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Gieboldehausen Acht Iraner zwischen Zukunftsplänen und Hoffnungslosigkeit
Die Region Gieboldehausen Acht Iraner zwischen Zukunftsplänen und Hoffnungslosigkeit
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21:16 24.05.2018
Pastor Jens-Arne Edelmann mit Gespräch mit getauften Geflüchteten  Quelle: Rüdiger Franke
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Wollershausen

 „Niemand hat uns eine Einladung geschickt, ich weiß das“, sagt der 31-jährige Omid Khorshidi. Er ist einer derjenigen, die einen Abschiebebescheid bekamen. „Die deutsche Regierung kann nicht jedem vertrauen. Das weiß ich auch.“ Doch die aktuelle Situation sei belaste ihn sehr. Er könne sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Da sei immer die Angst vor „schlechten Briefen“. „Ich will arbeiten und nicht nur zu Hause bleiben, aber mit unserem Ausweis kann ich keine Arbeit finden.“

Nachweis des Glaubens

„Fünf der getauften Flüchtlinge sind nicht anerkannt“, sagt Pastor Jens-Arne Edelmann. Das sei ein existenzieller Unterschied, denn die anderen hätten den Aufenthalt für drei Jahre genehmigt bekommen und könnten auch aus Wollershausen wegziehen. Die Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sei immer eine Ermessensentscheidung. Dabei spiele es in den Interviews unter anderem auch eine Rolle, ob den Antragstellern die Konversion zum Christentum geglaubt werde. „Sie müssen in der Verhandlung nachweisen, dass sie als Christen leben.“

Schlechter Schlaf

„In meiner Heimat konnten wir nicht unsere Meinung äußern“, erklärt Omid Korshidi. Ein Religionswechsel im Iran sei sehr gefährlich. Seine Religion habe er immer nur geheim gelebt. Mit Sorgen in die Zukunft schaut auch der 70-jährige Seyed Ali Arabi. „Ich kann schlecht schlafen“, erzählt er.

Keine schönen Träume

Ebenso ergeht es dem Ehepaar Naser und Maedeh Naseri, dass zurzeit in Obernfeld wohnt. „Wir liegen oft lange wach“, sagt der 33-jährige Naser. „Und wenn wir schlafen, dann träumen wir viel, aber keine schönen Sachen.“ Das wirke sich auf ihre Leistungen aus. Im Dezember schlossen sie ihren Integrationskurs an der Volkshochschule in Duderstadt ab, Koordinatorin Maria Müller hob ihre Leistungen hervor. Die beiden sprechen bereits sehr gut deutsch. „Jetzt fällt uns das Lernen schwer.“ Die Existenzangst wirke sich stark auf ihre Konzentration aus. Auch verlassen sie nicht mehr so häufig wie früher ihre Wohnung. „Wir haben uns vor dem Bescheid viel mit Leuten getroffen.“ Aber jetzt weinen sie oft und bleiben zu Hause.

Zuhause und Eltern verlassen

„Wir wissen nicht, was wir machen können“, sagt Naser. Sie haben ihr Zuhause und ihre Eltern verlassen. „Wir sind nicht wegen der Arbeit hergekommen.“ In der südiranischen Stadt Ahvaz hatten die beiden Informatiker Arbeit, ein Auto, eine Wohnung und auch viele Freunde. „Aber wir wollten unseren Glauben leben. Deshalb sind wir fortgegangen.“ Sie ließen sich bereits während ihres zwei Monate dauernden Zwischenaufenthalts in Griechenland taufen.

Probleme bei der Wohnungssuche

Aber auch ohne die Angst vor der Abschiebung gibt es für die anerkannten Flüchtlinge in Wollershausen oft noch Probleme. „Ich finde keine Wohnung“, sagt der 37-jährige Mojtaba Mir-Oliaei. „Wenn die Leute unseren Nachnamen sehen, bekommen wir sofort eine Absage.“ Die Menschen müssten ihn und seine Frau nur kennenlernen, sagt der Pastor. So sei es auch in Wollershausen gewesen. Viele der Flüchtlinge seien mittlerweile im Ort gut vernetzt.

Lernen in jedem Alter

Der 14-jährige Sepehr Mahpeyma geht in Duderstadt auf das Eichsfeld Gymnasium. „In manchen Fächern ist es richtig schwer, die Aufgaben zu verstehen“, sagt er. Deshalb gehe er wie andere auch zu Elke Schakowske. Die Frau des Wollershäuser Gemeindebürgermeisters hilft den jungen Flüchtlingen beim Lernen. Seine 19-jährige Schwester Ronak hat ihr Abitur bereits im Iran gemacht. Dort musste sie Kopftuch tragen. Es gab keinen gemeinsamen Unterricht für Jungs und Mädchen. „Im Iran konnten wir keine Christen sein“, sagt Ronak. Sie möchte Medizin studieren. Ihr Vater, der 52-jährige Sohrab Mahpeyma, müsse noch besser deutsch lernen, bevor er in Deutschland arbeiten könne. Dafür benötige er das A2-Zertifikat. Daran arbeiten derzeit auch Mojtaba Mir-Oliaei und seine Frau.

Klage vor dem Verwaltungsgericht

Ungleich größer sind die Sorgen derer, die abgeschoben werden sollen. „Das ist der Grund, warum wir uns regelmäßig treffen“, sagt Pastor Edelmann. In diesen Treffen versuchen sie, sich gegenseitig zu stärken. Die Betroffenen haben sich einen Anwalt genommen und klagen vor dem Verwaltungsgericht in Hannover. Doch die Angst, vor dem, was vor Gericht passieren kann, sei groß, wie Naser Naseri sagt. „Wir haben zurzeit keine Hoffnung in die Zukunft.“

Keine Taufe im Vorübergehen

Behörden wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bezweifeln, dass viele der getauften Geflüchteten es wirklich ernst meinen und vermuten, dass diese nur ihre Asylchancen verbessern wollen, sagte Volkmar Keil, Superintendent des Kirchenkreises Harzer Land, während der jüngsten Kirchenkreistagssitzung. „Normalerweise taufen die Gemeinden nicht einfach so im Vorübergehen“, machte Keil deutlich. Es gebe immer eine Glaubensprüfung und wer, wenn nicht die Kirche, könne beurteilen, ob es jemand mit der Taufe ernst meine. Wenn nun diese Ernsthaftigkeit bezweifelt werde, sei das auch eine Unterstellung, die Kirche taufe Menschen unbedacht. Das könne man nicht unkommentiert im Raum stehen lassen, so Keil. „Es handelt sich um eine Anmaßung staatlicher Stellen, gegen die wir protestieren sollten.“

Von Rüdiger Franke

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