsal. Das Holz der Fachwerkhäuser war ob der monatelangen hohen Temperaturen ausgetrocknet, ein einziger Funke konnte genügen, um eine Katastrophe zu entfachen. Doch bei einer sollte es nicht bleiben.

Zum ersten Mal schreckten die unter den Temperaturen ächzenden Brehmestädter am 25. Juli auf: Das Feuerhorn gellte durch die Straßen – das Alarmsignal für die erst 13 Jahre zuvor gegründete Freiwillige Wehr. Sieben Wohnhäuser raffte der „Rote Hahn“, wie man Feuersbrünste nannte, in der unteren Sackstraße dahin. Doch das sollte erst der Auftakt des Glutjahres sein, das sich tief in das Bewusstsein der Stadt eingrub, die Overtüre eines Feuersommers.

Nur wenige Tage, nachdem die Bewohner der zerstörten Häuser bei Nachbarn untergekommen waren, erklang das Horn zum zweiten Mal. Am 12. August, einem Sonnabend, gegen zwölf Uhr mittags hallten Warnrufe durch die Gassen. Flammen schossen aus einem Hintergebäude in der Sackstraße. Schnell sprang das Feuer auf die gegenüberliegende Straßenseite über, Menschen die ans Fenster und um Hilfe rufen wollten, bemerkten mit Schrecken, dass auch ihr Haus bereits brannte.Durch Sprünge aus den Fenstern retteten sie sich.

Die Spiegelbrücke und Geschäftshäuser am Pferdemarkt waren ein Flammenmeer, sogar das vierstöckige Gebäude der evangelischen Volksschule, das aus Ulmenholz bestand, konnte nicht widerstehen. Als letztes Haus stürzte es unter einem Funkenregen zusammen. Glasscheiben und Schaufenster zersplitterten durch die Hitze. Große Mengen Rohtabak verbrannten, auch die „elektrische Zentrale stand lange Zeit in Gefahr“, schrieb die Südhannoversche Volkszeitung. Ein späteres Zeitungs-Zitat transportiert etwas von der Urgewalt und zerstörerischen Kraft des Feuers. „Furchtbar war die Wirkung“, hieß es da, „wenn das rasende Element sich durch die Straßen der Stadt wälzte, wenn die ihr Opfer suchende Flamme sich prasselnd auf die mit Stroh und Heu gefüllten Scheunen stürzte, in die Korn- und Warenspeicher einbrach und an den Giebeln der dürren Holzbauten emporschoss.“

Die Löscharbeiten waren zum Scheitern verurteilt, an mehr als Schadensbegrenzung war kaum zu denken. Dabei hatte man bereits ein Jahrzehnt zuvor begonnen, das Feuerlöschwesen, das in früheren Zeiten Bürgerpflicht gewesen war, auf festere Füße zu stellen. Die Freiwillige Feuerwehr existierte seit 1898, sie umfasste knapp 100 Mann. Doch ihre Ausrüstung war aus heutiger Sicht vergleichsweise kümmerlich: eine Holzleiter, Feuereimer und Handdruckspritzen. Eine Wasserleitung sollte die Stadt erst 16 Jahre später bekommen – und das bei der herrschenden Wassernot.

Das Markt- und Sackstraßenviertel wurde großflächig zerstört. Mindestens 50 Wohnhäuser, dazu 100 kleinere Hintergebäude, zerfielen zu Asche. Ein trauriger rauchender Trümmerhaufen befand sich im Zentrum der Stadt. Darunter waren – neben improvisierten Bauten und Schuppen – auch unwiederbringliche Schätze, wie das reich verzierte Fachwerkgebäude des Schmiedemeisters Krone, das früher als eines der „schönsten Häuser Alt-Duderstadts“ gepriesen wurde. Erst zwei Tage später vermeldete die Zeitung erleichtert: Das Feuer konnte gelöscht werden. Der Schaden insgesamt: mehr als eine Million Goldmark. Rund 90 Familien wurden obdachlos. Ein Problem, denn schon seit geraumer Zeit herrsche ein Mangel an kleinen Wohnungen. Dass niemand zu Schaden kam, war wohl nur der Zeit des Brandbeginns geschuldet. „Wäre das Feuer in der Nacht ausgebrochen, so wäre unfehlbar eine Anzahl Personen dem Feuer zum Opfer gefallen“, attestiert die Gazette.

Für die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, endeten die Schwierigkeiten nicht. Denn ihre Häuser waren zum Teil viel zu niedrig versichert, schrieb die Südhannoversche. In Fettdruck heißt es weiter: „Hier muss schnellstens die öffentliche allgemeine Wohltätigkeit in Arbeit treten.“ Eine Aufforderung, der man nachkam: Binnen kurzer Zeit bilden Honoratioren von Stadt und Kirche ein Hilfskomitee. Das Blatt übte auch Kritik: Zahlreiche Personen hätten herumgestanden und gegafft und die Arbeit so behindert. Ein „unentschuldbares“ Verhalten.

Nach dem Brand stand die Stadt unter Schock. Eine gute Gelegenheit für Trittbrettfahrer, weiter Angst und Schrecken zu säen. Am Tag nach Ende der Löscharbeiten wurde des Nachts ein Mann beim Feuerlegen in der Scheune eines Schlachters am Westerturm ertappt. Er konnte vertrieben werden, entkam allerdings und soll dabei gerufen haben; „Wenn jetzt nicht, passt es ein anderes Mal.“

Die Gluthitze blieb. Selbst der Seeburger See stand so niedrig wie nie zuvor, einen halben Meter war er inzwischen abgesunken. Vielleicht war es dieser Trockenheit geschuldet, dass eine Woche nach dem großen Feuer eine 40 Meter lange Insel aus den Tiefen des Gewässers auftauchte. Es gibt Bilder von ihr: Eine handvoll Männer traute sich hinauf, mit Hut und Fahne ließen sie sich stolz auf dem neuen Eiland ablichten. Zehn Tage später war die namenlose Insel wieder verschwunden. Was genau ihr Auf- und Abtauchen hervorrief, blieb ein Rätsel.

Das Unglück nahm kein Ende: Drei Wochen später wurde wieder Feueralarm gegeben: Im Bereich am Obertor brannten 13 Häuser. Dann, wieder einen Monat später, am 8. Oktober, wurde ein halbes Dutzend Scheunen „ein Raub der Flammen“. Doch ob die Feuer jenes Jahres auf Brandstiftung zurückgingen, wurde nie geklärt.

Zumindest aber schaffte die Stadt unter dem Eindruck der Feuer besseres Gerät an: Eine Dampfspritze sollte den Kampf erleichtern. Vier Jahre später hatte sie beim nächsten Großfeuer von 1915 ihre erste große, nicht vollends erfolgreiche Bewährungsprobe.
Weniger schnell als die Insel im See verschwanden die Schäden. Eine Neubau ist noch heute gut zu identifizieren: Am Pferdemarkt entstand das „Tettau-Ensemble“. Die Pläne lieferte der Berliner Regierungsbaumeisters Freiherr Wilhelm von Tettau. Er hatte gewisse Vorgaben zu beachten: das 1907 erlassene „Ortsstatut gegen die Verunstaltung der Straßen und Bezirke der Stadt Duderstadt“ sollte Bauten regulieren – zum Leidwesen der Bürger. Eine Inschrift am Haus Marktstraße 7 zeigt das: „Schrecklich tobt des Feuers Brunst, schrecklicher des Staates Gunst, die uns half errichten.“

Die Brände haben Spuren im Stadtbild hinterlassen, die bis in die Gegenwart sichtbar sind. „Die Brände hatten ... nicht nur einen zerstörerischen Effekt, sondern es wurde danach auch meist einheitlicher und aufwendiger wieder aufgebaut“, formulierte Autor Dietrich Denecke 2002 im Buch „Das Eichsfeld. Ein deutscher Grenzraum“. 1911 hatten die Menschen vermutlich noch eine andere Sicht auf die Dinge.

Von Erik Westermann

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