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Friedland Sprachbarriere beim Arztbesuch überwinden
Die Region Friedland Sprachbarriere beim Arztbesuch überwinden
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16:30 27.11.2018
Ministerpräsident Weil (Mitte) lässt von Projektleiter Frank Müller und Eva Hummers, Chefin der Abteilung Allgemeinmedizin an der Uni Göttingen, die „Dictum“-Informationshilfe vorführen. Quelle: Swen Pförtner
Friedland

„Dictum“ („Digitale Informationshilfe für nicht-deutschsprechende Patienten“) ist ein über Tablet-Computer steuerbares Programm, das als Kommunikations- und Übersetzungshilfe in derzeit 16 Sprachen dient. Weil das Programm nicht nur als Text, sondern auch per Audio und per Video in Echtzeit funktioniert, müssen die Patienten noch nicht einmal des Lesens oder des Schreibens kundig sein, erläuterte Frank Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin des Göttinger Universitätsklinikums. Müller hat Konzept und Programm entwickelt, das seit Mai im Grenzdurchgangslager eingesetzt wird.

Dolmetscher-Probleme

Start für „Dictum“, eines Projektes des Uni-Klinikums, der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, der Malteser Friedland und der Aidminutes GmbH, war vor zwei Jahren. Das System kann die zuvor unverzichtbaren Dolmetscher ersetzen, deren Einsatz nicht nur wegen der sich daraus ergebenden Datenschutzprobleme problematisch waren. Ohnehin sei es schwierig geworden, geeignete und verlässliche Dolmetscher im ländlichen Raum zu finden, meint Müller. Die Genauigkeit des Übersetzens sei ein weiteres Problem, gerade im medizinischen Bereich. So ließen sich viele Begriffe nicht in allen Sprachen eins zu eins übersetzen, so dass in vielen Fällen eine gewisse Frustration beim Patienten und beim Arzt auftreten könne.

Das „Arztgespräch“ via Dictum folge einer ganz normalen Anamnese bei einem ganz normalen Arztbesuch, erklärte Müller. Eingangs stehe die Frage nach den Symptomen, die dann über Nachfragen zu Schwere, Häufigkeit oder Zeiten des Auftreten weiter ausdifferenziert werden könne. Mit „Dictum“ sollen Ärzte dabei nicht nur simplen Krankheiten auf die Spur kommen können, sondern beispielsweise über die Frage nach Schlafstörungen auch psychischen Problemen. Das sei gerade bei den häufig traumatisierten Flüchtlingen ein wichtiges Element, meint Müller. Solche Patienten kämen häufig aus Kulturen, in denen es Menschen schwer falle, eigene psychische Probleme anzusprechen.

Automatische Übersetzung

Im Wartezimmer machen die Patienten auf einem Tablet in ihrer eigenen Landessprache Angaben zu ihrem Gesundheitszustand, ohne dass sie jemand vor Ort unterstützen muss. Während des Gesprächs via „Dictum“ sieht der Patient auf dem Bildschirm als „Arzt“ eine reale Person, die zuvor eigens für das Programm gefilmt wurde. Die übersetzte Zusammenfassung nutzt das medizinische Personal für Anamnese, Diagnose und letztlich auch zur Behandlung. In der letzten Projektphase soll „Dictum“ auch in fünf Hausarztpraxen in der Region eingesetzt werden, die viele Patienten mit Migrationshintergrund behandeln. Langfristig soll die Software auch in Rettungswagen eingesetzt werden.

“Hochinteressantes Projekt“

Die Landesregierung hält das Projekt für derart interessant, dass sie sich am Dienstagmorgen zu einer eigenen Kabinettssitzung im Lager Friedland traf. Ministerpräsident Weil zeigte sich ausgesprochen beeindruckt: „“Das ist ein hochinteressantes Projekt“, lobte Weil. „Dass die Menschen mithilfe einer Software und eines Tablets ihre Beschwerden in ihrer eigenen Landessprache beschreiben können, ist ein sehr überzeugender Ansatz. In meiner Sicht hat das auch eine Perspektive für die hausärztliche Versorgung ländlicher Räume.“ Das Programm trage auch „zu besser informierten Ärzten“ bei.

Vor der „Dictum“-Präsentation hatte das Landeskabinett eine reguläre Sitzung im Lager abgehalten. Dazu begrüßte Jens Grote, Präsident der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, das Kabinett und erläuterte die aktuellen Herausforderungen für die Behörde. Dazu zählten vor allem der Abschiebungsvollzug und der Zustand der Gebäude im Lager, die zu großen Teilen einen erheblichen Sanierungsbedarf aufwiesen. Nach der Kabinettssitzung schloss sich ein Rundgang durch das Grenzdurchgangslager an.

Von Matthias Heinzel

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