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Duderstadt Tansanier zu Gast in Duderstadt
Die Region Duderstadt Tansanier zu Gast in Duderstadt
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00:17 21.05.2017
Christopher Kihwele zeigt Rotarier Benno Wüstefeld seine Prothese. Quelle: R
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Duderstadt

2012 fuhr Christopher Kihwele im Bus von Daressalam nach Tanga, als der Bus eine Panne hatte. Da der damals 38-Jährige einen Platz über dem Zugang zum Motorraum hatte, musste er mit anderen Reisenden aussteigen und vor dem Bus auf die Weiterfahrt warten. Dann passierte das Unglück. Der Fahrer hatte die Handbremse nicht angezogen und der Bus rollte los. Bei dem Unfall zerquetschte das Vorderrad Kihweles linke Hand. "Neun Tonnen Gewicht sind über meinen Arm gerollt", erzählt er. Das nächste Krankenhaus war drei Stunden entfernt. Dort erhielt er die Nachricht, dass seine linke Hand amputiert werden müsse.

Anfrage aus Tanga

Zu seinem Glück hatte Kihwele eine private Unfallversicherung, welche die Erstversorgung mit Prothese bezahlte. Da er Mitglied bei den Rotariern war, legten diese zusammen und bezahlten ihm den Flug nach Deutschland. Gleichzeitig fragte der Rotary-Club Tanga bei den Duderstädter Rotariern an, ob er bei ihnen untergebracht werden könne. Und auch dieses Mal wohnt er beim Rotarymitglied Michael Osburg in Gerblingerode.

Phantomschmerz: Der Verlust spielt sich im Kopf ab.  

Der Unfall veränderte das Leben von Christopher Kihwele. 16 Jahre hatte er einer Bank gearbeitet, war in allen Abteilungen eingesetzt. "Doch Behinderungen sind in der Gesellschaft in Tansania nicht so akzeptiert wie in Deutschland", erklärt der Afrikaner. Er verlor seinen Job. Und er hatte mit einem psychischen Problem zu kämpfen: "Wenn ich die Hand nicht sehe, habe ich Schmerzen. Der Verlust spielt sich im Kopf ab." Dass der Phantomschmerz psychisch bedingt ist, zeigte sich bei seinem ersten Besuch bei Ottobock. "Dort wurde ich vor eine Spiegelkonstruktion gestellt, die die rechte Hand auf die andere Seite spiegelte", berichtet er. Als er im Spiegel wieder auf beiden Seiten eine Hand sah, sei der Schmerz für die Dauer des Anblicks fort gewesen. Und auch heute noch verhindere die Prothese das erneute Auftreten des Schmerzes.

Lernprozess dauert an

Der Lernprozess, mit der Prothese zu leben, dauere immer noch an, erzählt Kihwele. Sie ermögliche ihm vieles. Doch immer wieder würden Situationen auftreten, für die er sich seine eigene Lösung überlegen müsse. "Aber man findet immer einen Weg, wie die neue Hand zu gebrauchen ist", sagt der 43-Jährige. So sei ihm gleich zu Beginn beigebracht worden, wie er ein Ei halten könne. "Trotzdem habe ich mich anfangs oft mit Plastikwasserflaschen nassgespritzt", verweist er darauf, dass er erst lernen musste, die immense Kraft der Prothese einzuschätzen. Die Prothese sei ein Stück Lebensqualität, das über den reinen Werkzeugcharakter hinausgehe. Lange Zeit sei er nach dem Unfall frustriert gewesen. "Als ich nach Duderstadt kam, fand ich Hoffnung", sagt er.

Grüne Wälder statt Abholzung

In Deutschland gefällt es dem Mann aus Tansania. "Ich mag die deutsche Architektur", erzählt er. In Deutschland seien die Städte gut geplant. Und auch das viele Grün gefalle ihm. Die großen Waldflächen seien ihm gleich bei der Zugfahrt aufgefallen. In seiner Heimat hingegen werde sehr viel Waldrodung betrieben. Auch herrsche in seiner Heimat die Meinung, dass die Deutschen sehr streng seien. "Davon habe ich nichts gemerkt", erzählt Christopher Kihwele. Vielmehr sei ihm aufgefallen, dass viel gelacht werde. Auch habe er in Deutschland keine Diskriminierung erfahren. "Ich fühle mich hier wohl", sagt er. Am Wochenende reist er zurück nach Tansania zu seiner Frau und seinen drei Kindern.

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