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Göttingen Privat Strom aus Wind gemacht
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00:21 11.08.2018
April 1998: Das Windrad bei Geismar wird errichtet. Quelle: Thorsten_Bothe
Göttingen

Der „Startschuss“ für die Planungen für ein Windrad bei Geismar war die schwere Explosion im Kernkraftwerk Tchernobyl in der heutigen Ukraine am 26. April 1986, schreibt Werner Lamke in seinem Bericht über die Entstehungsgeschichte des Projekts. Erst nach und nach sickerten Informationen über die Nuklearkatastrophe und die Auswirkungen auf fast ganz Europa durch. In den kommenden Tagen überlegten die Mitglieder der Hausgemeinschaft Angerstraße 12a, ob und wie man sich schützen könne: man beschloss, einen Vorrat von noch unbelasteten Weizenkörnern anzuschaffen, der dann im Dachboden in einer Kammer lagerte – dort wurde auch die neu angeschaffte elektrische Mühle deponiert. Andere Vorsichts- und Bevorratungsmaßnahmen folgten.

Lokal für die Energiewende

Die Mitglieder der Hausgemeinschaft, damals durchweg auf der Seite der Atomkraftgegner, diskutierten zunächst darüber, wie man lokal etwas für die Energiewende tun könnte. 1990 ließen sie Taten folgen und setzten mit Unterstützung des 1000-Dächer-Programms der Bundesregierung eine 1,8 Kilowatt-Solaranlage aufs Dach. Ein Jahr später wurde im Keller des Hauses Angerstraße 12a ein Blockheizkraftwerk (BHKW) eingebaut – das erste in Göttingen in einem Wohnhaus.

Es war der Bewohner Klaus Züchner, der auf die Idee kam, ein Windrad zu errichten. Im Oktober 1993 wurde eine GmbH gegründet. Gründungsmitglieder waren alle damaligen Bewohner der Angerstraße 12a. Die Firmenbezeichnung: „Energie-Verbund-Angerstraße GmbH“ - eine lokale Bürgerinitiative, die mit BHKW, Solarkraft und Windkraft verschiedene nachhaltige Energieerzeugungssysteme miteinander verbinden will. Nach einigen Verzögerungen, unter anderem wegen der Standortfrage, ging das erste Windrad der GmbH im Sommer 1996 bei Deiderode in Betrieb. Nabenhöhe: 65 Meter. In den 22 Jahren seiner Betriebszeit hat die Anlage etwa 17,2 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt – im Schnitt ausreichend für die Energieversorgung von etwa 250 Familien.

1,5-Megawatt-Mühle

Schon bei der Feier zu dieser Inbetriebnahme konnte die GmbH von Plänen zur Errichtung eines weiteren Windrads bei Geismar berichten. Auch andere Standorte waren im Gespräch gewesen – etwa oberhalb von Bovenden in Deppoldshausen oder auf den Feldern zwischen Esebeck und Knutbühren. Die Baugenehmigung für den Standort Geismar erteilte die Stadtverwaltung Anfang Juli 1997, und im Januar 1998 wurde mit dem Bau des Fundaments für eine 1,5-Megawatt-Windmühle begonnen. Doch dann gab es Schwierigkeiten: Wegen großer Nachfrage konnte der Windrad-Hersteller Enercon nicht liefern. Doch die Zeit drängte: Bis zum 30. April 1998 musste das neue Windrad ans Netz gehen. Danach endete die Frist zur Inbetriebnahme.

Doch diese Frist konnte knapp eingehalten werden: Das Windrad ging am 29. April in Betrieb. Allerdings lieferte die Windmühle im ersten Betriebsjahr deutlich weniger Strom als erwartet, was die GmbH in ihrem Bestand bedrohte. Im Jubiläumsjahr, schreibt Windrad-Historiker Werner Lamke, „liegen die finanziellen Schwierigkeiten des Anfangs weit zurück“. Seit Februar 2012 ist die Firma schuldenfrei. In sämtlichen Betriebsjahren habe die GmbH, wie vertraglich festgelegt, fünf Prozent Garantieverzinsung an ihre Gesellschafter auszahlen können. Lamke: „Seit einigen Jahren schüttet sie darüber hinaus Gewinne aus, so dass die Gesellschafter die Steuern, die auf die Gewinnzuschreibungen anfallen, begleichen können. Das Windrad hat nach 20 Jahren Betrieb etwa 28 Millionen Kilowattstunden ins Netz eingespeist.“ Mit dieser Leistung können 500 Familien mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 3000 Kilowattstunden Strom versorgt werden.

Wirtschaftlich durch EEG

Ein Grund für die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Windrad-Projekts ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dieses Stromeinspeisegesetz verpflichtete die großen Energieversorger, Strom aus regenerativen Umwandlungsprozessen von Dritten abzunehmen und zu festen Preisen zu vergüten, die Jahr für Jahr neu festgelegt wurden. Zwei Folgen unter vielen: Privatleute konnten ihre Anlagen nun erstmals rentabel und kalkulierbar betreiben, aber für den Endverbraucher stiegen die Stromkosten.

Die 20 Jahre Betrieb des Windrads bei Geismar feiert die GmbH am Sonntag, 19. August, ab 14 Uhr. Vorgesehen sind eine Begehung des Windrads, ein Kinderprogramm, Beratungsangebote der Energieagentur Göttingen und Musik mit der Blues Brothers Band der IGS Göttingen. Ebenfalls zu Gast: der Göttinger Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin, einer der Väter des EEG.

Von Matthias Heinzel

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