Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt „Was Kirche vor Ort ausmacht“
Die Region Duderstadt „Was Kirche vor Ort ausmacht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 23.09.2017
Weihbischof Heinz-Günter Bongartz auf dem Weg zum Redaktionsgespräch beim Eichsfelder Tageblatt. Quelle: Foto: Hinzmann
Anzeige
Duderstadt

„Wir machen alle sechs Jahre eine große Visitation“, erklärt der Weihbischof seine Besuche im Dekanat Untereichsfeld. Dabei besuche er alle Gemeinden sowie Berufsgruppen, ehrenamtlich Engagierte, Teams und Angestellte. So habe er sich am Mittwoch mit Religionslehrern getroffen und auch die Malteser und die Caritas aufgesucht. Während der Visitation versuche er, einen Einblick zu gewinnen, „was Kirche vor Ort ausmacht“. Dabei habe er im Eichsfeld eine lebendige Kirche vorgefunden mit vielen Menschen, denen es eine Herzensangelegenheit ist und die ein „unheimliches Engagement zeigen“.

Die große Visitation, wie sie in diesem Jahr auf dem Programm stehe, erfolge alle sechs Jahre. Nach zwei Jahren gebe es dann die kleine Visitation. Da schaue er aber vielmehr intern, was aus den verschiedenen Themen geworden ist. Propst Bernd Galluschke ergänzte, dass es zwischen den beiden Visitationen noch eine Evaluation, also eine Auswertung der Besuche, gebe.

Inklusiver Campus – Projekt mit beeindruckender Dimension

Eines der Themen, die Bongartz im Eichsfeld beeindrucken, sei der Inklusive Campus. Er habe dazu bereits zahlreiche Gespräche mit verantwortlichen Gruppen gehabt. Er habe auch über Baupläne und Personal erfahren, entscheidend seien aber die pastoralen Aspekte. Zur genauen Beteiligung des Bistums wolle er sich jedoch noch nicht äußern. Darüber sei zu entscheiden, wenn man sehe, wie das Ganze sich bündelt. „Wir sind ja noch in der Entwicklungsphase“, so der Weihbischof. Aber was ihm in den Vorbereitungsgruppen vorgestellt worden sei, habe „eine beeindruckende Dimension“, sagt Bongartz.

Frage der zukünftigen Schulform

In Duderstadt gehe es auch weiterhin um die St.-Ursula-Schule, die im kommenden Jahr keine neuen Schüler mehr aufnehme. „Es stellt sich die Frage, wie eine zukünftige Form der Schule gestaltet werden könne.“ Es sei wichtig, möglichst für alle Beteiligten eine Klarheit zu schaffen, wenn es zu keiner Übernahme durch einen kommunalen Träger komme. Da bislang alle angedachten Lösungen nicht zu einer vernünftigen Lösung geführt hätten, stelle sich eben die grundsätzliche Frage, ob es als IGS fortgeführt werden könne. „Ich kann den Elternwunsch verstehen“, so Bongartz. Eine IGS habe natürlich ihren Reiz. Deshalb habe das Bistum es ja auch versucht. Doch auf Dauer sei eine IGS mit zwei Zügen nicht zu verantworten. „Das lässt sich schulpädagogisch und auch finanziell nicht darstellen.“ Es gebe dann auch noch einen weiteren Aspekt. „Wenn etwas finanziell nicht mehr gestaltet werden kann, halten Sie auf Dauer auch keine Qualität mehr vor“, erklärt der Weihbischof, warum eine bestimmte Anzahl an Schülern gebraucht werde. „Gerade in Feldern wie Schule oder auch Krankenhaus erwarten die Menschen, dass sie gut versorgt werden.“ Es gehe bei solchen Entscheidungen immer auch um die Menschen und die Verantwortung ihnen gegenüber. „Wir wollen es nicht nur immer ökonomisch anschauen.“

„Kirche ist wie ein Marktplatz“

Ein interessantes Projekt im Dekanat Untereichsfeld sei das Gemeindezentrum Tiftlingerode. „Christen leben Kirche für die Welt“, sagt Bongartz. „Sie sind da für die Menschen in der jeweiligen Kommune.“ Wenn es dabei zu Ressourcenbündelung komme, könne es nur „mehr als sinnvoll sein“. Kirche sei wie ein Marktplatz, auf dem Menschen sich treffen. „Kirche will Beziehungen“, sagt der Weihbischof. Wenn dadurch Kooperationen entstehen, sei das wunderbar.

Aufstellung des Bistums für die Zukunft

Eine besondere Aufgabe sei die Aufstellung des Bistums für die Zukunft. So wie es einen Pflegenotstand gebe, weil es nicht ausreichend Pfleger gebe, gebe es auch einen Priesternotstand. „Wir haben nicht die Anzahl an Priestern, die wir benötigen“, sagt der Weihbischof. Das gelte auch für Laientheologen. Deshalb habe sich das Bistum neu aufgestellt. Dabei würden aber alle 119 Pfarrgemeinden bestehen bleiben. „Es sind keine Zusammenlegungen geplant“, so Bongartz. Die Frage, die es zu beantworten gelte, sei die der Verteilung der Seelsorger, die zur Verfügung stehen. In die Beantwortung seien auch die Gemeinden einbezogen worden. Der Stellenplan werde jetzt den Gemeinden in schriftlicher Form vorgelegt. Die Neuaufstellung sorge für eine Überschaubarkeit, die zugleich mit Verlässlichkeit verbunden sei. Im Dekanat Untereichsfeld werden nach dem neuen Plan je zwei Pfarrer für die jeweils drei Pfarreien Gieboldehausen, Bilshausen und Rhumspringe sowie für Seulingen, Nesselröden und Duderstadt zuständig sein, erläutert der Propst. Hinzu kämen ein Gemeindereferent, Dekanatspastoralreferent sowie eine Stelle für das Jugendpastoral. „Die Pfarrgemeinden werden also nur zusammen betreut und nicht zusammengelegt.“

Weniger schlecht aufgestellt als oft behauptet

Auf die Frage, wie sich Kirche verändern müsse, damit sie moderner und auch für junge Leute wieder interessanter werde, reagiert der Weihbischof zunächst mit einer Gegenfrage. „Was ist modern?“ Er kenne viele Jugendliche, die seien alles andere als modern. „Ich glaube, dass Kirche weniger schlecht aufgestellt ist, als oft behauptet wird.“ Es gebe in der Pfarrgemeinde drei kirchliche Kindergärten und im gesamten Bistum 150. „Ich erlebe Erzieherinnen als ganz modern.“ Auch habe er sich am Vormittag mit 20 Religionslehrern getroffen, „die mit unheimlichem Engagement Kirche und Glauben vorleben“. Bongartz verwies auf 100 junge Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen Pflege lernen. „Sie wollen anderen Menschen mit christlicher Intention helfen.“ Leider werde manchmal aus dem Blick verloren, „dass das auch Kirchorte sind“. „Er habe bei der Caritas gesehen, mit welchem Engagement sich die Menschen um Flüchtlinge kümmern. „Sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen ist doch modern“, sagt Bongartz. Es gehe doch darum, wenn man das alte Bild der Schrift nehmen möchte, nicht die Masse, sondern der Sauerteig zu sein. „Ich erlebe, wie dadurch viele Beziehungen möglich sind.“

„Jetzt ist die schönste Zeit für die Kirche“

„Die Menschen werden nicht mehr in die Kirche hineingeboren“, sagt der Weihbischof. Er sei froh, dass es die Ständegesellschaften nicht mehr gebe, wo viele Dinge vorgegeben waren. „Jetzt ist die schönste Zeit für die Kirche“, erklärt Bongartz. Denn es gehöre auch zum Christentum, in Freiheit zu leben. „Und dann muss man auch akzeptieren, dass Leute sich entscheiden, nein zu sagen.“ Man müsse sich von der Haltung trennen, dass alle zur Kirche dazugehören. „Wenn alle zu 100 Prozent zu etwas stehen, ist es auch gefährlich.“ Es sei viel mehr wichtig, den Menschen zu vermitteln, dass Kirche vernünftig sei. Es gehe darum, für seine Einstellung mit Plausibilität zu werben und sich an die Zeit anzupassen. „Anders, glaube ich, geht Kirche nicht mehr.“

Von Rüdiger Franke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Herbstferienprogramm bietet die Heinz Sielmann Stiftung an. Bei den Veranstaltungen während des Programms, das am Sonntag, 1. Oktober, beginnt und am Freitag, 6. Oktober, endet, geht es um das Thema „Natur erleben“.

23.09.2017

Das St-Martini-Krankenhaus in Duderstadt setzt ein neues Verfahren bei der Behandlung chronischer Wunden ein. Mit dem “Ultraschall-Assistierten Wunddebridement” soll der Wundheilungsprozess deutlich verkürzt werden. Als Debridement bezeichnen Mediziner das Säubern von infiziertem Gewebe.

23.09.2017

Zum dritten Mal wird das Pfarrheim St. Cyriakus in Duderstadt den Kunsthandwerkermarkt „Inspiriert“ beherbergen. Am Sonnabend, 4., und Sonntag, 5. November, bieten rund 40 Kunsthandwerker aus dem Eichsfeld, Göttingen, dem Harz und dem Weserbergland ihre Waren an.

20.09.2017
Anzeige