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Duderstadt Schützenmuseum mit Salutschüssen und Segnung eröffnet
Die Region Duderstadt Schützenmuseum mit Salutschüssen und Segnung eröffnet
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19:42 10.07.2011
Von Kuno Mahnkopf
„Auf dem Weg zur Schützenhauptstadt der Republik“: Wolfgang Nolte spricht bei der Eröffnungsfeier für das neue Museum. Quelle: Thiele

Am Westerturm herrschte Volksfestatmosphäre, als Schützenhauptmann Friedrich Einecke und Ehrenhauptmann Ernst-Wilhelm Werner mit den Schützenkindern Josefina Hasse und Jacob Borchardt das goldene Portal erstmals für Museumsbesucher öffneten. Zuvor gab es viele lobende Worte über den ebenfalls golden glänzenden Museumsanbau, der das Westerturm-Ensemble abrundet, für den Initiator und Sponsor Hans Georg Näder das Goldene Protektorabzeichen des Deutschen Schützenbundes und die Goldene Ehrenplakette des Landesverbandes.

„Ein Traum geht in Erfüllung“, sagte Näder und erinnerte daran, dass die Idee bereits vor zehn Jahren bei einer Schützenrunde im Rathaus geboren wurde. „Unser Guckenheim wird heute eröffnet“, spielte Näder mit Blick auf den Architekten Rolf Gnädinger, der auch das Science Center in Berlin entworfen hat, auf das Guggenheim-Museum in Bilbao und den Heimatbegriff an: „Architektur soll polarisieren. Aus Reibung entsteht Bewegung, aus Bewegung Zukunft.“

Einen Bogen zu drei Jahrzehnten Weiterentwicklung des städtebaulichen Erbes schlug Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) – von der Stadtmauersanierung bis zum Rathaus, das im kommenden Jahr als weitere Erlebnisstation auf allen sieben Ebenen zugänglich gemacht wird. Mit dem neuen Museum sei Duderstadt auf dem Weg zur Schützenhauptstadt der Republik. Der mutige Architekturentwurf werde in der Bürgerschaft akzeptiert, ohne Zustimmung der Nachbarn wäre das Projekt nicht möglich gewesen.

„Besser kann das Schützenwesen nicht erlebbar gemacht werden“, freute sich Einecke über die Realität gewordene Vision. Die Bedeutung der Einrichtung gehe weit über die Region hinaus. „Es harmoniert fantastisch“, merkte Pastor Karl Wurm an, der anfangs „äußerst skeptisch“ gegenüber der Kombination von „Fachwerk und Guggenheim“ gewesen war.

Das multimediale Ausstellungskonzept, an dem Maria und Reinhard Hauff mitgestrickt haben, lässt herkömmliche Schützenmuseen wie in Celle oder Neuss alt aussehen. Exponate wie Waffen, Schützenvogel und -scheiben spielen nur eine Nebenrolle. Zweisprachig erzählen sprechende Steine in der freigelegten Stadtmauer mit sonorer Stimme Stadtgeschichte. An einem interaktiven Tisch werden zur Synchronstimme von Kevin Costner und Al Pacino Verteidigungsszenarien im Mittelalter simuliert, im Georgsturm zeigen Dioramen familienverträgliche Bordell- und Folterszenen, mit Armbrust und Vogelbüchse kann virtuell geschossen werden.

Kommentar von Kuno Mahnkopf

City air makes you free, greift das neue Museum in Anlehnung an die Neukonzeption des Grenzlandmuseums zweisprachig eine historische Formel auf. Stadtluft macht frei. Architektonisch mag das auf die Berliner Luft zutreffen. Zum Duderstädter Stadtbild und mittelalterlicher Authentizität passt der mit golden glänzenden Kupferblechen verkleidete Anbau in Form eines geschliffenen Diamanten, der an das Interieur italienischer Eisdielen erinnert, nicht – zumindest auf den ersten Blick. Er beißt sich mit dem Fachwerk-Rohdiamanten der ehemaligen Turmstube ebenso wie farblich mit der Stahl-Glas-Konstruktion auf der anderen Seite des Westerturms. Innenstadtbewohner, die an ihren denkmalgeschützten Häusern etwas ändern möchten und statt auf Blech oftmals auf Granit beißen, dürften befremdet sein. Erlebnisstationen einer mittelalterlichen Stadt? Eher ein Hauch Metropolis. Soweit die kritische Sicht. Man kann es aber auch anders sehen. Durch die Kombination aus alt und neu ist ein echter Hingucker entstanden. Der garantiert nicht nur ein museales, sondern auch ein architektonisches Alleinstellungsmerkmal, durchbricht den Automatismus der Wahrnehmung und fasziniert durch die Kühnheit der Kontraste. Mit Fachwerk allein lockt man heute keinen auswärtigen Besucher mehr hinter dem Ofen hervor. Und selbst eine historisierende Lösung hätte die Stadt nicht stemmen können: Erst das finanzielle Engagement von Hans Georg Näder und öffentliche Zuschüsse haben ebenso die Rettung der Turmstube wie die außergewöhnliche architektonische Ergänzung des touristischen Leuchtturmprojektes ermöglicht. Erstaunlich schnell gewöhnt man sich als Einheimischer an das Unikat mit den stürzenden Linien, dessen Bauausführung ebenso brillant wie Turmstuben-Sanierung und Ausstellungskonzept ist. Die äußere Gestaltung der neuen Erlebnisstation polarisiert, sorgt für Gesprächsstoff und Aufmerk-
samkeit. Und das ist schon die halbe Miete.

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